Essstörungen bei Diabetes mellitus Typ 1
Die Diagnose Essstörung kommt bei den jugendlichen Typ-1-Diabetes-Patienten mit 7% mehr als doppelt so häufig vor als bei ihren Altersgenossen ohne die Stoffwechselerkrankung (2,8%). Die häufigste Essstörung bei Diabetes mellitus Typ 1, insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen, ist das Insulin-Purging, auch als Diabulimie bekannt. Privatdozentin Dr. rer. nat. Isabelle Mack, Bereichsleiterin Ernährung und Gewichtsregulation in Klinik und Forschung des Universitätsklinikums Tübingen erklärte in ihrem Vortrag auf dem Diabetes Kongress 2024 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) e.V. in Berlin, wie man Insulin-Purging erkennt und wie man es behandelt.
Unerwünschte Gewichtszunahme durch Insulintherapie
Die Insulintherapie hat mitunter eine unerwünschte Gewichtszunahme zur Folge. Bei manchen Patienten bzw. vor allem Patientinnen erzeugt die Gewichtszunahme einen so großen Leidensdruck, dass sie die Insulindosis ohne Rücksicht auf die gesundheitlichen Risiken verringern und dies sowohl vor den behandelnden Ärzten als auch ihren Angehörigen verschleiern.
Screening von Essstörungen bei Diabetes-Patienten
Zu den Hinweisen auf eine potenzielle Essstörung bei Patienten mit Diabetes zählen eine unerklärlich schlechte metabolische Kontrolle und wiederkehrende Ketoazidosen. In diesen Fällen empfiehlt Mack ein Screening der Patienten auf Essstörungen, z. B. mit einfachen Tools wie dem SCOFF-Fragebogen. Von Screenings ohne Anlass rät sie ab, weil sie nicht notwendig sind. Tatsächlich könnte solch ein Screening sogar Schaden anrichten, wie Mack erklärte: „Ein nicht vorhandenes Problem kann, insbesondere bei Jugendlichen, durch explizites Hinführen zu einem Problem werden.“
Die gebräuchlichen Screening-Tools für Essstörungen sind in der Regel nicht geeignet, um Insulin-Purging festzustellen. Hierzu empfiehlt Mack den Diabetes Eating Problem Survey-Revised (DEPS-R). Er enthält 16 Items mit je sechs Antwortmöglichkeiten von „Nie“ bis „Immer“, die mit 0 bis 5 Punkten bewertet werden. Beispiele für die Items sind „Ich fühle mit fett, wenn ich mein ganzes Insulin nehme“, „Schlanksein ist mir wichtiger als die Kontrolle über meinen Diabetes“ oder „Andere Menschen fordern mich auf, mich besser um meinen Diabetes zu kümmern.“ Bei einem Summenscore von >20 besteht ein Verdachtsfall, der eine weitere Abklärung mit Spezialisten für Essstörungen erfordert.
Therapie in interdisziplinärer Zusammenarbeit
Die Therapie erfolgt am besten interdisziplinär mit Spezialisten, bei Kindern und Jugendlichen mit Fachärzten der Jugendpsychiatrie oder -psychosomatik. Ihre Behandlung erfordert besonders viel Beziehungsarbeit und ,,Fingerspitzengefühl“.
Das Verstehen der Ursachen für die Essstörung im Einzelfall ist wichtig für den Behandlungserfolg. Mögliche Ursachen für Insulin-Purging sind:
- Die Kompensation des gefühlten Kontrollverlust über den eigenen Körper durch den Diabetes („Wenn ich schon den Diabetes nicht kontrollieren kann, dann zumindest mein Gewicht.“)
- Familienkonflikte/ Abgrenzungsprozesse während der Pubertät
- Sonstige psychische Probleme oder Erkrankungen wie Depression und Angst
Insulin-Purging behandeln
Vielen Patienten fällt das Aufgeben des Insulin-Purging schwer. Die schnellen Gewichtszunahmen infolge der korrekten Insulin-Dosierung sind für die Betroffenen häufig erschreckend. Sie sollten darüber aufgeklärt werden, dass die schnellen Zunahmen größtenteils die Folge des Rehydrierungsprozesses nach der Dehydration durch den vorangegangenen Insulinmangel sind. Nach einem Insulin-Purging kann bei der Dosiseinstellung ein erhöhtes Hypoglykämie Risiko bestehen, wenn die Patienten nicht bereit sind, zusätzliche Kohlenhydrate zur Gegenregulation aufzunehmen.
Die Krankheitseinsicht kann beim Insulin-Purging ebenso begrenzt sein wie bei anderen Essstörungen. Die Therapie ist deshalb häufig langwierig. Wichtig ist eine maximale Klarheit beim Therapieplan, den Strukturen insbesondere bei den Mahlzeiten und den Absprachen mit dem Patienten. Die Absprachen sollten so getroffen werden, dass der Patient sie „mitgehen kann“. Zu ambitionierte Ziele sind kontraproduktiv.
Ein engmaschiges Monitoring von Gewicht und Blutzuckerwerten ist erforderlich. Es gibt keine eindeutigen Empfehlungen für die Art der Insulinverabreichung bei Essstörungen, im Einzelfall kann man Änderungen in Betracht ziehen. Grundsätzlich sind Essstörungen und damit auch das Insulin-Purging stationär leichter zu kontrollieren als ambulant.









