Cyanocobalamin

Cyanocobalamin ist eine synthetische, stabile Form des Vitamin B12 (Cobalamin-Gruppe), die zur Substitution eines Vitamin-B12-Mangels eingesetzt wird. Es gehört zu den meistverwendeten Cobalaminen in der Arzneimitteltherapie und Nahrungsergänzung.

Cyanocobalamin

Anwendung

Indikationen

Cyanocobalamin ist angezeigt zur Behandlung eines gesicherten Vitamin-B12-Mangels, unabhängig von der Genese, z. B. bei:

  • Malabsorption infolge von Intrinsic-Factor-Mangel (perniziöse Anämie),
  • Erkrankungen des terminalen Ileums,
  • nach Magen- oder Ileumresektion,
  • chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen,
  • streng veganer Ernährung oder parenteraler Ernährung ohne Supplementierung.

Es wird eingesetzt zur Therapie megaloblastärer Anämien, bei neurologischen Störungen aufgrund von Vitamin-B12-Mangel sowie zur Prophylaxe bei erhöhtem Risiko eines Mangels.

Anwendungsart

Cyanocobalamin kann oral, intramuskulär, intravenös oder in bestimmten Fällen auch subkutan verabreicht werden. Bei oraler Anwendung wird das Präparat entsprechend der Schwere des Mangels über Wochen bis Monate eingenommen; bei Injektionsanwendung erfolgt zunächst eine Intensivphase (z. B. täglich oder mehrmals wöchentlich) und anschließend eine Erhaltungsphase (z. B. einmal monatlich) entsprechend der Fachinformation.

Wirkmechanismus

Cyanocobalamin selbst ist pharmakologisch inaktiv und wird im Körper zu den aktiven Formen Methylcobalamin (zytosolisch) und 5-Desoxyadenosylcobalamin (mitochondrial) umgewandelt. Diese Coenzyme fungieren als essenzielle Kofaktoren bei der Methionin-Synthase (Übertragung einer Methylgruppe von 5-Methyl-THF auf Homocystein) sowie bei der Methylmalonyl-CoA-Mutase (Umbau von Methylmalonyl-CoA zu Succinyl-CoA). Durch diese Wirkungen unterstützt Vitamin B12 die Nukleinsäuresynthese, die Myelinsynthese und die Erythropoese. 

Pharmakokinetik

  • Resorption: Nach oraler Einnahme wird Cyanocobalamin im Ileum resorbiert. Zwei Mechanismen sind beteiligt: ein aktiver Transport über den Intrinsic Factor-abhängigen Weg und eine passive Diffusion bei hohen Dosen. 
  • Verteilung: Im Plasma wird Cobalamin vorwiegend an Transcobalamin II (Transportform) gebunden und in die Leber sowie andere Gewebe verteilt, wo es gespeichert wird. 
  • Metabolisierung: Cyanocobalamin wird intrazellulär zur Decyanierung gebracht und in die aktiven Cobalamin-Formen überführt; eine umfangreiche hepatische Metabolisierung im Sinne klassischer Arzneimittel ist nicht beschrieben. 
  • Elimination: Die Eliminierung erfolgt überwiegend renal über die Nieren; erhebliche Mengen werden in der Leber gespeichert – die Halbwertszeit im Gewebe kann mehrere Wochen bis Monate betragen. 
  • Besondere Hinweise: Die Körper-Speicher-Kapazität von Vitamin B12 ist groß, weshalb eine orale Substitution bei funktionierender Resorption oft ausreichend ist. Bei schwerer Malabsorption sind parenterale Applikationen erforderlich.

Dosierung

Die Dosierung von Cyanocobalamin richtet sich nach Art der Untersuchung, dem klinischen Zustand und patientenspezifischen Faktoren:

  • Orale Dosis bei Mangel meist im Bereich von 100 µg bis 1000 µg täglich oder mehrfach wöchentlich in der Initialphase;
  • Bei intramuskulärer Anwendung häufig 100 µg bis 1000 µg täglich bzw. jeden zweiten Tag in der Initialphase, gefolgt von monatlicher Gabe zur Erhaltung; 
  • Dauer und Frequenz abhängig von Ursache des Mangels (z. B. Malabsorption oder Erkrankung des Ileums) und müssen individuell festgelegt werden.

Nebenwirkungen

Cyanocobalamin wird in der Regel gut vertragen. Sehr selten (< 1/10.000) wurden immunologische Reaktionen wie anaphylaktische bzw. anaphylaktoide Reaktionen beschrieben. Weiterhin sind sehr selten akneähnliche Hautreaktionen, ekzematöse oder urtikarielle Arzneimittelreaktionen dokumentiert. 

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Cyanocobalamin zu beachten:

  • Präparate, welche die Magensäure reduzieren oder den Intrinsic Factor beeinträchtigen (z. B. Protonenpumpenhemmer, H2-Blocker, Magenresektion) können die Aufnahme von Cyanocobalamin vermindern.
  • Eine gleichzeitige Einnahme hoher Dosen Folsäure kann einen Maskierungseffekt einer Vitamin-B12-Mangelsituation hervorrufen.
  • Bei Patienten mit Leber- oder Niereninsuffizienz sollte der Vitaminstatus engmaschig überwacht werden.

Kontraindikation

Cyanocobalamin darf nicht angewendet werden bei Überempfindlichkeit gegen Cyanocobalamin oder einen der sonstigen Bestandteile. 

Schwangerschaft

Für Cyanocobalamin liegt keine Restriktion der Anwendung in der Schwangerschaft vor; höhere Dosen brachten nach bisherigen Erfahrungen keine nachteiligen Auswirkungen auf den Fetus. 

Stillzeit

Cyanocobalamin geht in die Muttermilch über. Eine Anwendung während der Stillzeit ist unter Beachtung des Vitamin-B12-Bedarfs zulässig. 

Verkehrstüchtigkeit

Cyanocobalamin beeinflusst die Verkehrstüchtigkeit oder die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen nicht.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Cyanocobalamin zu beachten:

  • Überwachung: Es sollte vor und während der Therapie der Vitamin-B12-Spiegel sowie bei Anämie der Blutstatus kontrolliert werden.
  • Mangelursache klären: Eine Supplementation ohne Abklärung der Ursache (z. B. Malabsorption, GI-Operationen) kann Symptome lediglich verschleiern.
  • Folsäure-Beachtung: Bei gleichzeitiger Folsäuresubstitution muss auf einen Cobalamin-Mangel geachtet werden, da nur die Folsäure-Therapie den neurologischen Schaden nicht verhindert.
  • Intrinsischer Faktor: Bei bekannten Resorptionsproblemen (z. B. nach Gastrektomie) ist eine parenterale Gabe erforderlich.

Alternativen

Als mögliche Alternativen zu Cyanocobalamin kommen folgende Wirkstoffe infrage:

  • Hydroxocobalamin – eine natürlich vorkommende Cobalamin-Form mit längerer biologischer Halbwertszeit, bevorzugt für die parenterale Substitution bei Vitamin-B12-Mangel; zusätzlich Antidot bei Cyanidvergiftung.
  • Methylcobalamin – Methylcobalamin – aktive, endogene Coenzymform von Vitamin B12; vorwiegend als Nahrungsergänzung erhältlich, in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen.
  • Adenosylcobalamin – mitochondriale Coenzymform von Vitamin B12, beteiligt an mitochondrialen Stoffwechselreaktionen (z. B. Methylmalonyl-CoA-Mutase); derzeit nur als Nahrungsergänzung verfügbar.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
1355.37 g·mol-1
Autor:
Stand:
21.01.2026
Quelle:
  1. Fachinformation „Vitamin B12-ratiopharm N“ (Cyanocobalamin) (Stand: Januar 2019) ratiopharm.de
  2. DGE Leitlinie Vitamin-B12-Versorgung, 2021.
  3. UpToDate, “Clinical manifestations and diagnosis of vitamin B12 and folate deficiency”, 2024.
  4. NIH Office of Dietary Supplements, Vitamin B12 Fact Sheet.
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