Die Prävalenz von Pollenallergien und allergischem Asthma nimmt seit Jahrzehnten kontinuierlich zu. Neben genetischen Faktoren tragen Umweltveränderungen wie Klimawandel, Luftverschmutzung und steigende CO2-Konzentrationen zu dieser Entwicklung bei. Vor allem in Mittel- und Nordeuropa verändern sich die Pollenflugzeiten und -intensitäten: Die Vegetationsperiode verlängert sich, neue hochallergene Pflanzen breiten sich aus und Schadstoffe wie Feinstaub können als Träger von Allergenen dienen und die Schleimhautreaktivität erhöhen. Darüber hinaus kann Umweltstress die Allergenexpression in Pollen erhöhen und dadurch die allergene Wirkung weiter verstärken.
Die Nachwuchsforschungsgruppe POLARISE (POLlen AlleRgy monItoring SystEm) der Charité verfolgt einen interdisziplinären Ansatz, um die Pollenbelastung und die Allergieentwicklung individueller vorhersagen zu können. Dazu werden Daten aus der Aerobiologie, der Biodiversitätsforschung, der Meteorologie und der klinischen Allergologie zusammengeführt. Ziel ist die Entwicklung eines Prognosemodells, das personalisierte Vorhersagen zur individuellen Pollenexposition und zur Symptomschwere ermöglicht.
#berlinbreathing: Citizen Science zur Optimierung der Pollenprognose
Das Forschungsprojekt #berlinbreathing untersucht den Einfluss von Umweltveränderungen auf allergische Atemwegserkrankungen. Besonders in Zeiten des Klimawandels und zunehmender Veränderungen der Biodiversität ist es wichtig, Pollenallergien differenziert zu erfassen und zu analysieren.
Ein zentrales Element des Projekts ist die App "Pollenius", die Pollenflugdaten in Berlin nahezu in Echtzeit zur Verfügung stellt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Wetter-Apps, die den Pollenflug auf Basis modellierter Daten anzeigen, nutzt "Pollenius" eine hochmoderne Pollenfalle mit KI-gestützter Bildanalyse. Diese Technologie ermöglicht es, die Pollenbelastung durch Allergene wie Ambrosia, Beifuß, Birke, Erle, Esche, Gräser, Hasel und Roggen mit einer Zeitverzögerung von wenigen Stunden genau zu messen. Geringfügige Abweichungen sind möglich, da externe Faktoren die Analyse beeinflussen können.
Daten spenden für die Allergieforschung
Die App enthält zudem ein Allergietagebuch, in dem die Nutzer Symptome, Medikation und Aufenthaltszeiten im Freien dokumentieren können. Diese Daten dienen nicht nur der individuellen Symptomkontrolle, sondern fließen anonymisiert in die wissenschaftliche Forschung ein. Ziel ist es, ein Modell zu entwickeln, das Betroffenen tagesaktuell vorhersagt, wie sich ihre Symptome voraussichtlich entwickeln werden und wann ein Aufenthalt im Freien ratsam ist.
Bürgerinnen und Bürger können das Projekt auf drei Wegen unterstützen: durch Teilnahme an der klinischen Studie, durch regelmäßige Dateneingabe in die App oder durch aktive Mitgestaltung in Workshops. Die gesammelten Daten helfen, ein präziseres Vorhersagemodell zu entwickeln und gezielte Maßnahmen zur Allergieprävention abzuleiten.
Digitale Versorgungsmodelle für Patienten mit atopischer Dermatitis
Die atopische Dermatitis (Neurodermitis) ist eine der häufigsten chronischen Hauterkrankungen. Besonders betroffen sind Kinder und Jugendliche mit einer Prävalenz von 14,5 %, bei Erwachsenen liegt die Rate bei etwa 7 %. Aufgrund des starken Juckreizes und des schubförmigen Verlaufs ist eine kontinuierliche Betreuung notwendig. Gerade in strukturschwachen Regionen mangelt es jedoch an spezialisierten Fachkräften, was lange Wartezeiten und weite Anfahrtswege für die Betroffenen zur Folge hat.
ADCompanion: Interdisziplinäre Beratung per App
Mit der ADCompanion-Studie hat die Charité ein digitales Versorgungskonzept entwickelt, das eine ortsunabhängige und umfassende Beratung für Patienten mit atopischer Dermatitis ermöglicht. Die digitale Plattform umfasst vier zentrale Module
- Individuelle Videoberatung zur Hautpflege: Spezialisierte Dermatologen und Pflegeexperten geben praktische Empfehlungen zur optimalen Hautpflege.
- Ernährungsberatung: Ernährungsexperten informieren über mögliche Trigger-Lebensmittel und eine entzündungshemmende Ernährung.
- Psychosoziale Beratung: Psychologen unterstützen Betroffene im Umgang mit chronischem Stress und den psychosozialen Belastungen der Erkrankung.
- Digitale Schulungsplattform: Die App enthält wissenschaftlich fundierte Texte und Videos zur Neurodermitis sowie eine Tagebuchfunktion zur Dokumentation von Symptomen, Auslösern, Medikation und Pflege.
Ziel der Studie ist es, die Wirksamkeit dieses telemedizinischen Versorgungskonzepts zu evaluieren und langfristig in die Regelversorgung zu integrieren. Es handelt sich um eine komplementäre Versorgungsform, die die ärztliche Behandlung nicht ersetzt, sondern unterstützt. Gerade angesichts steigender Patientenzahlen können digitale Angebote die dermatologische Versorgung nachhaltig verbessern.
Moderne Forschungsansätze für bessere Patientenversorgung
Sowohl das Projekt #berlinbreathing als auch die ADCompanion-Studie zeigen, wie innovative Forschungsansätze zur Verbesserung der Patientenversorgung beitragen können. Während bei der Erforschung von Pollenallergien die Entwicklung präziser Vorhersagemodelle im Vordergrund steht, ermöglicht die digitale Versorgung bei Neurodermitis eine niedrigschwellige, patientenzentrierte Versorgung.
Durch die aktive Beteiligung von Patienten und Bürgerwissenschaftlern können Erkenntnisse gewonnen werden, die eine individuellere Therapieplanung ermöglichen und langfristig die Qualität der Versorgung verbessern. Die Forschung der Charité steht beispielhaft für den zunehmenden Einsatz digitaler Technologien für die Präzisionsmedizin und die Optimierung der allergologischen und dermatologischen Versorgung.








