HbA1c-Grenzwert bei Frauen vor der Menopause korrekt definiert?

Es gibt bekannte geschlechtsspezifische Unterschiede beim Diabetes und dem assoziierten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In einer aktuellen Analyse wurde der durchschnittliche HbA1c-Wert von Frauen unter 50 Jahren mit dem von gleichaltrigen Männern verglichen.

Hba1c-Wert Diabetes

Frauen sind in der Regel bei der Diagnose von Diabetes mellitus älter als Männer und sind einem höheren Risiko für Diabetes-assoziierte kardiovaskuläre Erkrankungen ausgesetzt [1]. Dennoch erfolgt die Diagnosestellung von Diabetes bei Frauen und Männern anhand einheitlicher Referenzbereiche und Grenzwerte [2].

Ein wichtiger Parameter bei der Diagnose ist das glykosylierte Hämoglobin (HbA1c). Dieses gilt als Gesamtmaß für den durchschnittlichen Blutglukosespiegel in den letzten 120 Tagen, weshalb der HbA1c-Wert ein wichtiger Indikator für die langfristige glykämische Kontrolle und ein Risiko-Prädiktor ist. Das glykosylierte Hämoglobin hängt allerdings von der Lebensdauer der Erythrozyten ab, die je nach Person und Altersgruppe variieren kann. Unter bestimmten Bedingungen wie Eisenmangel, Anämie, Hämolyse oder Sichelzellanämie kann der HbA1c-Wert daher den durchschnittlichen Blutglukosespiegel unterschätzen [3].

Menstruation als HbA1c-beeinflussender Faktor?

Eine Forschungsgruppe aus UK macht mit einer aktuellen Publikation auf einen weiteren Faktor aufmerksam [3]. Die Wissenschaftler werfen die Frage auf, ob der HbA1c-Wert durch die Menstruation bei Frauen beeinflusst wird. Die Menstruation könnte die Lebensdauer von Erythrozyten verkürzen und somit zu einer kürzeren Exposition von Hämoglobin zu Glukose führen (im Vergleich zu Personen, die nicht menstruieren). Im Rahmen einer Analyse untersuchten sie Unterschiede in der Verteilung von HbA1c-Werten bei Frauen unter 50 Jahren (definiert als Frauen vor der Menopause) und gleichaltrigen Männern gegenüber Frauen und Männern im Alter ab 50 Jahren.

Hierfür wurden Daten aus verschiedenen Registern herangezogen, die insgesamt sieben Standorte in UK abdeckten (in zwei Kohorten; Kohorte 1 = ein Standort mit 146.907 Personen im Zeitraum 2012-2019; Kohorte 2 = sechs Standorte mit insgesamt 938.678 Personen im Zeitraum 2019-2021). Eingeschlossen wurden Personen, die nur eine einzige HbA1c-Bestimmung während des untersuchten Zeitraums hatten, da diese wahrscheinlich gesund waren und keinen diagnostizierten Diabetes aufwiesen.

Niedrigerer HbA1c bei Frauen unter 50 Jahren als bei gleichaltrigen Männern

In Kohorte 1 war die HbA1c-Verteilung bei Frauen unter 50 Jahren um durchschnittlich 1,6 mmol/mol (Mittelwert [MW] ± Standardabweichung [SD]: 34,4 ± 5,7) signifikant niedriger als bei Männern unter 50 Jahren (MW ± SD: 36,0 ± 7,5; p<0,0001). Bei Frauen und Männern im Alter ab 50 Jahren war dieser Unterschied zwar immer noch präsent (p<0,0001), jedoch war die durchschnittliche Differenz zwischen Frauen (MW ± SD: 39,1 ± 8,0) und Männern (MW ± SD: 40,0 ± 9,9) mit 0,9 mmol/mol weniger ausgeprägt (p<0,0001). Bei Frauen unter 50 Jahren lag der HbA1c-Wert im Vergleich zu gleichaltrigen Männern um bis zu 10 Jahre zurück. So wurde beispielsweise ein HbA1c-Wert von 36 mmol/mol bei Männern im Alter von 34-36 Jahren, bei Frauen hingegen im Alter von 46-47 Jahren, beobachtet. Ähnliche Ergebnisse wurden in Kohorte 2 gefunden.

Mögliche Unterdiagnose bei Frauen unter 50 Jahren

Als Diagnosekriterium für Diabetes gilt ein HbA1c-Wert von ≥48 mmol/mol (≥6,5%), unabhängig vom Geschlecht [2]. Um den potenziellen Effekt eines niedrigeren HbA1c-Grenzwerts zur Diagnose von Diabetes zu quantifizieren, simulierten die Wissenschaftler eine Reduktion des Grenzwerts auf 46 statt 48 mmol/mol für Frauen unter 50 Jahren. Ihren Schätzungen zufolge würden so zusätzlich 17% der nicht diagnostizierten Frauen unter 50 Jahren in England und Wales in die Kategorie Diabetes umklassifiziert werden. Dies würde wiederum den Behandlungsablauf und die langfristige Prognose dieser Patienten beeinflussen.

Die Ergebnisse der Publikation werfen die Frage auf, ob der aktuelle HbA1c-Grenzwert bei Frauen unter 50 Jahren möglicherweise neu bewertet werden sollte. Für diese Antwort werden jedoch weitere Studien notwendig sein, da die hier durchgeführte Analyse Limitierungen hatte. So fehlten Daten zu spezifischen Informationen wie den Gründen für die HbA1c-Bestimmung, dem Diabetes-Status oder dem tatsächlichen Menopausen-Status der Frauen.

Autor:
Stand:
20.11.2023
Quelle:
  1. Kautzky-Willer A et al. (2016): Sex and Gender Differences in Risk, Pathophysiology and Complications of Type 2 Diabetes Mellitus. Endocrine Reviews; DOI: 10.1210/er.2015-1137.
  2. Landgraf R et al. (2022): Definition, Klassifikation, Diagnostik und Differenzialdiagnostik des Diabetes mellitus: Update 2022. Diabetologie; DOI: 10.1055/a-1789-5615.
  3. Holland D et al. (2023): Is the Current Cut Point for Glycated Haemoglobin (HbA1c) Correct for Diagnosing Diabetes Mellitus in Premenopausal Women? Evidence to Inform Discussion. Diabetes Therapy; DOI: 10.1007/s13300-023-01482-6.
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