Desmopressin

Desmopressin ist ein synthetisches Analogon von Vasopressin, das die V2-Rezeptoren in den Nieren aktiviert, um die Wasserreabsorption zu erhöhen und die Urinausscheidung zu verringern. Es wird zur Behandlung von Diabetes insipidus zentralen Ursprungs, nächtlicher Enuresis und bestimmten Blutungsstörungen eingesetzt.

Desmopressin

Anwendung

Desmopressin besitzt folgende Indikationsgebiete:

Primäre Enuresis nocturna (Bettnässen bei Kindern)

  • Zur Behandlung von Bettnässen bei Kindern ab 5 Jahren, wenn organische Ursachen ausgeschlossen wurden und andere nicht-medikamentöse Maßnahmen erfolglos waren.

Zentraler Diabetes insipidus

  • Desmopressin wird zur Behandlung des zentralen Diabetes insipidus verwendet. Diese Erkrankung ist durch einen Mangel an antidiuretischem Hormon (ADH) gekennzeichnet, wodurch der Körper große Mengen an Urin produziert. Desmopressin wirkt als synthetisches ADH und reduziert die Urinausscheidung.

Nykturie bei Erwachsenen mit nächtlicher Polyurie

  • Desmopressin wird bei Erwachsenen zur Behandlung der Nykturie eingesetzt, die durch eine übermäßige nächtliche Urinproduktion gekennzeichnet ist (Polyurie). Eine Nykturie wird diagnostiziert, wenn die nächtliche Urinmenge mehr als ein Drittel der gesamten Urinproduktion innerhalb von 24 Stunden ausmacht.

Behandlung von leichten bis mittelschweren Blutungsstörungen

Desmopressin kann zur Behandlung bestimmter Blutungsstörungen verwendet werden, wie z.B. bei:

  • Leichter bis mittelschwerer Hämophilie A.
  • Von-Willebrand-Jürgens-Syndrom (Typ I), das durch einen Mangel oder eine Funktionsstörung des von-Willebrand-Faktors gekennzeichnet ist.
  • Angeborene oder medikamenteninduzierte Thrombozytendysfunktion.

Diagnostikum zur Differentialdiagnose von Diabetes insipidus

  • Desmopressin wird auch in der Diagnostik eingesetzt, um zwischen zentralem Diabetes insipidus und nephrogenem Diabetes insipidus sowie anderen Ursachen für Polyurie zu unterscheiden.

Anwendungsart

Desmopressin wird als Nasenspray, Sublingualtabletten, Tabletten oder Injektionslösung verabreicht, abhängig von der Indikation und den spezifischen Anforderungen.

Wirkmechanismus

Desmopressin ist ein synthetisches Analogon des natürlichen antidiuretischen Hormons Vasopressin (auch bekannt als L-Arginin-Vasopressin). Die Unterschiede, die du beschreibst, sind entscheidend für die pharmakologische Wirkung von Desmopressin:

  • Entfernung der Aminogruppe des Cysteins an Position 1: Diese Modifikation trägt zur Stabilität von Desmopressin bei, indem es weniger anfällig für enzymatischen Abbau ist als das natürliche Vasopressin. Dadurch hat es eine längere Wirkdauer im Körper.
  • Austausch von L-Arginin durch D-Arginin: Die Verwendung von D-Arginin anstelle von L-Arginin führt zu einer Erhöhung der Selektivität und Wirksamkeit von Desmopressin in Bezug auf seine antidiuretische Wirkung. Dieser stereochemische Wechsel verändert die Bindungseigenschaften des Moleküls und führt zu einer spezifischeren Wirkung auf die V2-Rezeptoren in den Nieren, die für die Regulation der Wasserrückresorption verantwortlich sind.

Diese strukturellen Veränderungen machen Desmopressin zu einer stabileren und länger wirksamen Version des natürlichen Hormons, mit einer selektiveren antidiuretischen Wirkung und weniger Auswirkungen auf den Blutdruck (im Vergleich zu natürlichem Vasopressin, das auch auf V1-Rezeptoren wirkt und die Blutgefäße verengt).

Desmopressin wirkt, indem es selektiv an die V2-Rezeptoren in den Nieren bindet, was die Einlagerung von Aquaporin-2-Kanälen in den Sammelrohrzellen fördert. Dies erhöht die Wasserrückresorption und reduziert die Urinausscheidung, was besonders bei Erkrankungen wie zentralem Diabetes insipidus und Nykturie nützlich ist.

Pharmakokinetik

Nasenspray:

  • Resorption: Die Bioverfügbarkeit beträgt etwa 3-5%, und die maximale Plasmakonzentration wird nach ca. einer Stunde erreicht.
  • Verteilung: Desmopressin wird nach einem Zweikompartimentmodell verteilt, mit einem Verteilungsvolumen von 0,3–0,5 l/kg in der Eliminationsphase.
  • Biotransformation: Es wird nicht signifikant über das Cytochrom-P450-System in der Leber metabolisiert, daher sind Wechselwirkungen mit lebermetabolisierenden Substanzen unwahrscheinlich.
  • Elimination: Die Gesamtclearance beträgt 7,6 l/h, und die terminale Halbwertszeit wird auf 2,8 Stunden geschätzt. Etwa 52% der Dosis werden unverändert über den Urin ausgeschieden.

Parenteral:

  • Resorption: Nach subkutaner Injektion beträgt die Bioverfügbarkeit etwa 85% im Vergleich zur intravenösen Gabe, und die maximale Plasmakonzentration wird nach etwa 60 Minuten erreicht.
  • Verteilung: Die Verteilung erfolgt nach einem Zweikompartimentmodell, mit einem Verteilungsvolumen von 0,3–0,5 l/kg während der Eliminationsphase.
  • Biotransformation: Der Metabolismus erfolgt kaum über das Cytochrom-P450-System in der Leber, weswegen eine signifikante Metabolisierung in der Leber als unwahrscheinlich gilt.
  • Elimination: Die Gesamtclearance beträgt ebenfalls 7,6 l/h, und 52% der Dosis werden unverändert im Urin ausgeschieden.

Tabletten:

  • Resorption: Die Bioverfügbarkeit liegt bei 0,08–0,16%, und die maximale Plasmakonzentration wird nach etwa 2 Stunden erreicht. Die gleichzeitige Nahrungsaufnahme verringert die Resorption um etwa 40%.
  • Verteilung: Das Verteilungsvolumen beträgt 0,2–0,37 l/kg. Desmopressin passiert die Blut-Hirn-Schranke nicht, und die Halbwertszeit beträgt 2–3 Stunden.
  • Biotransformation: Wie bei den anderen Verabreichungsformen wird es nicht signifikant über das CYP450-System in der Leber metabolisiert.
  • Elimination: Etwa 45% der Dosis werden innerhalb von 24 Stunden im Urin ausgeschieden.

Dosierung

Sublinguale Anwendung

  • Einnahme: Tablette unter die Zunge legen, bis sie sich ohne Wasser auflöst. Nahrungsaufnahme kann den Effekt verringern.
  • Anwendungshinweise: Bei Anzeichen von Wasserretention oder Hyponatriämie (z.B. Kopfschmerzen, Übelkeit, Gewichtszunahme) Behandlung unterbrechen und Flüssigkeitszufuhr begrenzen.

Primäre Enuresis nocturna

  • Startdosis: 120 µg vor dem Schlafengehen
  • Maximale Dosis: Bis zu 240 µg, wenn die Startdosis nicht ausreicht
  • Behandlungsdauer: Bis zu 3 Monate. Weitere Behandlung nach mindestens 1 Woche Pause prüfen.

Nykturie bei nächtlicher Polyurie

  • Startdosis: 60 µg vor dem Schlafengehen
  • Maximale Dosis: Bis zu 240 µg, bei Bedarf wöchentlich erhöhen
  • Behandlungsüberwachung: Urinmenge vor und während der Therapie messen

Zentraler Diabetes insipidus

  • Startdosis: 3-mal täglich 60 µg
  • Maximale Dosis: 720 µg/Tag, Dosis individuell anpassen

Nasenspray 

  • Ein Sprühstoß enthält 10 µg Desmopressin.

Zentraler Diabetes insipidus & traumatisch bedingte Polyurie

  • Kinder: Tägliche Dosis 10 µg
  • Erwachsene: 10–20 µg/Tag
  • Überwachung: Harnosmolalität regelmäßig überprüfen.

Als Diagnostikum

Kurztest zur Untersuchung der Nierenkonzentrationsfähigkeit und zur Differentialdiagnose des Diabetes insipidus:

  • Erwachsene: 40 µg (entspricht 4 Sprühstößen)
  • Kinder über 1 Jahr: 20 µg (entspricht 2 Sprühstößen)
  • Kinder unter 1 Jahr: 10 µg (entspricht 1 Sprühstoß)

Parenterale Anwendung 

  • Anwendung: Intravenös, intramuskulär oder subkutan

Zentraler Diabetes insipidus

  • Dosierung: 1–4 µg (¼–1 Ampulle) 1–2 mal täglich
  • Kinder: 0,1–1 µg, angepasst an Alter und Bedarf

Tablettenform 

  • 0,1 mg & 0,2 mg Tabletten verfügbar

Primäre Enuresis nocturna

  • Startdosis: 0,2 mg vor dem Schlafengehen
  • Maximale Dosis: 0,4 mg/Tag, Dosissteigerung bei unzureichendem Effekt
  • Behandlungsdauer: Bis zu 3 Monate, Pause von 1 Woche vor Verlängerung

Nykturie

  • Startdosis: 0,1 mg vor dem Schlafengehen
  • Maximale Dosis: Bis zu 0,4 mg, wöchentlich steigerbar

Zentraler Diabetes insipidus

  • Dosierung: 0,1–0,2 mg 3-mal täglich, individuell anpassbar

Nebenwirkungen

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen und Magen-Darm-Erkrankungen. Sehr selten kommt es zu Hyponatriämie und allergischen Reaktionen.

Wechselwirkungen

Folgende Wechselwirkungen sind bei der Anwendung von Desmopressin zu beachten:

  • SIADH-induzierende Substanzen: Trizyklische Antidepressiva, SSRIs, Chlorpromazin, Carbamazepin und Indometacin verstärken das Risiko von Wasserretention und Hyponatriämie.
  • NSAIDs: Können ebenfalls Wasserretention und Hyponatriämie verursachen.
  • Loperamid: Erhöht die Desmopressin-Konzentration und das Risiko von Wasserretention.
  • Nahrungsaufnahme: Eine fettreiche Ernährung verringert die Resorption und Wirkdauer von Desmopressin.
  • Oxytocin: Verstärkt den antidiuretischen Effekt und verringert die Uterusdurchblutung.
  • Verstärkung: Clofibrat, Indometacin und Carbamazepin verstärken die Wirkung von Desmopressin.
  • Abschwächung: Glibenclamid schwächt die Wirkung a

Kontraindikationen

Desmopressin darf nicht angewendet werden bei:

  • Psychogener oder habitueller Polydipsie
  • Bestehender oder Verdacht auf Herzinsuffizienz
  • Hyponatriämie oder einer Prädisposition zur Hyponatriämie
  • gleichzeitiger Behandlung mit Diuretika
  • Mäßiger bis schwerer Niereninsuffizienz (Kreatinin-Clearance < 50 ml/min
  • Unkontrolliertem Bluthochdruck
  • SIADH (Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion)

Schwangerschaft

Die Anwendung von Desmopressin während der Schwangerschaft erfordert besondere Vorsicht, und eine regelmäßige Überwachung des Blutdrucks. Es liegen nur begrenzte Daten zur Anwendung bei schwangeren Frauen vor (insgesamt 107 dokumentierte Fälle).

Desmopressin sollte in der Schwangerschaft ausschließlich nach einer sorgfältigen Abwägung von Nutzen und Risiko verordnet werden.

Stillzeit

Desmopressin geht in sehr geringen Mengen in die Muttermilch über. Bei therapeutischen Dosen sind keine negativen Auswirkungen auf das gestillte Kind zu erwarten.

Verkehrstüchtigkeit

Desmopressin hat keinen oder einen zu vernachlässigenden Einfluss auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit zum Bedienen von Maschinen.

Anwendungshinweise

Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Desmopressin zu beachten:

  • Flüssigkeitsaufnahme: Unzureichende Einschränkung der Flüssigkeitsaufnahme kann zu Wasserretention und Hyponatriämie führen, in schweren Fällen zu Hirnödem und Krampfanfällen.
  • Flüssigkeitsbeschränkung: Übermäßige Flüssigkeitsaufnahme vermeiden, besonders bei Erbrechen oder Durchfall.
  • Gewichtszunahme: Kann durch Überdosierung oder verstärkte Flüssigkeitsaufnahme verursacht werden.
  • Blasenfunktion: Vor der Behandlung Blasenfunktionsstörungen ausschließen.
  • Risikogruppen: Kinder, ältere Patienten und solche mit niedrigen Natriumwerten haben ein erhöhtes Risiko für Hyponatriämie.
  • Arzneimittelwechselwirkungen: Bestimmte Medikamente (z. B. Antidepressiva, Antiphlogistika) erhöhen das Risiko von Hyponatriämie.
  • Renaler Diabetes insipidus: Desmopressin ist bei renalem Diabetes insipidus wirkungslos.
  • Organische Ursachen der Nykturie: Diese sollten vor Beginn der Therapie ausgeschlossen werden.
  • Überwachung: Die Anwendung sollte unter sorgfältiger Beobachtung des Blutdrucks, des Plasmanatriumspiegels und der Harnausscheidung erfolgen.
  • Leberstoffwechsel: Es ist unwahrscheinlich, dass Desmopressin mit Arzneimitteln interagiert, die den Leberstoffwechsel beeinflussen, da es nicht signifikant über die Leber metabolisiert wird. In-vivo Studien wurden jedoch nicht durchgeführt.
  • Nahrungsaufnahme: Die gleichzeitige Einnahme von Nahrung kann die Absorption von Desmopressin um 40% verringern. Obwohl kein signifikanter Effekt auf die Urinproduktion beobachtet wurde, kann bei einigen Patienten die antidiuretische Wirkung beeinflusst sein.
  • Schwangerschaft: Desmopressin kann mit Vorsicht während der Schwangerschaft angewendet werden. Eine Blutdrucküberwachung wird aufgrund des erhöhten Risikos einer Präeklampsie empfohlen.
  • Stillzeit: Desmopressin gelangt in die Muttermilch, jedoch in geringen Mengen, die die Diurese des Kindes nicht beeinflussen. Desmopressin kann während der Stillzeit verwendet werden.
  • Fertilität: Es wurden keine Studien zur Fertilität durchgeführt.
  • Zystische Fibrose und Präeklampsie: Bei diesen Patienten sollte Desmopressin mit Vorsicht angewendet werden.
  • Herzleiden: Bei Patienten mit Herzleiden, hohem Blutdruck oder chronischem Nierenleiden müssen mögliche Nebenwirkungen berücksichtigt werden.
  • Dopingkontrollen: Die Anwendung von Desmopressin kann zu positiven Ergebnissen bei Dopingkontrollen führen.

Alternativen

Es gibt verschiedene Alternativen zu Desmopressin, die je nach zugrunde liegender Erkrankung und individuellen Patientenbedürfnissen in Betracht gezogen werden können. Die Alternativen umfassen je nach Indikation:

1. Primäre Enuresis nocturna (Bettnässen)

  • Verhaltenstherapie: z.B. Wecksysteme (Alarmtherapie), um die Blasenkontrolle zu verbessern.
  • Anticholinergika: Medikamente wie Oxybutynin können die Blasenkapazität erhöhen und die Symptome bei Bettnässen lindern.

2. Zentraler Diabetes insipidus

  • Thiaziddiuretika: Diese können die Urinausscheidung reduzieren, indem sie die Nierenausscheidung von Natrium und Wasser senken.
  • Indometacin: Ein nichtsteroidales Antiphlogistikum, das die Empfindlichkeit der Nieren auf ADH erhöht und die Urinausscheidung verringern kann.

3. Nykturie bei Erwachsenen

  • Antimuskarinika: Solifenacin oder Tolterodin können helfen, die Blase zu entspannen und die Häufigkeit des nächtlichen Wasserlassens zu verringern.
  • Alpha-Blocker: Medikamente wie Tamsulosin werden oft bei Männern mit Prostatavergrößerung verwendet, um den Harnfluss zu verbessern und nächtliches Wasserlassen zu reduzieren.

4. Blutungsstörungen

  • Faktor VIII-Konzentrate: Bei Hämophilie A können Faktor-VIII-Konzentrate direkt verabreicht werden.
  • Von-Willebrand-Faktor-Konzentrate: Diese werden bei schwereren Formen des von-Willebrand-Jürgens-Syndroms verwendet, wenn Desmopressin nicht ausreicht oder nicht geeignet ist.

Es ist wichtig, dass die Auswahl der Therapie individuell angepasst wird, abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung, dem Patientenprofil und möglichen Nebenwirkungen. Ein Arzt sollte immer konsultiert werden, um die beste Alternative zu bestimmen.

Wirkstoff-Informationen

Molare Masse:
1044.16 g·mol-1
Mittlere Halbwertszeit:
ca. 2.6 H
Q0-Wert:
0.5
Autor:
Stand:
10.10.2024
Quelle:

Fachinformationen Minirin und Nocutil

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden
67 Präparate mit Desmopressin