Verzögerte Diagnosen und schlechtere Therapiechancen bei Gefäßerkrankungen – das Geschlecht als Faktor

Periphere Gefäßerkrankungen sind insbesondere bei Frauen häufig unterdiagnostiziert und unterbehandelt. Eine neue wissenschaftliche Stellungnahme hebt geschlechtsspezifische Unterschiede hervor und fordert eine präzisere Diagnostik sowie optimierte Behandlungsstrategien.

Genderunterschiede

Periphere Gefäßerkrankungen umfassen eine Vielzahl von Erkrankungen, die die Arterien, Venen und Lymphgefäße betreffen. Besonders die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) und aortale Erkrankungen zeigen erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede in ihrer Prävalenz, Symptomatik und Therapie. Frauen sind häufig unterdiagnostiziert und erhalten seltener evidenzbasierte Therapien als Männer, was zu schlechteren Langzeitergebnissen führt.

Die American Heart Association (AHA) hat eine umfassende wissenschaftliche Stellungnahme veröffentlicht, die sich mit diesen geschlechtsspezifischen Disparitäten befasst. Diese Analyse zeigt, dass Frauen häufig atypische oder asymptomatische Verläufe zeigen, was eine verzögerte Diagnose zur Folge hat. Zudem sind sie seltener in klinischen Studien vertreten, was die Entwicklung optimierter Behandlungsrichtlinien erschwert.

Periphere arterielle Verschlusskrankheit bei Frauen wird spät erkannt

Die Prävalenz der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit ist bei Männern und Frauen nahezu gleich. Dennoch zeigen sich erhebliche Unterschiede in der klinischen Präsentation. Während Männer häufiger typische Symptome wie Claudicatio intermittens entwickeln, berichten Frauen oft über unspezifische Beschwerden oder bleiben asymptomatisch. Dies führt dazu, dass die Erkrankung bei Frauen später erkannt und behandelt wird.

Darüber hinaus weisen Frauen mit pAVK eine schnellere funktionelle Verschlechterung auf. Studien zeigen, dass sie kürzere Gehstrecken zurücklegen und eine geringere Gehgeschwindigkeit haben als männliche Patienten. Ferner nehmen Frauen seltener an strukturierten Bewegungsprogrammen teil, obwohl diese nachweislich die Prognose verbessern.

Aortale Erkrankungen: Mehr Komplikationen bei Frauen

Aortopathien wie Aortenaneurysmen und akute Aortensyndrome zeigen deutliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen entwickeln diese Erkrankungen oft in höherem Alter und haben ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Komplikationen. So sind Frauen dreimal häufiger von Rupturen bei kleinen Aneurysmen betroffen als Männer. Dennoch werden interventionelle Eingriffe oft zu spät oder gar nicht durchgeführt.

Auch nach operativen Eingriffen sind die Ergebnisse für Frauen ungünstiger. Frauen weisen nach endovaskulären Eingriffen höhere Sterblichkeitsraten und ein erhöhtes Schlaganfall-Risiko auf. Diese Unterschiede könnten auf anatomische Faktoren, hormonelle Einflüsse oder eine verspätete Diagnosestellung zurückzuführen sein.

Unterrepräsentation von Frauen in klinischen Studien

Ein entscheidender Faktor für die anhaltenden Disparitäten in der Behandlung von Frauen mit peripherer Gefäßerkrankung ist ihre unzureichende Repräsentation in klinischen Studien. Historisch gesehen waren Frauen in randomisierten kontrollierten Studien (RCTs) zu Gefäßerkrankungen unterrepräsentiert, sodass Behandlungsrichtlinien primär auf männlichen Patientenkollektiven basieren.

Die AHA fordert daher eine verstärkte Berücksichtigung von Geschlechtsunterschieden in klinischen Studien sowie eine geschlechtsspezifische Analyse der Studiendaten. Nur so können evidenzbasierte Therapien entwickelt werden, die die speziellen Bedürfnisse von Frauen besser berücksichtigen.

Bessere Versorgungsstrukturen durch gezielte Schulung und Leitlinienanpassung

Um die bestehenden Defizite in der Versorgung von Frauen mit peripheren Gefäßerkrankungen zu beheben, sind gezielte Fortbildungsprogramme und Anpassungen der Leitlinien erforderlich. Medizinische Weiterbildungen sollten verstärkt die frühzeitige Erkennung peripherer Gefäßerkrankungen bei Frauen, eine angepasste Risikostratifizierung sowie geschlechtsspezifische Therapieoptionen in den Fokus rücken.

Zudem könnte eine stärkere interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Kardiologen, Angiologen und Gefäßchirurgen dazu beitragen, die Versorgung von Frauen mit Gefäßerkrankungen nachhaltig zu verbessern.

Autor:
Stand:
27.03.2025
Quelle:

Kim, E. S. H. et al. (2025): Sex Differences in Peripheral Vascular Disease: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation, DOI: 10.1161/CIR.0000000000001310.

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