DDG Derma 2023: Zukunftsmedizin in virtuellen Kliniken

Bereits heute entstehen im Gesundheitswesen bei jedem Patienten große Datenmengen. Gleichzeitig steigt der Bedarf an medizinischem Personal. Um die Versorgungslücke zu schließen, braucht es neue Systeme. Eine Möglichkeit für Zukunftsmedizin könnten virtuelle Kliniken in einer Art Metaversum sein.

Krankenhaus digital

Deutschland hinkt in der Digitalisierung hinterher. Das ist im Schulsystem und in Behörden deutlich sichtbar, betrifft aber auch zu einem großen Teil das Gesundheitswesen. Nicht nur, um nicht abgehängt zu werden, braucht es aber moderne und digitale Versorgungsstrukturen für unsere medizinische Zukunft. Die Gaming-Welt macht es bereits vor. Dort hat der erste Klinikverband virtuelle Kliniken im Metaversum. Doch eignet sich das auch für die breite Masse des Gesundheitswesens und können Patienten davon profitieren? Damit hat sich die Keynote Lecture „Kliniken im Metaversum - Versorgungsstrukturen für unsere medizinische Zukunft“ bei der 52. Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft e.V. Ende April in Berlin befasst.

Das Metaversum in Kürze

Das Metaversum ist eine Struktur, die Daten und Anwendungen bündeln kann. Statt vieler medizinischer Paralleluniversen, wie es jetzt mit Krankenhausinformations- und Praxisverwaltungssystemen, Pharma, Reha, Versicherern und mehr der Fall ist, gibt es nur ein digitales Universum. Das Metaversum wäre dann eine Welt, die Benutzer gemeinsam nutzen können. Durch Echtzeitfähigkeit wären Daten sofort und ohne die aktuell zwischen den Systemen vorherrschende Latenz verfügbar. Das setzt voraus, dass Patienten dem zustimmen und es mit ihren Rechten vereinbar wäre. Gleichzeitig stellt ein Metaversum eine Plattform für soziale Interaktion dar. Medizin wäre weniger transaktional orientiert und in Intervallen funktionierend, wie dies aktuell der Fall ist, sondern longitudinal. Teams und Entwicklung von neuen Technologien ließen sich besser koordinieren. Zusammengefasst wäre das Metaversum, so erklärte es Christian Hieronimi, Gründer des internationalen Health Tech Unternehmens ONCARE mit Sitz in München, bei der Tagung, ein Raum, in dem Gesundheitsanwendungen gebündelt würden und auch miteinander zum Wohle des Patienten und mit dem Patienten geteilt werden könnten.

Metaversum als Lückenfüller

Ein Metaversum könnte helfen, Versorgungslücken für Patienten digital zu schließen. „Wir sind ja zum Glück immer nur ganz kurz beim Arzt. Die Krankheit entwickelt sich dann meist nicht beim Arzt“, sagte Hieronimi. „Manchmal ist auch die Frage, ob der Arztbesuch repräsentativ ist für das Krankheitsbild gerade.“ Zusätzlich habe ein Patient nicht Medizin studiert und wisse nicht, wann er vielleicht wieder einen Arzt aufsuchen sollte. An dieser Stelle könnte ein Metaversum ansetzen, so Hieronimi. Zwar gibt es bereits erste digitale Lösungen wie die Telemedizin, diese löst jedoch nur die Örtlichkeit auf. Zeitlich bleibt es weiterhin bei einer Arztminute pro jeder Patientenminute.

Aufbau eines Metaversums

Aufgebaut wird ein Metaversum in mehreren Ebenen. Die oberste Ebene ist die User-/Content-Ebene. Sie besteht in einem Metaversum aus einem No-Code Content Management System. Das heißt, auch Laien könnten nach einem kurzen Training eigene Pathways bauen oder solche von Fachgesellschaften übernehmen und an eigene Bedürfnisse anpassen. Die Interfaces sind an die jeweiligen Professionen und Bedürfnisse angepasst. Darunter liegt die Partner- oder Integrationsebene. Sie integriert Labordaten, Wearables von verschiedenen Herstellern und alles, was zusätzlich zur Anamnese notwendig und hilfreich wäre, um das klinische Bild eines Patienten zu vervollständigen. Die dritte Ebene ist die Sicherheit- und Transaktionsebene. Sie stellt die übergreifende Telematikstruktur in Echtzeit dar und ist intersektoral und interdisziplinär.

Ein praktisches Beispiel

Wie so etwas aussehen kann, stellte Hieronimi anhand der virtuellen Klinik „Myon.clinic“ von ONCARE und dem Beispiel Lara, einer 23-jährigen Studentin, vor. Sie hat seit ihrer Kindheit Neurodermitis und mehrere Allergien. Eine Hyposensibilisierung ist bereits erfolgt und sie nutzt regelmäßige Anwendungen zur Basispflege. Nun bereitet sie sich auf ihr Staatsexamen vor und hat einen starken Schub mit Juckreiz und Kratzen bekommen. Sie kann schlecht einschlafen. Deshalb hat sie im Internet recherchiert und herausgefunden, dass es ein Angebot gibt, das ihren Wunsch, eine schnelle Abklärung ohne Besuch beim Arzt, ermöglichen könnte – die virtuelle Dermatologie. Sie führt an sich nun selbst die Anamnese durch, nachdem sie für das Onboarding einen QR-Code mit ihrem Smartphone gescannt hat und direkt mit den passenden Inhalten verbunden wurde. Die QR-Codes können Patienten beispielsweise direkt in der Praxis mit dem jeweiligen Behandlungspfad und Informationen vom Zuweiser mitgegeben werden. „Über das Assessment und die Befragung der Reihe nach kommt nun im System eine Einstufung zustande“, erklärte Hieronimi. Es können Fotos und Dokumente hochgeladen oder Wearables wie kontinuierliche Glukosemonitoringsysteme integriert werden. Das System kann empfehlen, einen Arzt aufzusuchen und Empfehlungen aus der Umgebung machen. Ist das Onboarding bereits in der Praxis geschehen, kann Lara direkt mit ihrem Arzt einen Termin in einer Tele-Dermatologie-Sprechstunde vereinbaren.

In anderen Fällen können beispielsweise bei Rückfällen oder Wertverschlechterungen, aber auch zu Verbesserungen andere Behandlungspfade aufgenommen werden und so die Patienten engmaschiger betreut werden. Über die gleiche Plattform kann ein virtuelles CareTeam entstehen, das alle beteiligten Akteure integriert und miteinander vernetzt. Ist die Behandlung abgeschlossen und ein Behandlungspfad beendet, können Patienten wie Lara ihre gesammelten Daten der Forschung oder dem Aufbau von Registern zur Verfügung stellen, berichtete Hieronimi über die Integration des Metaversums mit der Forschung. „Das ist wie eine Real-World-Studie oder eine niemals endende Studie“, erklärt Hiernomi.

Metaversum – die Zukunft der Medizin?

„Die technologischen Voraussetzungen für ein Metaversum haben wir bereits“, berichtete Hieronimi. „Der richtige Zeitpunkt, um die Entwicklung aktiv mitzugestalten, ist jetzt.“ Ein Metaversum könne eine Chance sein, Kooperationen zu verbessern. Dafür müsse es koordiniert, interdisziplinär, international und intersektional ablaufen. Dann könne ein Metaversum die Versorgungslandschaft nachhaltig beeinflussen und Wartezeiten verkürzen. „Wenn es richtig gemacht wird, wird es eine Win-win-win Situation für alle“, schloss Hieronimi.

Autor:
Stand:
04.05.2023
Quelle:

Hieronimi C.: „Virtuelle Kliniken im Metaversum?“, 52. Tagung der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft e.V., Berlin, 28. April 2023.

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