Der neue IW-Gemeindecheck zur Daseinsvorsorge zeigt deutliche Unterschiede bei der Gesundheitsversorgung zwischen deutschen Kommunen. Ländliche Regionen schneiden bei der Versorgung mit Ärzten, Apotheken und Krankenhäusern meist schlechter ab als Städte und ihr Umland.
Für den „IW-Gemeindecheck Daseinsvorsorge“ untersuchte das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag von Philip Morris insgesamt 10.817 Gemeinden anhand von 17 Indikatoren aus den Bereichen Gesundheit, Bildung, Mobilität, Freizeit und Digitalisierung. Im Gesundheitsbereich flossen die Erreichbarkeit von Hausärzten, Krankenhäusern, Apotheken und Pflegeeinrichtungen in die Bewertung ein.
Haar führt das Ranking an
Keine Gemeinde in Deutschland ist laut IW besser versorgt als Haar bei München. Die 23.000-Einwohner-Kommune erreicht bundesweit Rang eins. Ebenfalls vorne liegen Offenbach am Main, Frankfurt am Main und Memmingen. Überraschend gut schneiden auch kleinere Städte wie Friedrichroda in Thüringen oder Radebeul in Sachsen ab.
Am Ende des Rankings liegt Hirschthal in der Südwestpfalz. Auch Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Rheinland-Pfalz weisen viele schlecht versorgte Gemeinden auf. Nordrhein-Westfalen schneidet im Ländervergleich dagegen am besten ab: Dort gelten 86 % der Gemeinden als „gut“ oder „sehr gut“ versorgt.
Große Unterschiede bei der Gesundheitsversorgung
Bei der Versorgung mit Gesundheitseinrichtungen werden wie in anderen Bereichen Unterschiede zwischen Stadt und Land deutlich. Während im städtischen Raum 61,2 % der Menschen mit der Gesundheitsversorgung zufrieden sind, sind es im ländlichen Raum nur 46,1 %.
Die Untersuchung offenbart eine wahrgenommene Verschlechterung der Gesundheitsversorgung in den vergangenen fünf Jahren. Mehr als jeder dritte Befragte auf dem Land berichtet demnach von einer schlechteren Versorgung mit Ärzten und Krankenhäusern. Ursachen seien vor allem Praxisschließungen und Klinikaufgaben in strukturschwachen Regionen. In Städten würden dagegen eher längere Wartezeiten und eingeschränkte Zugänge als Verschlechterung wahrgenommen.
Bei der Apothekenversorgung fällt das Urteil insgesamt besser aus. Vier von fünf Menschen in Städten bewerten die Versorgung mit Apotheken positiv. Auch im ländlichen Raum schneiden Apotheken in der Wahrnehmung der Bevölkerung besser ab als Arztpraxen oder Krankenhäuser.
Gesundheitsdaten aus Arztsuche, Klinik-Atlas und aponet
Für die Analyse der Gesundheitsversorgung griffen die Forscher auf verschiedene digitale Datenquellen zurück. Die Standorte von Hausärzten wurden über die Arztsuche des Patientenservices 116117 der Kassenärztlichen Bundesvereinigung erhoben. Krankenhäuser identifizierte das IW über den Bundes-Klinik-Atlas des Bundesgesundheitsministeriums (BMG). Die Daten zu Apotheken stammen aus der Suchfunktion von aponet.de, die von der Avoxa – Mediengruppe Deutscher Apotheker GmbH betrieben wird.
Informationen zu Pflegeeinrichtungen lieferte der Pflegelotse des Verbands der Ersatzkassen (vdek). Anschließend wurden die Adressen der Einrichtungen per Geocoding in geografische Koordinaten umgewandelt, um die Erreichbarkeit von Arztpraxen, Kliniken und Apotheken für die Bevölkerung berechnen zu können. Bundesweit erfasste das IW insgesamt knapp 61.000 Hausärzte, mehr als 16.700 Apotheken, rund 1.600 Krankenhäuser und fast 12.000 Pflegeeinrichtungen.
Wahrnehmung wichtiger als tatsächliche Versorgung
Begleitend zum Gemeindecheck befragte das IW mehr als 5.400 Menschen zur Zufriedenheit mit der Daseinsvorsorge. Insgesamt bewerten 53 % ihre Versorgung positiv, nur jeder Vierte ist unzufrieden. Die Studie zeigt auch hier erhebliche Stadt-Land-Unterschiede. Während im städtischen Raum 61,2 % der Menschen mit der Gesundheitsversorgung zufrieden sind, sind es im ländlichen Raum nur 46,1 %.
Auffällig ist, dass speziell unter AfD-Anhängern die Unzufriedenheit mit der Versorgung vor Ort überwiegt. Laut Studienautor Matthias Diermeier würden AfD-Wähler die Daseinsvorsorge häufig „durch einen Pessimismusfilter“ wahrnehmen. Die Forscher betonen deshalb, dass nicht allein die objektive Versorgung entscheidend sei. Politische Unzufriedenheit speise sich auch daraus, wie Menschen staatliche Leistungen wahrnehmen und bewerten.












