Ärzte kritisieren pharmazeutische Dienstleistungen

Die Bundesärztekammer sowie verschiedene Ärzteverbände haben die Entscheidung über die pharmazeutischen Dienstleistungen der Apotheken stark kritisiert. Insbesondere ein Missverhältnis bei der Vergütung der Leistungen im Vergleich zu den Medizinern wurde dabei bemängelt.

Stopp Arzt

Seit dem 10. Juni stehen die pharmazeutischen Dienstleistungen fest. Diese wurden im Herbst 2020 mit dem Vor-Ort-Apotheken-Stärkungsgesetz (VOASG) beschlossen. Nach Entscheidung der Apothekenschiedsstelle umfassen die neuen Leistungen neben einer erweiterten pharmazeutischen Betreuung von Patienten mit Polymedikation, oraler Tumortherapie und Immunsuppressiva nach Organtransplantation auch Inhalativa-Schulungen und eine Risikoerfassung bei Hypertonie-Patienten.

Apotheken zufrieden mit neuen Leistungen

Die Präsidentin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Gabriele Regina Overwiening bezeichnete die pharmazeutischen Dienstleistungen als „Meilenstein für die Patientenversorgung“. Thomas Dittrich, Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbandes (DAV) erklärte „Wir haben lange für die pharmazeutischen Dienstleistungen gekämpft und verhandelt. Jetzt gibt es ein gutes Leistungsportfolio, das die Apotheken auch im Interesse der Patienten umsetzen können, ohne dass es dazu einer ärztlichen Verordnung bedarf.“ Während sich die Apothekerschaft also zufrieden zeigt, hagelt es seitens der Ärzteverbände scharfe Kritik an den neuen Betreuungsangeboten.

Eingriff in ärztliche Angebote

Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) kritisierte "Patienten sind keine Kunden und Apotheken keine Arztpraxen-to-go. Die Beratung in der Apotheke kann die ärztliche Diagnose und Therapieempfehlung nicht ersetzen, auch nicht ansatzweise.“ Die vorgesehenen Dienstleistungen der Apotheken würden ohne Mehrwert bleiben, so Reinhardt.

In einer Pressemitteilung des Deutschen Hausärzteverbandes heißt es seitens des Bundesvorsitzenden, Ulrich Weigeldt, durch die pharmazeutischen Dienstleistungen würde die Versorgung weiter zerstückelt und hausärztliche Angebote ausgelagert. Eine solche Zersplitterung werde die Versorgung eher verschlechtern als verbessern. „Am Ende werden die Hausärztinnen und Hausärzte diejenigen sein, die für die Patientinnen und Patienten diese ganzen unterschiedlichen Beratungen zusammenbringen und bewerten müssen. Diese Entwicklung ist genau das Gegenteil von dem, was gute Versorgung ausmacht“, so Weigeldt weiter.

Missverhältnis bei Vergütung

Ein Punkt, der von den Ärzteverbänden immer wieder aufgegriffen wird, ist die Vergütung, die die Apotheken für die pharmazeutischen Dienstleistungen erhalten sollen. "Die Höhe der Vergütung steht (…) in einem krassen, nicht zu verantwortenden Missverhältnis zur Vergütung vergleichbarer ärztlicher Leistungen.“, so der BÄK-Präsident. Auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, betont die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte würden die gleiche Leistung trotz der besseren fachlichen Qualifikation zu einem deutlich geringeren Satz erbringen. „Das kann nicht sein.“

Apotheken erhalten höhere Vergütung als Ärzte

Der Verband der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V. (Virchowbund), führt hierzu in einer Pressemitteilung einige Beispiele auf. So sollen Apotheken für das dreimalige Blutdruckmessen im Rahmen der Risikoerfassung bei Hypertonie-Patienten 11,20 Euro netto erhalten. Das sei beinahe doppelt so viel, wie ein niedergelassener Arzt für eine Langzeit-Blutdruckmessung über mindestens 20 Stunden hinweg inklusive Auswertung und Beurteilung des Befundes erhalte (6,42 Euro). Ähnlich verhalte es sich bei der erweiterten Medikationsberatung bei Polymedikation. Während die Apotheken 90 Euro erhalten sollen, seien es in der Arztpraxis 4,39 Euro.

Basis für neue Honorarverhandlungen

„Wenn man davon ausgeht, dass die neuen pharmazeutischen Dienstleistungen von der Schiedsstelle adäquat bewertet wurden, lässt das nur einen Schluss zu: Die ärztlichen Leistungen sind deutlich unterfinanziert“, so der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich. Auch Weigelt trifft eine ähnliche Aussage. „Hausärztliche Leistungen dürfen selbstverständlich nicht weniger wert sein als die Leistungen der Apothekerinnen und Apotheker. Alles andere würde wirklich kein Mensch mehr verstehen. Hier braucht es dann im Zweifel eine Anpassung der Bewertungen.“

Gassen fordert: „Offenbar scheinen die Krankenkassen über genügend finanzielle Mittel zu verfügen. Da wäre es nur folgerichtig, die letztlich fundiertere ärztlich-medizinische Betreuung mindestens auf das den Apotheken zugestandene finanzielle Niveau anzuheben.“

Apotheken auf andere Weise stärken

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes erklärt, die Kritik sei keine mangelnde Wertschätzung der Kompetenzen der Apothekerinnen und Apotheker, sondern schlichtweg ein Blick auf die Versorgungsrealität, die eben nicht am grünen Tisch stattfinde.

Der BÄK-Präsident fordert den Gesetzgeber zur Nachbesserung des VOASG auf. "Wir unterstützen die Bemühungen, die Apotheken vor Ort auch als Ansprechpartner für Patientinnen und Patienten zu stärken. Die Substitution ärztlicher Leistungen ist aber der falsche Weg.“ Die Patientinnen und Patienten in Deutschland hätten Anspruch auf medizinische Beratung auf einem hohen haus- und fachärztlichen Niveau. Die Regelungen zu pharmazeutischen Dienstleistungen in Apotheken seien deshalb ersatzlos zu streichen, erklärt Reinhardt.

Autor:
Stand:
20.06.2022
Quelle:
  1. BÄK: Pressemitteilung – Patienten sind keine Kunden und Apotheken keine Arztpraxen-to-go, BÄK fordert: Vor-Ort-Apothekengesetz nachbessern (15.06.2022)
  2. Deutscher Hausärzteverband e. V.: Pressemitteilung – Entscheidung zu pharmazeutischen Dienstleistungen macht Versorgungsprozesse chaotischer (13.06.2022)
  3. RND: Marburger Bund „schockiert“: Apotheken dürfen nun Krebspatienten medikamentös beraten (14.06.2022)
  4. Virchowbund: Pressemitteilung – Schiedsspruch zu pharmazeutischen Dienstleistungen hat Signalwirkung für niedergelassene Ärzte (15.06.2022)
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