DDG 2024: Bessere glykämische Kontrolle in der Schwangerschaft

Die glykämische Kontrolle bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes stellt aufgrund der Variabilität von Insulinresistenz und Insulinsensitivität eine Herausforderung dar. Kontinuierliches Glucosemonitoring und geeignete Hybrid-Closed-Loop-Systeme können die Kontrolle optimieren.

AID-System

Mit Diabetes assoziierte Risiken bei Schwangerschaften

Schwangerschaften bei Diabetes mellitus Typ 1 sind mit erhöhten Risiken für Komplikationen, wie Schwangerschaftshypertonie, Eklampsie und neonataler Intensivbehandlung sowie für Tod- oder Frühgeburten, Makrosomie und einer erhöhten Prädisposition des Kindes für Adipositas, Typ-2-Diabetes oder kardiovaskuläre Erkrankungen im Erwachsenenalter, verbunden. Um diese Risiken zu verringern, ist eine konsistente glykämische Kontrolle in einem eng gesteckten Zielbereich entscheidend.

Professor Dr. Eleanor Scott, Lehrbeauftrage für Diabetes and Maternal Health an der University of Leeds, Leiterin des Diabetes in Pregnancy Service in Leeds und Honorary Consultant am Leeds Teaching Hospital NHS Trust gab auf dem Diabetes Kongress 2024 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) e.V. in Berlin einen Überblick über bisherige Verbesserungen und über das Potenzial von Hybrid-Closed-Loop (HCL-) Systemen bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetesq.

Herausforderungen der glykämische Kontrolle in der Schwangerschaft

Der Blutglucose-Zielbereich in der Schwangerschaft sollte laut internationalem Konsens zwischen 3,5 bis 7,8 mmol/l oder 63-140 mg/dl liegen und in >70% der Zeit während Schwangerschaft erreicht werden. Als Cut-Off Wert für eine deutliche Verringerung der negativen Outcomes hat sich ein HbA1c <43mmol/mol herausgestellt. Scott rät dazu, einen HbA1c Wert von 42 mmol/mol (6,0%) vor allem für das zweite und dritte Trimester anzustreben.

Erschwert wird die glykämische Kontrolle dadurch, dass Insulinbedarf, Insulinresistenz und Insulinsensitivität im Verlauf der Schwangerschaft hochvariabel sind und sich zum Teil von Tag zu Tag ändern. Daher steht bei der vorgeburtlichen Versorgung ein engmaschiges Glucosemonitoring im Fokus, um den Zielbereich konsistent zu erreichen.

Vorteile des kontinuierlichen Glucosemonitorings

Die Studie CONCEPTT hat eindeutig gezeigt, dass die kontinuierliche Messung der Glucose in Echtzeit (real-time continuous glucose monitoring [rtCGM]) bei Schwangeren mit Typ-1-Diabetes die maternale Glykämie und die neonatalen Ergebnisse verbessert. CGM verringerte gegenüber der Selbstmessung z. B. die Raten für Makrosomie und damit einen bedeutenden Risikofaktor für nachfolgende Komplikationen von rund 70% auf 50%. Auch in Real-World Studien zeigten sich deutliche Vorteile der rtCGM gegenüber dem bislang üblichen Selbstmonitoring der Blutglucose. Gegenüber den Nicht-CGM-Nutzerinnen kam es bei den CGM-Nutzerinnen zu rund 30% weniger schweren Komplikationen und negativen Outcomes.

Weitere Verbesserung durch HCL-Systeme?

HCL-Systeme bestehen aus einer App, deren Herzstück ein Algorithmus zur Berechnung der Insulindosis ist, CGM und Insulinpumpe. In der AiDAPT Studie wurde geprüft, ob HCL-Systeme auf der Basis der CamAPS FX App die glykämische Kontrolle und die damit assoziierten Schwangerschafts-Outcomes gegenüber CGM mit Insulinpumpe oder Selbst-Injektionen weiter verbessern können. Die CamAPS FX App ist derzeit die einzige App für die Automatisierte Insulindosierung, die für Schwangere mit Typ-1-Diabetes in England und der EU zugelassen ist. Sie kann mit verschiedenen CGM- und Pumpensystemen kombiniert werden. 

In der AiDAPT-Studie wurden 124 Schwangere mit Typ-1-Diabetes 1:1 in die HCL-Gruppe und die CGM-Gruppe randomisiert. Primärer Endpunkt der Studie war die Zeit innerhalb des international empfohlenen Glucose-Zielbereichs in Prozent im Zeitraum von der Gestationswoche 16 bis zur Geburt.

Höhere Zeit im Zielbereich

Die Patientinnen mit HCL-System wiesen durchschnittlich eine Zeit im Zielbereich von 68,2% auf, die Gruppe mit Standardversorgung von 55,6%. Bereinigt um Störfaktoren erreichte die Gruppe mit CamAPS FX App eine um 10,5% höhere Zeit im Zielbereich.

Das System zeichnete sich darüber hinaus durch eine schnelle Optimierung und konsistent gute Werte über die gesamte Schwangerschaft aus. Die Frauen mit der CamAPS FX App nahmen 3,7 kg weniger an Gewicht zu und wiesen die niedrigsten Raten für Makrosomie und neonatale Intensivbehandlung auf. Insgesamt machten sich die Frauen in der HCL-Gruppe weniger Sorgen und empfanden ihre Schwangerschaft angenehmer als die Frauen in der Kontrollgruppe.

Zum Ende ihres Vortrag wies Scott daraufhin, dass unter den verfügbaren HCL-Systemen bislang nur die CamAPS FX App die komplexen Anforderungen der glykämische Kontrolle in der Schwangerschaft erfüllt.

Autor:
Stand:
21.05.2024
Quelle:
  1. Professor Dr. Eleanor Scott: „Managing glucose in pregnancy: How tight is tight enough and what is the role of Hybrid Closed Loop Technology?“.  DIABETES. UMWELT. LEBEN. Perspektiven aus allen Blickwinkeln Diabetes Kongress 2024 der Deutschen Diabetes Gesellschaft e.V. Berlin und hybrid 09.Mai 2024
  2. Feig et al. (2016): Continuous Glucose Monitoring in Women with Type 1 Diabetes in Pregnancy Trial: A multi-center, multi-national, randomized controlled trial - Study protocol. BMC Pregnancy Childbirth 16, 167 DOI: 10.1186/s12884-016-0961-5
  3. National Health Service (NHS) digital (2023): National Pregnancy in Diabetes Audit 2021 und 2022. NPID State of the Nation Report
  4. Lee et al. (2023): Automated Insulin Delivery in Women with Pregnancy Complicated by Type 1 Diabetes (AiDAPT) trial. New England Journal of Medicine 389:1566-1578. DOI: 10.1056/NEJMoa2303911
  5. Lawton et al. (2023): Listening to Women: Experiences of Using Closed-Loop in Type 1 Diabetes Pregnancy. Diabetes Technology & Therapeutics.25 (12) DOI: 10.1089/dia.2023.0323
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