Individuelle Strategien für moderne Brustkrebsfrüherkennung – Dr. Orascanin im Interview

Brustkrebs zählt zu den häufigsten malignen Tumoren weltweit. Differenzierte Vorsorgekonzepte, die individuelle Risiken und moderne Diagnostik einbeziehen, gewinnen zunehmend an Bedeutung.

Experteninterview-Brustkrebsprävention-Dr. Ada Orascanin

Brustkrebs zählt weiterhin zu den bedeutendsten onkologischen Erkrankungen mit hoher Inzidenz in Industrieländern. Das Mortalitätsrisiko lässt sich durch strukturierte Früherkennung nachweislich senken. Das deutsche Mammographie-Screening-Programm für Frauen zwischen 50 und 70 Jahren ist ein zentraler Baustein der Prävention. Dennoch wird in der klinischen Praxis zunehmend sichtbar, dass rein altersbasierte Programme an ihre Grenzen stoßen. Im Interview ordnet Dr. Ada Orascanin aktuelle Entwicklungen der Brustbildgebung und Risikobewertung ein. Die folgenden Ausführungen basieren auf ihren fachlichen Einschätzungen.

Frau Dr. Orascanin, welche Rolle spielt die strukturierte Brustkrebsfrüherkennung aus Ihrer Sicht heute im klinischen Alltag?

Die strukturierte Früherkennung ist ein zentrales Element der onkologischen Versorgungsstrategie. Das qualitätsgesicherte Mammographie-Screening ab 50 bis 70 Jahren basiert auf solider Evidenz und hat einen nachweisbaren Einfluss auf die Mortalität. Gleichzeitig sehen wir im Alltag, dass sich die Patientinnenpopulation zunehmend differenziert. Neben dem standardisierten Screening gewinnt die individualisierte Risikoeinschätzung an Bedeutung. Alter allein ist kein ausreichendes Kriterium für eine differenzierte Vorsorgeplanung.

Welche Bedeutung hat die Brustdichte in der praktischen Diagnostik?

Brustdichte wird in 4 Kategorien eingeteilt und werden in Zahlen von 1 bis 4 oder korrelierend in Buchstaben A bis D angegeben. Die Zahl 4 bzw. der Buchstabe D bedeutet sehr dichtes Drüsengewebe. Die Zahl 1 oder der Buchstabe A bedeutet eine involutierte Brust ohne oder mit nur spärlichem Drüsengewebe. Junge Frauen haben tendenziell eine dichtere Brust. Ältere Frauen haben tendenziell eine involutierte Brust. Die Abnahme der Brustdichte ist ein normaler Altersvorgang. 
Bei hoher mammographischer Dichte kann die Detektionsrate sinken, da überlagernde Strukturen kleine Läsionen maskieren. In der Praxis bedeutet das, dass wir ergänzende Verfahren wie die Sonographie erwägen. Wichtig ist eine transparente Kommunikation mit den Patientinnen, ohne unnötige Verunsicherung zu erzeugen.

Wie bewerten Sie die Rolle der Sonographie in der Früherkennung?

Die Sonographie ist kein Ersatz für die Mammographie im Screening, stellt jedoch eine wertvolle Ergänzung dar, insbesondere bei dichtem Brustgewebe oder unklaren Befunden. Sie erlaubt eine differenzierte Beurteilung solider versus zystischer Läsionen und kann die diagnostische Sicherheit erhöhen. Entscheidend ist die Durchführung durch erfahrene Untersucherinnen und Untersucher sowie die Einbettung in ein strukturiertes diagnostisches Gesamtkonzept.

Wann ist aus Ihrer Sicht eine MRT indiziert?

Die Mamma-MRT ist ein hochsensitives Verfahren und sollte gezielt eingesetzt werden. Indikationen ergeben sich vor allem bei Hochrisikopatientinnen, etwa bei nachgewiesenen BRCA-Mutationen oder ausgeprägter familiärer Belastung. Auch in der präoperativen Planung oder bei unklarer Befundkonstellation kann sie sinnvoll sein. Für die allgemeine Vorsorge ohne Risikofaktoren ist sie jedoch nicht angezeigt. Die Balance zwischen Sensitivität und potenzieller Überdiagnostik bleibt ein zentrales Thema.

Wie können Ärztinnen, Ärzte und pharmazeutisches Fachpersonal Patientinnen in der Vorsorgeberatung sinnvoll unterstützen?

Eine sachliche, evidenzbasierte Information ist essenziell. Viele Patientinnen sind durch Medienberichte oder persönliche Erfahrungsberichte verunsichert. Hier ist es wichtig, die Unterschiede zwischen Screening, opportunistischer Diagnostik und individueller Risikovorsorge klar zu erklären. Eine enge interdisziplinäre Kommunikation kann dazu beitragen, Patientinnen gezielt an geeignete Anlaufstellen zu verweisen.

Welche Entwicklungen erwarten Sie künftig in der Brustkrebsfrüherkennung?

Wir sehen bereits heute eine stärkere Tendenz zur Risikostratifizierung. Genetische Faktoren, Lebensstilparameter und bildgebende Charakteristika werden perspektivisch stärker in personalisierte Vorsorgekonzepte einfließen. Auch KI-gestützte Auswertungsverfahren in der Bildgebung gewinnen an Relevanz. Entscheidend bleibt jedoch die ärztliche Einordnung. Technologie kann unterstützen, aber nicht die klinische Verantwortung ersetzen.

Fazit

Die Brustkrebsfrüherkennung befindet sich im Wandel. Durch differenzierte diagnostische Möglichkeiten und ein besseres Verständnis individueller Risikoprofile lassen sich Vorsorgeempfehlungen präziser gestalten.
Die Einschätzungen von Dr. Orascanin zeigen klar: Die Zukunft der Früherkennung liegt in der Kombination aus strukturiertem Screening, ergänzender Bildgebung und personalisierter Risikobewertung.

Autor:
Stand:
01.04.2026
Quelle:

Orascanin A. Fachinterview zur differenzierten Brustkrebsfrüherkennung „Brustkrebsfrüherkennung differenziert betrachten“, 16.03.2026.

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