NSAID-Überempfindlichkeit? Neues Tool zur Risikoabschätzung

Für jeden Arzt ist es wichtig zu wissen, ob ein Patient auf Schmerzmittel allergisch reagiert. Bisher ließen die Instrumente zur Risikostratifizierung zu wünschen übrig. Jetzt ist ein neues Tool entwickelt worden, mit dem Ärzte das individuelle Risiko besser einschätzen können.

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Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAIDs) gehören weltweit zu den am häufigsten eingesetzten Arzneimitteln. Schätzungen zufolge erleiden 0,5–1,9 % der Bevölkerung Überempfindlichkeitsreaktionen auf NSAIDs. Diese reichen von mildem Hautausschlag bis hin zu schweren systemischen Reaktionen einschließlich Anaphylaxie. Für behandelnde Ärzte stellt die Differenzierung zwischen echter Hypersensitivität und unspezifischen Nebenwirkungen eine diagnostische und therapeutische Schwierigkeit dar.

Die derzeit empfohlene Referenzmethode zur Abklärung ist der Drogenprovokationstest (DPT). Dieses Verfahren ist jedoch zeitintensiv, risikobehaftet und erfordert ein spezialisiertes Setting. Ein validiertes Instrument zur strukturierten Risikostratifizierung existierte bislang nicht, obwohl der klinische Bedarf hoch ist.

Präzise Vorhersagemodelle fehlen bisher

Die Einordnung von Patienten mit vermuteter NSAID-Hypersensitivität ist für die sichere Therapieplanung entscheidend. Vor allem die Frage, wer tatsächlich von einem DPT profitieren kann und wer ohne ein solches Verfahren zuverlässig „deetikettiert“ werden kann, ist von hoher praktischer Relevanz. Bisher stützte sich die Risikoeinschätzung vor allem auf klinische Erfahrung und heterogene Phänotyp-Definitionen.

Eine internationale Forschergruppe unter französischer Federführung untersuchte die Möglichkeit, mithilfe eines datenbasierten Scores eine strukturierte Risikobewertung vorzunehmen.

Entwicklung des CA4TCH-Scores

Dabei stützte sich die Forscher auf eine retrospektive Analyse, die 1.304 Patienten umfasste, die sich zwischen 2001 und 2020 in Montpellier wegen vermuteter NSAID-Überempfindlichkeit vorstellten. Grundlage waren die Anamnese sowie die Ergebnisse von DPTs. Zur Erstellung des Risikoscores wurden Variablen ausgewählt, die klinisch relevant und statistisch prädiktiv waren.

Das entwickelte Instrument erhielt die Bezeichnung CA4TCH. Es umfasst folgende Parameter:

  • Chronologie der Reaktion
  • Semiologie (inklusive Anaphylaxie oder respiratorischer Symptome)
  • Aspirin als Auslöser
  • Vorliegen von Asthma
  • Atopie
  • Zeitintervall zwischen Reaktion und DPT
  • Anzahl der involvierten chemischen Klassen
  • Chronische spontane Urtikaria

Diese Kriterien bilden die Grundlage für eine differenzierte Risikoabschätzung.

Mit CA4TCH NSAID-Hypersensitivität besser ausschließen

Von den Probanden zeigten 232 einen positiven, 803 einen negativen DPT. Der neue Score erreichte eine Sensitivität von 78,4 % und eine Spezifität von 70,4 %. Besonders relevant ist der negative prädiktive Wert von 91,9 %, da er eine zuverlässige Identifizierung von Patientinnen und Patienten ohne relevante Hypersensitivität ermöglicht.

Das Modell konnte in 70,4 % der negativen Fälle eine korrekte Deetikettierung vornehmen. Alle Fälle mit NSAID-verstärkten Atemwegs- und Hauterkrankungen wurden korrekt klassifiziert. Eine externe Validierung an 69 Probanden des Universitätsklinikums Tours bestätigte die Ergebnisse.

Viele Vorteile für die Praxis

Mit CA4TCH liegt erstmals ein validiertes Instrument vor, das eine strukturierte Risikoeinschätzung bei NSAID-Hypersensitivität erlaubt. Für die klinische Praxis bedeutet dies:

  • bessere Identifizierung von Hochrisikopatienten
  • potenziell weniger unnötige DPTs
  • höhere Sicherheit in der Therapieplanung

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass der Score die bestehenden europäischen Empfehlungen zu Phänotypen und Risikoklassifikation unterstützt und präzisiert.

Effizientere Diagnostik mit CA4TCH

Insgesamt stelle CA4TCH einen wichtigen Schritt dar, um die Diagnostik bei NSAID-Überempfindlichkeit sicherer und effizienter zu gestalten, meinen die Autoren. Doch trotz dieser vielversprechenden Ergebnisse sei das Tool kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zum DPT. Weitere Studien mit größeren und diverseren Kohorten seien notwendig, um die Generalisierbarkeit zu erhöhen. Besonders interessant wäre die Anwendung in primärversorgenden Einrichtungen sowie die Integration in elektronische Entscheidungsunterstützungssysteme.

Autor:
Stand:
25.09.2025
Quelle:

Ghiordanescu, I-M et al. (2025): Development of a Risk-Stratification Tool for Nonsteroidal Anti-Inflammatory Drug Hypersensitivity on a Large Cohort. The Journal of Allergy and Clinical Immunology in Practice, 16.07.2025. DOI: 10.1016/j.jaip.2025.07.007

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