Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen erfordern langfristige Therapiestrategien
Durch den Welt-CED-Tag am 19. Mai wird der Blick auf Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (CED) wie Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU) gerichtet. Diese Erkrankungen sind durch einen chronisch-rezidivierenden Verlauf mit aktiven Entzündungsschüben und Remissionsphasen gekennzeichnet. In Europa liegt die Prävalenz beider Erkrankungen mittlerweile schätzungsweise bei mehreren hundert Fällen pro 100.000 Einwohnern. Die Krankheitslast ist hoch und betrifft neben der gastrointestinalen Symptomatik auch zahlreiche extraintestinale Manifestationen.
Therapeutisch hat sich das Behandlungsziel in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Während früher primär die Symptomkontrolle im Vordergrund stand, gilt heute die objektive Entzündungsfreiheit der Darmschleimhaut („Mukosaheilung“) als zentrales Therapieziel. Studien zeigen, dass eine persistierende subklinische Entzündungsaktivität mit einem erhöhten Risiko für strukturelle Darmschäden, Hospitalisierungen und operative Eingriffe assoziiert ist.
Dieses Treat-to-Target-Konzept setzt jedoch voraus, dass Patienten ihre Erkrankung verstehen, Therapieziele nachvollziehen und aktiv in Entscheidungen eingebunden werden.
Gesundheitskompetenz gewinnt bei CED zunehmend an Bedeutung
Die Versorgung von Patienten mit CED erfordert ein hohes Maß an Adhärenz und Krankheitsverständnis. Dazu zählen die regelmäßige Einnahme immunsuppressiver oder biologischer Therapien, Verlaufskontrollen mittels Endoskopie oder bildgebender Verfahren sowie die frühzeitige Einordnung neuer Symptome.
Gleichzeitig hat sich die Informationslandschaft verändert. Viele Patienten recherchieren krankheitsbezogene Inhalte online, häufig bereits vor oder nach Arztkontakten. Diese Entwicklung wirft die Frage auf, ob digitale Werkzeuge – insbesondere generative künstliche Intelligenz – die Informationsvermittlung verbessern und damit die Gesundheitskompetenz stärken können.
Systematische Übersichtsarbeit untersucht KI-Anwendungen bei CED
Vor diesem Hintergrund analysierte eine italienische Arbeitsgruppe in einer systematischen Übersichtsarbeit den Einsatz generativer KI bei entzündlichen Darmerkrankungen.
Im Fokus stand die Frage, wie gut generative KI-Systeme Menschen mit CED bei der Informationssuche unterstützen können und welche Genauigkeit sie dabei speziell im Bereich der Vermittlung von medizinischem Wissen erreichen.
Generative KI-Systeme unterscheiden sich von klassischen Suchmaschinen dadurch, dass sie Inhalte synthetisieren und strukturierte Antworten formulieren. Gerade bei komplexen chronischen Erkrankungen könnte dies theoretisch einen niedrigschwelligen Zugang zu medizinischem Wissen ermöglichen.
KI erreicht hohe Genauigkeit, bleibt aber fehleranfällig
Die Auswertung der eingeschlossenen Studien zeigte, dass generative KI bei der Beantwortung von Fragen zu CED eine Genauigkeit von bis zu 84,2 % erreichen kann.
Besonders im Bereich der Vermittlung von medizinischem Wissen bietet die generative KI ein vielversprechendes Potenzial, Menschen mit CED bei der Informationssuche zu unterstützen und so ihre persönliche Gesundheitskompetenz zu stärken. Damit könnten KI-Anwendungen potenziell dazu beitragen, medizinische Informationen verständlicher und schneller verfügbar zu machen.
Allerdings zeigte die Analyse auch klare Grenzen: Die Qualität der KI-Antworten variierte erheblich. Insbesondere die Genauigkeit der Antworten schwanken. Für wichtige Gesundheitsfragen funktioniert dies somit noch nicht zuverlässig genug.
Ein wesentliches Problem bleibt zudem die Aktualität der zugrunde liegenden Datenbasis. Da sich therapeutische Standards bei CED – insbesondere im Bereich der Biologika und Small Molecules – kontinuierlich weiterentwickeln, besteht das Risiko veralteter Empfehlungen.
Ärztliche Einordnung bleibt für Therapieentscheidungen essenziell
Für die klinische Praxis ergibt sich daraus ein differenziertes Bild: KI kann als ergänzende Informationsquelle genutzt werden, ersetzt aber weder ärztliche Expertise noch diagnostische Verfahren.
Gerade im Management von CED ist die Diskrepanz zwischen klinischer Remission und persistierender Entzündungsaktivität ein relevantes Problem. Patienten können symptomarm sein, obwohl weiterhin eine mukosale Entzündung besteht. Diese lässt sich nur durch objektive Verfahren wie Endoskopie, Sonografie oder Biomarkerdiagnostik erfassen.
Therapieentscheidungen basieren daher auf einer klinischen Gesamteinschätzung, die KI derzeit nicht leisten kann.
Digitale Unterstützung könnte Shared Decision-Making stärken
Ein potenzieller Nutzen von KI könnte in der Vorbereitung auf Arztgespräche liegen. Patienten, die sich strukturiert informieren, können Symptome präziser schildern und gezieltere Fragen stellen.
Dies könnte das Shared Decision-Making unterstützen, was ein zentraler Bestandteil moderner CED-Therapiekonzepte ist.
Voraussetzung bleibt jedoch die Fähigkeit, Informationsqualität kritisch zu bewerten. Hilfreich sind hierbei vertrauenswürdige Informationsangebote, zu denen z. B. auch die Webseite leben-mit-ced.de von AbbVie gehört.
KI bei CED: Potenzial vorhanden, Evidenzlage noch begrenzt
Die aktuelle Übersichtsarbeit von Lusetti et al. zeigt, dass generative KI in der Patienteninformation bei CED ein relevantes Entwicklungspotenzial besitzt. Die Technologie könnte langfristig helfen, Gesundheitskompetenz zu fördern und den Zugang zu medizinischem Wissen zu erleichtern.
Für die klinische Versorgung bleibt KI derzeit jedoch ein ergänzendes Werkzeug mit klaren Grenzen, weshalb eine KI die medizinische Erfahrung, eine gründliche ärztliche Untersuchung und das persönliche Gespräch in der Praxis nicht ersetzen kann.
Weitere Studien müssen klären, wie zuverlässig diese Systeme in unterschiedlichen klinischen Szenarien arbeiten, wie Halluzinationen reduziert werden können und wie sich KI sicher in bestehende Versorgungskonzepte integrieren lässt.
Für behandelnde Ärzte und Apotheker bedeutet dies: KI kann Patienten bei der Orientierung unterstützen, die ärztliche Beratung und evidenzbasierte Therapieentscheidung bleibt jedoch unverzichtbar.











