Elektronische Gesundheitsakte verkürzt Antibiotikadauer bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung

Die Verwendung elektronischer Gesundheitsakten mit voreingestellten Antibiotikaempfehlungen erhöht die Leitlinienkonformität bei der Antibiotikatherapie von Kindern mit akuter Mittelohrentzündung erheblich. Die Methode reduziert die Behandlungsdauer und unterstützt den Kampf gegen Antibiotikaresistenzen.

Elektronische Patientenakte Smartphone

Eine akute Otitis media (bakterielle oder virale Mittelohrentzündung) gehört zu den häufigsten Erkrankungen im Kindesalter. Laut den National Institutes of Health erleiden in den USA fünf von sechs Kindern vor ihrem dritten Lebensjahr mindestens eine Mittelohrentzündung, die oft mit Antibiotika behandelt wird – häufig für unangemessen lange Zeiträume. Dabei zeigen aktuelle Studien, dass rund 75% der Fälle auch ohne Antibiotika ausheilen könnten. Dies geht aus neuen Daten hervor, die auf der Jahrestagung 2024 der Infectious Disease Week (IDWeek) vorgestellt und von der Infectious Diseases Society of America (IDSA) in einer Pressemitteilung publiziert wurden.

Elektronische Gesundheitsakten als Schlüssel zur optimierten Antibiotikatherapie

Um die Verordnungspraxis bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung zu verbessern, haben Forschende der University of Colorado/Children’s Hospital Colorado eine leitliniengerechte Intervention in elektronische Gesundheitsakten (EHR) integriert. Diese umfasst voreingestellte Empfehlungen für eine fünftägige Antibiotikatherapie bei Kindern ab zwei Jahren. Ergänzend wurde ein klinischer Pfad eingeführt, der bei milden Fällen ohne schwerwiegende Symptome vor allem auf Beobachtung und Schmerztherapie setzt. Die EHR-Methode zielt darauf ab, die Leitlinienkonformität zu erhöhen, unnötige Antibiotikaverordnungen zu reduzieren und die Behandlung gleichzeitig sicherer und effizienter zu gestalten.

Deutliche Verbesserung der Leitlinienkonformität

Die retrospektive Analyse umfasste Daten von mehr als 34.000 Kindern im Alter von 61 Tagen bis 18 Jahren, die zwischen Januar 2019 und Dezember 2023 in Notfall- oder Akutversorgungseinrichtungen behandelt wurden. Vor der Implementierung der EHR-Intervention hielten nur 3% der Behandelnden die empfohlenen fünf Tage Antibiotika ein. Nach der Einführung der voreingestellten Empfehlungen stieg dieser Anteil auf 83%.

Die Verkürzung der Behandlungsdauer verursachte keine Zunahme von Komplikationen wie Mastoiditis oder intrakraniellen Abszessen. Darüber hinaus konnte durch die Intervention die Verschreibung von Amoxicillin, dem bevorzugten Erstlinientherapeutikum, leicht reduziert werden – von 77% auf 74%.

Kurze Behandlungsdauer ausreichend, Überversorgung im Fokus zukünftiger Forschung

Die Daten deuten darauf hin, dass eine fünftägige Antibiotikabehandlung bei Kindern mit akuter Mittelohrentzündung in den allermeisten Fällen ausreicht – vorausgesetzt, die Behandlung erfolgt indikationsgerecht. Trotzdem war während der gesamten Studiendauer ein Anstieg der Verschreibungsrate zu beobachten.

Laut Dr. Joana Dimo, Assistenzärztin für Pädiatrische Infektionskrankheiten an der University of Colorado Denver/Children’s Hospital Colorado und Hauptautorin der Studie, bleibt eine zentrale Frage für zukünftige Forschung, warum Antibiotika trotz klarer Evidenz weiterhin so häufig bzw. lange verschrieben werden. Dieses Problem rückt die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen in den Fokus, um Überversorgung und die damit verbundenen Risiken für Resistenzentwicklungen und Nebenwirkungen besser zu verstehen.

EHR-Interventionen: Ein kosteneffizienter Ansatz zur Verbesserung der Antibiotikapraxis

EHR-basierte Interventionen sind kosteneffizient, skalierbar und wenig arbeitsintensiv, was sie für andere Gesundheitseinrichtungen attraktiv macht, hebt Dimo hervor. Zudem steigern sie die Leitlinienkonformität und helfen dabei, Antibiotikaresistenzen zu bekämpfen. Langfristig könnte dieser Ansatz nicht nur die Qualität der Versorgung verbessern, sondern auch die negativen Folgen unnötiger Antibiotikatherapien minimieren. „Jeder zusätzliche Tag unnötiger Antibiotikagabe erhöht das Risiko für Nebenwirkungen und trägt zur Resistenzentwicklung bei“, erklärt Dimo.

Autor:
Stand:
01.12.2024
Quelle:

Infectious Diseases Society of America (IDSA), Pressemitteilung, 16. Oktober 2024.

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