Digitalisierung der Diabetesversorgung: Chancen und Risiken für die Versorgung
Die Digitalisierung verändert zunehmend Diagnostik, Prävention und Therapie chronischer Erkrankungen. Gerade in der Diabetologie entstehen täglich große Mengen gesundheitsrelevanter Daten, etwa aus Blutzuckermessungen, Insulindosierungen, Ernährung oder körperlicher Aktivität. Digitale Technologien können diese Daten strukturieren, analysieren und in therapeutische Entscheidungen integrieren.
Zu den wichtigsten Entwicklungen zählen digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA), Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) sowie automatisierte Insulindosierungssysteme (Automated Insulin Delivery, AID). Sie ermöglichen eine engmaschigere Stoffwechselkontrolle, unterstützen das Selbstmanagement und erleichtern die Kommunikation zwischen Patienten und Behandlungsteams.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) weist jedoch darauf hin, dass digitale Innovationen nicht automatisch allen Menschen mit Diabetes zugutekommen. Auf ihrer Jahrespressekonferenz in Berlin diskutierte die Fachgesellschaft, wie Digitalisierung gestaltet werden muss, damit sie die Versorgung verbessert, ohne bestehende soziale Unterschiede zu vergrößern.
Digitale Technologien verändern Prävention und Therapie bei Diabetes
Digitale Tools gewinnen in Prävention und Therapie zunehmend an Bedeutung. Laut DDG ermöglichen sie eine stärker personalisierte Betreuung und können Therapieentscheidungen datenbasiert unterstützen.
Dr. med. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG, betonte, dass Diabetes aufgrund der kontinuierlich erhobenen Stoffwechsel- und Lebensstilparameter in besonderem Maße von digitalen Lösungen profitieren könne. „Diabetes ist eine Datenmanagementerkrankung. Täglich entstehen zahlreiche Daten zu Blutzuckerwerten, Ernährung oder Insulindosen. Digitale Anwendungen könnten helfen, diese Informationen sinnvoll zu nutzen.“
Bereits heute unterstützen verschiedene Technologien das Selbstmanagement:
- Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) fördern Lebensstilinterventionen und Edukation, beispielsweise bei Typ-2-Diabetes oder Adipositas.
- Kontinuierliche Glukosemesssysteme (CGM) liefern Echtzeitdaten zur glykämischen Kontrolle.
- Algorithmengestützte Systeme und Wearables analysieren Stoffwechselparameter und können Therapieanpassungen unterstützen.
Darüber hinaus eröffnet die digitale Datenerfassung auch Möglichkeiten für Forschung und Gesundheitspolitik. Große Datensätze könnten helfen, Risikogruppen präziser zu identifizieren und personalisierte Therapieansätze zu entwickeln.
Digitale Kluft als Risiko für eine ungleiche Versorgung
Neben den Chancen sieht die DDG auch Risiken. Insbesondere warnt sie vor einer sogenannten digitalen Kluft im Gesundheitssystem.
Nach Einschätzung von Wiesner besteht die Gefahr, dass digitale Innovationen soziale Ungleichheiten verschärfen, wenn der Zugang zu ihnen von technischen oder sozialen Voraussetzungen abhängt. Menschen mit geringem Einkommen verfügten häufiger über eingeschränkte technische Ressourcen oder keine stabile Internetverbindung.
Neben materiellen Faktoren spielen auch Kompetenzen eine Rolle. Eine geringe digitale Gesundheitskompetenz erschwert den Umgang mit komplexen Anwendungen wie elektronischen Patientenakten oder Diabetestechnologien. Auch sprachliche Barrieren und mangelnde Mehrsprachigkeit vieler Anwendungen könnten die Nutzung erschweren.
Ein weiteres Problem besteht in möglichen Verzerrungen algorithmischer Systeme. Wenn künstliche Intelligenz überwiegend mit Daten privilegierter Bevölkerungsgruppen trainiert wird, können Empfehlungen für sozial benachteiligte Gruppen weniger präzise ausfallen.
Präventionslücke durch digitale Angebote für „Healthy User“
Die Fachgesellschaft weist zudem auf ein Präventionsparadox hin. Digitale Angebote werden häufig vor allem von Personen genutzt, die bereits gesundheitsbewusst und technikaffin sind.
Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die ein erhöhtes Risiko für chronische Erkrankungen aufweisen, profitieren dagegen seltener von digitalen Präventionsangeboten. Dadurch könnten bestehende Unterschiede in der Gesundheitsversorgung weiter verstärkt werden.
Wiesner betonte daher, dass digitale Innovationen nicht dazu führen dürften, dass Menschen ohne Zugang zu digitalen Anwendungen strukturell benachteiligt werden. Auch das Recht auf eine analoge Versorgung müsse erhalten bleiben.
Elektronische Patientenakte und digitales DMP als zentrale Strukturreformen
Um digitale Exklusion zu vermeiden, fordert die DDG mehrere strukturelle Maßnahmen. Eine zentrale Rolle soll dabei die elektronische Patientenakte (ePA) spielen.
Nach Ansicht der Fachgesellschaft sollten wichtige Gesundheitsdaten wie Medikationspläne oder Befunde bei jedem Arztkontakt verfügbar sein – unabhängig davon, ob Patienten die ePA aktiv nutzen. Ein niedrigschwelliger Zugang könne insbesondere sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen einbinden.
Darüber hinaus plädiert die DDG für die Einführung eines digitalen Disease-Management-Programms (dDMP) für Diabetes. Dieses soll bestehende Versorgungsinstrumente stärker miteinander verknüpfen, darunter:
- Telemedizinische Anwendungen
- sichere Kommunikationsdienste
- digitale Gesundheitsanwendungen
- strukturierte Datensätze in der elektronischen Patientenakte
Ein dDMP könnte erstmals eine sektorenübergreifende Vernetzung zwischen ambulanter Versorgung, Klinik und weiteren Leistungserbringern ermöglichen.
Unterfinanzierung der Diabetestechnologie als strukturelles Problem
Neben infrastrukturellen Fragen sieht die DDG auch ökonomische Herausforderungen. Moderne Diabetestechnologien wie CGM-Systeme oder automatisierte Insulinpumpen verbessern nachweislich die Stoffwechselkontrolle und Lebensqualität.
Gleichzeitig steigt jedoch der Betreuungsaufwand in spezialisierten diabetologischen Praxen deutlich. Schulungen, Datenanalyse und technische Betreuung benötigen zusätzliche Zeitressourcen.
Nach Angaben der DDG wird dieser Mehraufwand bislang nicht ausreichend vergütet. Eine unzureichende Honorierung könne langfristig die ambulante diabetologische Versorgung gefährden und die Attraktivität des Fachgebiets für Nachwuchsmediziner mindern.
Perspektiven für eine sozial gerechte Digitalisierung der Diabetologie
Die Digitalisierung bietet erhebliche Potenziale für Prävention, Therapie und Forschung in der Diabetologie. Gleichzeitig zeigt die aktuelle Diskussion, dass technologische Innovationen allein nicht ausreichen, um die Versorgung nachhaltig zu verbessern.
Nach Einschätzung der DDG kommt es entscheidend darauf an, digitale Strukturen so zu gestalten, dass alle Patienten davon profitieren können. Dazu gehören ein barrierefreier Zugang zu digitalen Anwendungen, eine Stärkung der digitalen Gesundheitskompetenz sowie eine angemessene Vergütung moderner Versorgungstechnologien.
Langfristig könnten integrierte digitale Versorgungsmodelle wie ein dDMP dazu beitragen, personalisierte Therapieansätze weiterzuentwickeln und Versorgungsprozesse effizienter zu gestalten. Gleichzeitig bleibt es eine zentrale gesundheitspolitische Aufgabe, sicherzustellen, dass Digitalisierung nicht zu neuen Versorgungsunterschieden führt, sondern die Teilhabe im Gesundheitssystem verbessert.











