Infektionen werden als potenzielle Auslöser von Autoimmunerkrankungen betrachtet, was sich insbesondere in den ersten beiden Jahren der Pandemie bemerkbar machte. Im vergangenen Jahr konnte ein Team um Ezio Bonifacio vom "Center for Regenerative Therapies" an der TU Dresden diesen Zusammenhang für Typ-1-Diabetes nachweisen. Im Gegensatz zu Erkrankungen wie rheumatoider Arthritis, die weniger eindeutig diagnostiziert werden können, führt der Ausfall der Insulinproduktion beim Typ-1-Diabetes unweigerlich zu einer lebensbedrohlichen Krise.
Eine Analyse der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bayerns zeigte, dass zwischen 2000 und 2021 fast doppelt so viele neue Fälle von Typ-1-Diabetes bei Kindern auftraten wie in den Jahren 1998/1999 vor der Pandemie (705 versus 460 Kinder). Die Inzidenzrate stieg von 19,5 auf 29,9 pro 100.000 Personenjahre. Bei Kindern mit nachgewiesener COVID-19-Diagnose betrug die Inzidenz sogar 55,2 pro 100.000 Personenjahre. Forschende vom Institut für Diabetesforschung (IDF) am Helmholtz Zentrum München und des Zentrums für Regenerative Therapien an der Technischen Universität Dresden (TUD) haben in diesem Zusammenhang die Daten der Fr1da-Kohorte analysiert. Diese Kohorte besteht aus Kindern, bei denen während einer Screeninguntersuchung zwei oder mehr Inselzellantikörper nachgewiesen wurden. Die Mehrheit dieser Kinder entwickelte früher oder später Typ-1-Diabetes, schreibt Studienleiterin Anette-Gabriele Ziegler in der Fachzeitschrift ‘JAMA’.
Datenanalyse der Fr1da-Studie: Deutliche Zunahme der Diabetes-Inzidenz während der Pandemie
Ausgewertet wurden Daten aus dem Nachsorgeprogramm für Kinder in der deutschen Fr1da-Studie. Das Programm überwacht Kinder mit Typ-1-Diabetes im Frühstadium, bis bei ihnen Typ-1-Diabetes diagnostiziert wird. Vor der Covid-19-Pandemie betrug die Inzidenzrate für die klinische Entwicklung eines Typ-1-Diabetes 6,4 (95%-Konfidenzintervall [95%-KI] 4,9–8,2) pro 100 Personenjahre, verglichen mit 12,1 (95%-KI 10,1–14,4) in der Pandemiephase (p<0,001). Besonders hoch war die Inzidenzrate bei Kindern mit nachgewiesener SARS-CoV-2-Infektion.
Bei den 353 Kindern, bei denen Informationen über eine SARS-CoV-2-Infektion vorlagen, betrug die Inzidenzrate derjenigen mit negativem Covid-19-Test 8,6 pro 100 Personenjahre (95%-KI 6,2–11,7). Dies war kein signifikanter Unterschied zum vorpandemischen Zeitraum (p=0,16). Nach einer Covid-19-Erkrankung stieg die Inzidenzrate jedoch auf 14,0 pro 100 Personenjahre (95%-KI 9,9–19,2). Das war signifikant höher als bei einem negativen Testergebnis und auch im Vergleich zur Zeit vor der Pandemie (p=0,04 vs. negatives Covid-19 während der Pandemie; p<0,001 vs. Zeit vor der Pandemie).
Covid-19-Impfung könnte Personen mit präsymptomatischem Typ-1-Diabetes schützen
Jetzt sind weitere Studien erforderlich, um festzustellen, ob dieser Effekt auch bei Jugendlichen oder Erwachsenen auftritt und ob eine Covid-19-Impfung für Personen mit präsymptomatischem Typ-1-Diabetes empfohlen werden sollte, so Ziegler. Ob diese Impfung tatsächlich das Neuauftreten von klinischem Typ-1-Diabetes reduziert, testet ihre Arbeitsgruppe derzeit in einer klinischen Studie an Kindern mit genetischen Risikofaktoren für die Krankheit.







