Während im Süden Europas bereits Rekordtemperaturen verzeichnet werden und die Dürre droht ganze Landstriche vertrocknen zu lassen, sind andere Regionen in Gefahr unter starken Regenfällen zu versinken. Der Klimawandel zeigt sich mit immer extremeren Wetterlagen. Das wirkt sich auch auf die Gesundheit aus. Zwar leiden alle Menschen unter extremer Hitze im Sommer, kranke Menschen jedoch noch stärker. Doch nicht nur die Hitzewellen sind ein Problem für die Gesundheit. Der Gesundheitssektor selbst trägt mit mehr als 5% zu Treibhausgasen bei. „Wir arbeiten hier nicht für den Patienten. Das ist das Paradoxe. Wir arbeiten damit gegen unsere eigenen Patienten“, sagte Susanne Saha aus Karlsruhe beim Symposium „Benefits durch Nachhaltigkeit - die Zukunft der Dermatologie!“ anlässlich der 52. Jahrestagung der Deutschen Dermatologie Gesellschaft in Berlin.
Mehr Krankheiten durch den Klimawandel?
Veränderte Wetterlagen und der Klimawandel führen zu einem Inzidenzwandel bei verschiedenen Erkrankungen. Durch erhöhte UV-Exposition steigt die Krebsinzidenz. Bereits jetzt ist die UV-Exposition nach dem Rauchen der zweithäufigste Risikofaktor für Krebserkrankungen. Im Jahr 2007 erkrankten 144.000 Menschen neu an Hautkrebs. Im Jahr 2015 waren es schon 244.000 – Tendenz steigend, wie Zahlen der Deutschen Krebsgesellschaft zeigen. Auch das Risiko für Photodermatosen kann durch eine erhöhte UV-Exposition steigen. Luftverschmutzung und andere Umweltfaktoren spielen hier ebenfalls eine Rolle und verstärken das Risiko für UV-Licht bedingte Erkrankungen [1].
Erhöhte Inzidenzen von Infektionskrankheiten
Doch nicht nur offensichtliche Effekte des Klimawandels führen zu veränderten Inzidenzen. Auch bei Infektionskrankheiten werden seit einigen Jahren steigende Zahlen beobachtet. Das betrifft zum Teil Erkrankungen, die in Deutschland bisher als selten galten. Ein Beispiel dafür ist die kutane Leishmaniose. Früher trat sie vor allem in den Endemiegebieten Asien, Afrika, Mittel- und Südamerika sowie im Mittelmeerraum auf. Mittlerweile wird sie vermehrt auch in anderen Ländern beobachtet, inklusive bei Urlaubsrückkehrern in Deutschland. „Wir haben bereits in Süddeutschland Hunde, Wölfe und andere Tiere, die ein Erregerreservoir darstellen. Noch fehlt uns der Vektor für die Übertragung“, berichtete Silke Hofmann aus Wuppertal. Doch es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sich auch das ändere. Vermehrt brächten mittlerweile sogar Mallorca-Urlauber kutane Leishmaniosen mit.
Ein anderes Beispiel sind Erkrankungen durch Zeckenstiche. Während bisher überwiegend der Süden Deutschlands als FSME-Risikogebiet galt, wurde letztes Jahr erstmals Solingen ebenfalls als FSME-Risikogebiet definiert [2]. Auch in Norwegen werden Veränderungen beobachtet. Dort wird ein Zuwachs an Borreliosen verzeichnet. In Deutschland werden zunehmend nicht heimische Zeckenarten wie die tropische Riesenzecke Hyalomma beobachtet. Damit steigt auch das Risiko für andere Infektionserkrankungen wie Tularämie oder Rickettsiosen. „Das könnte in der Zukunft für unseren klinischen Alltag relevanter werden“, so die Dermatologin.
Von den Klimaveränderungen ebenfalls betroffen sind Autoimmunerkrankungen, die im Sommer und bei Hitze häufiger exazerbazieren. Außerdem die allergische Rhinitis, da die Dichte der Gräser- und Birkenpollen über die letzten Jahre deutlich zugenommen hat. Hinzu kommen auch Infektionen mit Arboviren oder das Alpha-Gal-Syndrom, das mittels Zeckenstich übertragen werden kann [1].
Arbeitsgemeinschaft Nachhaltigkeit in der Dermatologie stellt sich vor
Aus all diesen Gründen braucht es auch im Gesundheitswesen verstärkte Maßnahmen, um dem Klimawandel entgegenzuwirken und nachhaltiger zu arbeiten. Dafür wurde vor 2,5 Jahren die Arbeitsgemeinschaft „Nachhaltigkeit in der Dermatologie (AGN) e.V.“ gegründet. „Wir als Ärztinnen und Ärzte genießen das größte Vertrauen in der Bevölkerung. Wir sind echte Game-Changer. Wir können alle etwas bewirken, wenn wir unsere Einflussfähigkeit nutzen und ein resilientes, nachhaltiges und ökonomisch stabiles Gesundheitssystem aufbauen“, sagte Susanne Saha. Dafür hat die AG eine Website mit umfangreichem Informationsmaterial aufgebaut. Zeitgleich zum Kongress sind (kostenpflichtige) Fortbildungsmodule zum nachhaltigen Praxismanagement für medizinische Fachangestellte und zur resilienten Praxis online gegangen [1].
Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit und Verordnungsverhalten
Nachhaltigkeit in Praxen funktioniere nur, wenn die ganze Praxis daran mitarbeitet. In einer Praxis ist der Einkauf der zweitgrößte Faktor für Treibhausgasemissionen. „Hier lässt sich jedoch auch viel verändern, wenn bei Medizinprodukten auf die Kriterien ökologisch, sozial und ökonomisch geachtet wird“, erklärte Christina Hecker aus Köln. Wenig Verpackung, recycelte Materialien und mehrfache Verwendung sind beispielsweise Faktoren, die Abfälle bereits minimieren können. Das kann im Praxismanagement auch zu sinkenden Kosten führen, wie Hecker am Beispiel „PrimeBag“ für die Händedesinfektion erklärte. Die Beutel bestehen aus recyclebarem Kunststoff und bilden ein luftdichtes Vakuumsystem. Dadurch muss kein Anbruchdatum notiert werden, weil der Inhalt vier Jahre lang steril bleibt. Das Pumpensystem muss nicht aufbereitet werden, was Kosten und Arbeitszeit spart [1].
Erstes Nachhaltigkeitssiegel für Praxen
Um weitere Anreize zu schaffen, eine Praxis nachhaltig zu führen, glaubhafte und nachweisbare Veränderungen zu schaffen und Greenwashing zu vermeiden, ist Anfang Mai ein erstes Qualitätssiegel zur nachhaltigen Praxis von der Stiftung Praxissiegel e.V. in Kooperation mit dem aQua-Institut gelauncht worden. Erste Krankenkassen haben bereits Interesse signalisiert, dieses von Seiten der Kostenträger zu unterstützen [1].
Pulverinhalator statt Dosieraerosol
Nachhaltigkeit betrifft jedoch nicht nur das Management von Praxen. Auch das Verordnungsverhalten lässt sich nachhaltig gestalten. Sofern die Indikation besteht, kann in der Asthmatherapie beispielsweise auf Pulverinhalatoren umgestellt werden. Dadurch fallen die in den Dosieraerosolen enthaltenen schädlichen Treibmittel weg [3].
Leitlinie zu Nachhaltigkeitskriterien?
Nachhaltigkeit kann jedoch noch weiter gehen, wie Alexander Nast aus Berlin berichtete. Bisher gibt es keine Leitlinien und Empfehlungen zu Nachhaltigkeitskriterien für medizinische Leitlinien. Das könnte sich jedoch ändern: „Wenn etwas gleichwirksam ist, könnten wir den Wirkstoff nehmen, der weniger schädlich für die Umwelt ist“, erklärte der Dermatologe. Das lasse jedoch viele Fragen und ethische Abwägungen offen, denn es kann auch sein, dass die wirksamere Substanz die umweltschädlichere ist.
Erste Ansätze in Richtung nachhaltigere Verordnung gibt es bereits. In Schweden wurde die Datenbank Janusinfo erstellt, die Informationen zum Einfluss verschiedener Pharmazeutika auf die Umwelt liefert [1].
Nachhaltigkeit in der Klinik ist möglich
Nachhaltigkeit geht jedoch auch im großen Stil, wie das Beispiel der SLK Klinik in Heilbronn zeigt, von dem Christin Löffler berichtete. In Heilbronn wurde vor einigen Jahren angefangen, nachhaltiger und umweltfreundlicher zu handeln. „Begonnen haben wir mit neuen Kühlschränken. Das war unser erstes Projekt und hat wochenlange Überzeugungsarbeit gebraucht“, erzählte die Ärztin. Seitdem wurden Bewegungsmelder installiert, in den OP-Bereichen Lüftungsanlagen, Heizung und Beleuchtung bedarfsgerecht eingestellt und zentral durch die IT alle Drucker auf doppelseitigen Druck umgestellt. Die Speiseversorgung orientiert sich an der Planetary Health Diet und Dank Kooperationen mit Obdachlosenhilfe, Foodsharing und der Jugendherberge konnten Speiseabfälle reduziert werden.
„Fangen Sie klein an und suchen Sie im Intranet nach Gleichgesinnten“, empfiehlt die Expertin. Helfen können beispielsweise Netzwerke wie das KLIK-Netzwerk, Materialien der KlimaDocs oder die Initiative Choosing Wisely, um das Klinikmanagement nachhaltiger und umweltfreundlicher aufzustellen. Langfristig lässt sich so nicht nur die Umwelt schonen, sondern auch Geld in den Kliniken einsparen, dass dann in ein professionelles Klimamanagement investiert werden kann. Denn am Ende kommt Klimaschutz allen zugute, wenn die Gesundheit geschützt wird [1].









