Atopische Dermatitis (AD) ist eine chronisch-entzündliche Hauterkrankung, die weltweit bis zu 20 % der Kinder und 3 % der Erwachsenen betrifft. Neben Hauttrockenheit, Erythemen und Ekzemen ist Pruritus das Leitsymptom der Erkrankung. Der sogenannte Juck-Kratz-Zyklus verstärkt die Entzündung und kann den Krankheitsverlauf verschlimmern. Besonders das unbewusste nächtliche Kratzen stellt eine Herausforderung dar, da es die Schlafqualität erheblich beeinträchtigt und das Risiko für Hautinfektionen erhöht.
Die derzeitigen Behandlungsoptionen umfassen topische Kortikosteroide, Immunmodulatoren, systemische Biologika und Phototherapie. Nicht alle Patienten profitieren jedoch von diesen Ansätzen oder ziehen eine nicht-medikamentöse Intervention vor. Hier setzt ein neuer technischer Ansatz an: Ein tragbarer Sensor mit KI-gestütztem haptischen Kratz-Feedback.
KI-gestütztes Wearable mit haptischem Feedback zur Kratzreduktion
Forschende der Northwestern University in Illinois, USA, haben ein tragbares Gerät entwickelt, das mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) Kratzbewegungen erkennt und durch Vibration ein haptisches Feedback gibt. Das Gerät wurde im Rahmen einer prospektiven, zweiwöchigen Kohortenstudie an zehn Erwachsenen mit atopischer Dermatitis untersucht und im 'JAMA Dermatology' publiziert.
Die Technologie basiert auf einem kabellosen Sensor aus medizinischem Silikon, der auf dem Handrücken platziert wird und über einen Motor verfügt. Dieser gibt bei erkannter Kratzbewegung ein Vibrationssignal mit 1,4 G bei 10.000 U/min ab. Die KI-Software analysiert Bewegungsmuster in Echtzeit und aktiviert das Feedback gezielt, um unbewusstes Kratzen zu unterbrechen.
Studienaufbau: Messung der Kratzaktivität
Die Studie wurde in zwei aufeinanderfolgenden Phasen durchgeführt:
- Phase 1: Die Teilnehmenden trugen den Sensor eine Woche lang ohne haptisches Feedback, um das Basis-Kratzverhalten zu erfassen.
- Phase 2: In der zweiten Woche wurde das haptische Feedback aktiviert, um den Einfluss der Vibration auf das Kratzverhalten zu analysieren.
Ziel der Untersuchung war die quantitative Erfassung der nächtlichen Kratzaktivität, gemessen anhand der Anzahl der Kratzereignisse und der Kratzdauer. Insgesamt sind 104 Schlafnächte und 831 Stunden an Kratzbewegungen dokumentiert.
Signifikante Reduktion des nächtlichen Kratzens
Die Aktivierung des haptischen Feedbacks führte zu einer deutlichen Verringerung der Kratzaktivität:
- Die Anzahl der nächtlichen Kratzereignisse sank um 28 % (von 45,6 auf 32,8 pro Nacht; p=0,03).
- Die Kratzdauer pro Stunde reduzierte sich um 50 % (von 15,8 auf 7,9 Sekunden; p=0,01).
- Die Gesamt-Schlafdauer blieb unbeeinträchtigt.
Diese Ergebnisse legen nahe, dass das Vibrationssignal den Juck-Kratz-Zyklus (Itch-Scratch-Cycle) unterbrechen kann, indem es reflexhafte Kratzbewegungen reduziert. Die Patienten bewerteten das Gerät als einfach in der Anwendung. Es könnte sich somit als nicht-pharmakologische Ergänzungstherapie für Patienten mit mildem atopischem Ekzem eignen.
Weiterführende Forschung zur Optimierung der haptischen Feedback-Therapie
Zukünftige Studien mit größeren Patientenkohorten und längeren Beobachtungszeiträumen sind erforderlich, um die langfristige Wirksamkeit der Methode zu bewerten. Zudem sollte untersucht werden, inwieweit das haptische Feedback auch das Kratzverhalten während des Tages beeinflusst und ob sich der Effekt über längere Zeiträume stabil hält.









