Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten
Harninkontinenz ist ein weit verbreitetes Problem, vor allem ältere Menschen sind vermehrt vom unwillkürlichen Verlust von Urin betroffen. Neben der Verschlechterung der Lebensqualität hat Inkontinenz auch weitreichende gesundheitliche sowie soziökonomische Folgen und wirkt sich auf die Pflegebedürftigkeit aus [1]. Um eine bestmögliche Betreuung und Behandlung für die geriatrische Patientengruppe nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu gewährleisten, wurde die aktuelle medizinische Leitlinie “Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten – Diagnostik und Therapie” zum dritten Mal umfassend aktualisiert und jetzt veröffentlicht [2].
Bei älteren, vor allem multimorbiden gebrechlichen Älteren ist Harninkontinenz nicht so sehr als ein Symptom einer Erkrankung zu sehen, sondern viel mehr als ein „geriatrisches Syndrom“. Viele Risikofaktoren wie etwa Polypharmazie, Einschränkung der Kognition und Mobilität, physiologische Altersversänderungen sowie viele weitere Einschränkungen betreffen nicht nur direkt den unteren Urogenitaltrakt, können aber die Funktion des unteren Harntraktes verschlechtern und eine Inkontinenz auslösen bzw. verschlimmern, schreiben die Autoren der Leitlinie.
Die Erstellung der Leitlinie erfolgte unter dem besonderen Blickwinkel des multimorbiden, multimedizierten, vulnerablen und von Chronifizierung sowie Autonomieverlust bedrohten geriatrischen Patienten. Die vorhandenen Kapitel wurden überarbeitet und zwei neue Kapitel ergänzt.
Leitlinie „Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten“ zum dritten Mal umfassend aktualisiert
Die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) leitete die Erstellung der S2k-Leitlinie „Harninkontinenz bei geriatrischen Patienten – Diagnostik und Therapie“. Zwei Jahre arbeiteten Experten der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU), die Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), der Deutschen Kontinenz Gesellschaft (DKG) sowie der Inkontinenz Selbsthilfe und der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft (DGP) mit der DGG zusammen.
Leitlinien-Koordinator Professor Andreas Wiedemann, Leiter der Arbeitsgruppe Inkontinenz bei der DGG, sagte: „Wir haben wichtige neue Handlungsempfehlungen erarbeitet, die insbesondere bei hochaltrigen Patientinnen und Patienten zu mehr Lebensqualität führen können [3].“
Zwei neue Kapitel zu Langzeit-Drainage und psychosomatischen Aspekten
Das Leitliniendokument umfasst folgende Kapitel:
- Basisdiagnostik von Funktionsstörungen des unteren Harntraktes beim geriatrischen Patienten
- Erweiterte Diagnostik
- Patientenfragebögen und Assessmentinstrumente
- Operative Therapie der Harninkontinenz
- Medikamentöse Therapie
- Verhaltensintervention
- Toilettentraining
- Physiotherapeutische und physikalische Interventionen
- Hilfsmittel
- Qualifizierte Pflegefachkräfte für Kontinenzstörungen
- Instrumentell Harnblasen-Langzeitdrainage
- Psychosomatische Aspekte der Harninkontinenz bei älteren Menschen
„Komplett neu ist das Kapitel zur instrumentellen Harnblasen-Langzeitdrainage. Denn gerade hier gibt es viele neue Daten über die Lebensqualität von Katheter-Trägern. Bei geriatrischen Patienten ist es häufig so, dass sie nicht mehr therapiert werden können oder keinen Therapiewunsch haben, aber dank Katheter noch versorgt werden können“, erklärte Wiedemann. Außerdem wurde ein Kapitel, das sich explizit mit psychosomatischen Aspekten von Harninkontinenz bei älteren Menschen befasst, neu aufgenommen.
Umfangreiche Überarbeitungen, breiterer Anwendungsbereich
Die Expertengruppe überarbeitet auch alle anderen Kapitel in einem strukturierten Konsensprozess. „Die Reichweite der fachlichen Anwendung dieser Leitlinie ist noch größer geworden. Sie ist nicht nur für Geriater gedacht, sondern für alle, die geriatrische Patienten mit Harninkontinenz in ihren Abteilungen und Praxen behandeln“, sagte Wiedemann.
„Manchmal kann es auch Sinn machen, eine abgeänderte oder kürzere Version eines Behandlungsprogramms durchzuführen, um der besonderen Vulnerabilität geriatrischer Patienten gerecht zu werden. Auch dafür gibt die vorliegende neue Leitlinie konkrete Handlungsempfehlungen zur Orientierung.“









