Zunehmend mehr Evidenz spricht dafür, dass sich ein Typ-2-Diabetes (DM2) durch gezielte Präventionsmaßnahmen verzögern oder verhindern lässt. Im Rahmen seines Vortrags auf dem diesjährigen DDG-Kongress sprach sich Prof. Andreas L. Birkenfeld für einen Paradigmenwechsel aus. Statt der alleinigen Fokussierung auf Gewichtsreduktion sollte künftig die Remission mit Wiederherstellung normoglykämischer Werte im Fokus stehen.
Steigende Prävalenz und erhöhte Risiken bei Prädiabetes
Die globale Prävalenz von Prädiabetes liegt zwischen 4 und 10 %, wobei die Zahl kontinuierlich steigt. Betroffene haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an DM2 oder kardiovaskulären Erkrankungen zu erkranken. In aktuellen Empfehlungen nationaler und internationaler Leitlinien wird Menschen mit hohem Risiko zu evidenzbasierten Lebensstilinterventionen geraten. Ziel ist typischerweise eine Gewichtsreduktion von 5 bis 7 % des Ausgangsgewichts bei gleichzeitiger Steigerung der körperlichen Aktivität. Die Wirksamkeit solcher Maßnahmen zur Risikoreduktion ist durch zahlreiche Studien belegt.
Remission als neues therapeutisches Ziel
Ein zentrales neues Konzept ist die Remission des Prädiabetes mit Erreichen normoglykämischer Werte. Prof. Birkenfeld verwies auf neue Daten aus der PLIS-Studie (Prediabetes Lifestyle Intervention Study, NCT01947595).
In dieser Studie führte eine intensive Lebensstilintervention mit 16 Beratungsterminen und sechs Stunden Bewegung pro Woche zu einer signifikanten Prädiabetes-Remissionsrate. Entscheidend war dabei nicht der absolute Gewichtsverlust, sondern die Verbesserung der Insulinsensitivität, der Beta-Zellfunktion und der viszeralen Fettverteilung. Die Prädiabetes-Remission war mit einer Risikoreduktion für die Diabetesmanifestation von bis zu 76 % assoziiert. Dieser Effekt übertrifft den der reinen Gewichtsreduktion deutlich.
Normoglykämie als Marker für Prädiabetes-Remission
Die Kriterien für eine Remission des Prädiabetes orientieren sich an den Werten des Normoglykämikers: ein Nüchternblutzucker von unter 100 mg/dl, ein 2-Stunden-Wert im oralen Glukosetoleranztest (oGTT) von unter 140 mg/dl und ein HbA1c-Wert von unter 5,7 %. Werden diese Werte erreicht, ist die Wahrscheinlichkeit, einen DM2 zu entwickeln, deutlich reduziert. Die Remission wird somit zum eigenständigen präventiven Ziel und ergänzt das Leitlinienziel der Gewichtsabnahme.
Fettverteilung als Einflussfaktor für Remissionserfolg
Ein differenzierter Blick zeigt, dass nicht alle Menschen im gleichen Maß profitieren. Daten aus der PLIS-Studie sowie aus Untersuchungen nach bariatrischer Chirurgie deuten darauf hin, dass vor allem die Umverteilung von viszeralem zu subkutanem Fett mit einer erhöhten Remissionsrate einhergeht. Die Stoffwechsellage erweist sich hierbei als maßgeblich. In der Tübinger Family Study wurden sechs Prädiabetes-Risikocluster identifiziert, die sich hinsichtlich Insulinresistenz, Leberfett, genetischer Prädisposition und viszeralem Fett signifikant unterscheiden. Cluster mit starker viszeraler Adipositas oder reduzierter Insulinsekretion weisen eine schlechtere Remissionsprognose auf und benötigen vermutlich intensivere Interventionen.
Geschlechterspezifische Unterschiede in der Therapieantwort
Auch geschlechterspezifische Unterschiede sind relevant. In den bislang unveröffentlichten Analysen der PLIS-Studie zeigte sich, dass Männer im Schnitt stärker auf Lebensstilmaßnahmen ansprechen – trotz vergleichbarer Gewichtsabnahme. Diese geschlechterspezifische Reaktion auf Lebensstilmaßnahmen könnte künftig individualisierte Präventionsstrategien erforderlich machen.
Remission unabhängig vom Gewichtsverlust möglich
Ein weiterer bemerkenswerter Befund ist, dass in Einzelfällen eine Remission des Prädiabetes gelang, auch ohne signifikanten Gewichtsverlust. Diese Patienten wiesen eine verbesserte Insulinsensitivität und Beta-Zellfunktion auf, bei weitgehend konstanter Fettmasse. Entscheidend war dabei die Reduktion des viszeralen Anteils zugunsten subkutaner Depots. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Parameter wie Leberfett, das Verhältnis von subkutanem zu viszeralem Fettgewebe (SCAT/VAT-Ratio) oder Insulinindizes künftig nicht stärker in die Therapieplanung einbezogen werden sollten.
Remission als realistische Option in der Diabetes-Prävention
Die vorliegenden Daten legen nahe, dass eine Remission des Prädiabetes hin zu einer normoglykämischen Glukoseregulation ein relevantes und erreichbares Ziel in der Prävention von DM2 darstellt. Lebensstilinterventionen sollten daher nicht nur auf eine Reduktion des Körpergewichts abzielen, sondern auch Parameter wie Insulinsensitivität, Beta-Zellfunktion und viszerale Fettverteilung berücksichtigen. Die Integration dieser metabolischen Zielgrößen in bestehende Präventionsstrategien könnte deren Wirksamkeit erhöhen und zur personalisierten Risikoreduktion beitragen.









