In der Medizin können Notfälle jederzeit auftreten, wobei jede Minute zählt. Eine schnelle Diagnose ist entscheidend, um die richtige Therapie einzuleiten. Hinter vermeintlich harmlosen Symptomen können ernste Erkrankungen stecken. Auch die Dermatologie ist nicht frei von Notfällen und sogenannten „Red Flags“. Sie zeitnah zu erkennen kann Leben retten, wie zwei Fallbeispiele vom diesjährigen Kongress der European Association of Dermatology and Venereology (EADV) eindrücklich zeigt.
Nicht nur rote Haut
Ein Patient stellte sich mit einem seit zwei Monaten bestehendem Ausschlag bei Katharina Shaw aus den USA vor. Er hatte keine auffällige Vorgeschichte, nahm keine neuen Medikamente und hatte sich gut gefühlt, bis die Symptome unvorhergesehen einsetzten. Auch B-Symptomatik verneinte er. Als die Ärztin den Patienten genauer untersuchte, fiel ihr neben dem Ekzem eine ausgeprägte Ektropie auf. Auf den Hand- und Fußflächen hatte sich zudem eine wachsartige Keratose gebildet. Der Patient war er deutlich erythroderm, tachykard und hypoton. Er atmete zu schnell und zitterte am ganzen Körper.
Nun musste alles sehr schnell gehen. Shawn schickte den Patienten umgehend ins Krankenhaus, denn sie vermutete einen der wenigen ernsten dermatologischen Notfälle: ein bereits akut lebensbedrohliches T-Zell-Lymphom. Die Symptome des Patienten deuteten genauer auf das Sézary-Syndrom hin, eine sehr seltene und oft aggressiv verlaufende kutane Form des T-Zell-Lymphoms. „Wäre der Patient stabil gewesen, hätten wir ihn ambulant weiter diagnostizieren können“, ordnete die Dermatologin ein.
Akute retiforme Purpura
Doch nicht nur Malignitäten können zunächst harmlos aussehende Hauterscheinungen verursachen. Ein anderer Patient mit schwerer Atherosklerose entwickelte nach einer invasiven Angiographie plötzlich rasch fortschreitende netzförmige Rötungen auf der Haut. Robert Micheletti aus den USA beschrieb beim Kongress, dass diese prominente Livedo in Form einer akuten retiformen Purpura kurz darauf mit Zyanose, Purpura, Ulzeration, Gangrän und starken Schmerzen einherging. Zusätzlich entwickelte der Patient eine periphere Eosinophilie, akutes Nierenversagen und einen mesenterialen Infarkt. Die Ursache war eine Cholesterinembolie nach der invasiven Angiographie.
Die Mortalitätsrate ist hierbei hoch. Deshalb ist Eile geboten. „Die Behandlung bestand aus i.v. Flüssigkeitssubstitution, Supportive Care, Schmerzmedikation und Kortikosteroiden“, berichtete der Experte.
Red Flags für retiforme Purpura
Die akute retiforme Purpura kann viele Ursachen haben, die alle potenziell lebensbedrohlich sind. Deshalb ist es wichtig, sie schnell zu identifizieren. Sogenannte Red flags zur Erkennung sind:
- Purpura fulminans oder eine akute, weitflächige retiforme Purpura
- Anzeichen einer Sepsis oder eines Schocks
- Zeichen anderer schwerer Erkrankungen (Fieber, Organversagen, Wesensveränderung)
- Immunsuppression
- Andere beunruhigende systemische Symptome oder körperliche Erscheinungen
Die medizinische und familiäre Vorgeschichte kann ebenfalls bei der Diagnose helfen. So lassen sich beispielsweise Gerinnungsstörungen schneller aufdecken. Nierenversagen kann auf eine Kalziphylaxie hinweisen, Drogenmissbrauch in der Vorgeschichte auf einen möglichen Levamisoleffekt. „Werden die Symptome des Patienten in Kälte schlechter, denken Sie auch an Cryoglobulinämien“, so der Experte. Auch die Verteilung der Läsionen, kann helfen, der Ursache auf die Spur zu kommen. Die Cryoglobulinämie betrifft beispielsweise vor allem die äußersten Gliedmaßen.
Handeln, bevor es zu spät ist: Die Bedeutung der Notfallmedizin
Alle dermatologischen Notfälle, einschließlich besonders schwerer wie toxische epidermale Nekrolysen, erfordern eine schnelle Behandlung. Die Notfallmedizin ist in allen medizinischen Fachrichtungen von entscheidender Bedeutung.







