Die meisten Frauen leiden vor allem in der Frühschwangerschaft an Übelkeit und Erbrechen (Nausea and Vomiting of Pregnancy [NVP]). Bei etwa 1%–3% entwickelt sich eine Hyperemesis gravidarum (HG). Die Beschwerden werden so stark, dass die Betroffenen nicht in der Lage sind, normal zu essen, ihren täglichen Aktivitäten nachzugehen, geschweige denn zu arbeiten. Dies geht häufig mit Gewichtsverlust und Elektrolytstörungen einher, die erhebliche Risiken für die Gesundheit von Mutter und Kind bedeuten können. In den USA ist HG die häufigste Ursache für Krankenhausaufenthalte in der Frühschwangerschaft und die zweithäufigste Ursache für Hospitalisierungen in der Schwangerschaft insgesamt.
GDF15 aus der Plazenta
Obwohl das Problem schon seit Menschengedenken bekannt ist, waren die Forschungen zu Ursache und vor allem der Therapie von NVP eher dürftig. Erst in den letzten Jahren wurde Growth Differation Factor 15 (GDF15), ein Hormon, das auf den Hirnstamm wirkt, mit NVP in Verbindung gebracht. Bisher fehlten aber Erkenntnisse zum pathophysiologischen Zusammenhang. Diese Lücke wollte eine internationale Arbeitsgruppe um Marlena Fejzo von der University of Southern California in Los Angeles füllen.
Zunächst konnten die Forscher anhand von Untersuchungen in Zellkulturen und im Tiermodell sowie von massenspektrometrischen und humangenetischen Analysen bei Schwangeren zeigen, dass das in der Schwangerschaft gebildete GDF15 überwiegend aus dem fetalen Anteil der Plazenta kommt und von da in den Blutkreislauf der Mutter gelangt.
GDF15-Menge und Empfindlichkeit
Die Höhe der GDF15-Spiegel ist direkt mit dem Ausmaß der Schwangerschaftsübelkeit assoziiert. Doch es gibt offenbar noch einen anderen Faktor, der das Ausmaß der NVP beeinflusst: die Toleranz gegen GDF15. Denn das Hormon wird auch außerhalb der Schwangerschaft in allen Geweben des Körpers in geringem Grad produziert. Wie empfindlich die Mutter in der Schwangerschaft auf das Hormon reagiert, hängt davon ab, wie stark sie vor der Schwangerschaft an GDF15 gewöhnt war. Demzufolge haben Frauen mit normalerweise niedrigen GDF15-Konzentrationen im Blut ein höheres Risiko für starke Schwangerschaftsübelkeit.
Umgekehrt ist das NVP-Risiko bei Frauen mit hohen GDF15-Spiegeln kaum vorhanden. Das belegen Untersuchungen an Frauen mit Beta-Thalassämie, die natürlicherweise hohe Konzentrationen an GDF15 aufweisen und in der Schwangerschaft sehr selten Übelkeit und Erbrechen entwickeln.
GDF15-Desensibilisierung vor der Schwangerschaft?
Nach Ansicht der Autoren bieten diese neuen Erkenntnisse Ansatzpunkte für eine Therapie bzw. vorbeugende Maßnahmen: Durch eine GDF15-Exposition – quasi im Sinne einer Desensibilisierung – vor der Schwangerschaft könnte eine Toleranz gegen das Hormon induziert werden. Im Tierversuch scheint dies bereits zu funktionieren. Auch die Entwicklung von spezifischen GDF15-Inhibitoren könnte zukünftig eine Möglichkeit zur Behandlung bei Hyperemesis gravidarum sein.











