So viele Gefäßsportgruppen wie Herzsportgruppen wünscht sich Dr. Gesine Dörr vom St. Josefs Krankenhaus Potsdam und klärte im Rahmen des 130. DGIM-Kongresses in Wiesbaden zu diesem Thema auf [1]. Derzeit gibt es in Deutschland etwa 150 Gefäßsportgruppen – sehr viel weniger als die rund 6.000 Herzsportgruppen.
Gefäßsport wenig genutzt
Nach einer Umfrage, die 2023 an 16 Zentren in Deutschland durchgeführt wurde, haben nur 11,4% der Patienten mit symptomatischer peripherer arterieller Verschlusskrankheit (PAVK) der unteren Extremität in Deutschland bereits an einem Gehtraining teilgenommen [2]. Fast zwei Drittel hatten keine Information zu dieser Basistherapie und den damit erzielbaren Effekten erhalten. Dabei empfiehlt die S3-Leitlinie mit höchster Evidenzstufe, allen Patienten mit PAVK und Claudicatio intermittens ein strukturiertes Gehtraining unter Aufsicht und regelmäßiger Anleitung als Bestandteil der Basisbehandlung anzubieten [3].
Das war vielen behandelnden Ärzten in der Umfrage zwar bekannt, allerdings wussten dabei nur 58%, dass Gehtraining verordnungsfähig ist, und 56% sahen sich nicht in der Lage, Patienten nützliche Informationen an die Hand zu geben, damit sie lokale Gefäßsportgruppen finden können [2].
Gehtraining bei PAVK
Gehtraining kann den Kollateralfluss, die NO-abhängige Vasodilatation und den mitochondrialen Stoffwechsel verbessern sowie Inflammation reduzieren, erläuterte Dörr. Das supervidierte strukturierte Gehtraining (SET) verlängert die Gehstrecke effektiver als das häusliche Training ohne Monitoring [4]. Wird das häusliche Training mit einem Selbstmonitoring per Schrittzähler, einer telemedizinischen Überwachung und einer Abfrage der Schrittzahl ergänzt, ist es hinsichtlich der Zunahme der schmerzfreien und maximalen Gehstrecke dem SET vergleichbar. Wichtig ist ein mindestens dreimal wöchentliches Gehtraining über zunächst 20, später 60 Minuten bei moderatem bis maximalem Schmerz. Voraussetzungen für den Erfolg eines Gehtrainings sind zudem eine gute Aufklärung über den Zweck und die Wirksamkeit, eine klare Zielsetzung, das Feedback zum Training und ein Bewegungsplan [4].
Trainingsinhalte
Patienten mit Claudicatio intermittens haben durch Inaktivität eine reduzierte Muskelmasse und -kraft, eine gestörte Biomechanik des Sprunggelenks, oftmals eine Hüftarthrose und der Muskelmetabolismus ist gestört, die Patienten sind dekonditioniert. Der Gefäßsport umfasst deshalb mehr als nur das Gehtraining. Mit Bein- und Fußgymnastik können die Patienten den Tag beginnen, schlug Dörr vor. Danach sind sie eher in der Lage zu gehen.
Das Gehtraining ist gut geeignet bei Stenosen und Verschlüssen der Femoralarterien und Unterschenkelarterien, um die Wadenmuskulatur und die Kollateralbildung zu stärken. Patienten mit einer Stenose der Beckenarterien sollten dagegen die Oberschenkelmuskeln trainieren. Hier wird Fahrradfahren empfohlen.
Im Rahmen des Gefäßsports können Koordinationsübungen, Dehnungsübungen, Entspannungsübungen oder Kraft-, Ausdauer- und Motorik-Trainings das Programm ergänzen. Langfristig kann dadurch nicht nur die schmerzfreie Gehstrecke, sondern auch die Lebensqualität verbessert werden. Zudem werden kardiovaskuläre Risikofaktoren reduziert, beispielsweise Hypertonie und hohes LDL-Cholesterin.
Gefäßsportgruppen gründen
Damit mehr Gefäßsportgruppen entstehen, hat die Deutsche Gesellschaft für Angiologie einen Leitfaden für die Gründung einer Gefäßsportgruppe zusammengestellt. Ein Arzt muss beim Training nicht anwesend sein, sollte aber im Hintergrund das Programm begleiten. Für die 12-stündige Qualifikation zum Gefäßtrainer wird die Qualifikation zum Herzgruppenleiter vorausgesetzt. „Gut ausgebildete Trainer sind wichtig, sonst bleiben die Patienten daheim“, ist die Erfahrung von Dörr. Es sei ja das einzige Training, bei dem bewusst in den Schmerz hineingelaufen wird. Da sei es wichtig, dass der Patient den Schmerz positiv bewerte, sagte sie. Sonst bekomme er Angst vor dem Training.
Gefäßsport und Gefäßrehabilitation verordnen
Ihre ärztlichen Kollegen bat sie darum, den Patienten mit PAVK das Gehtraining auch wirklich zu verordnen. Sonst lohne sich für die Vereine das Angebot einer Gefäßgruppe nicht. Zudem sollten Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt wegen einer PAVK genauso wie Patienten nach einem Myokardinfarkt das Angebot einer stationären Rehabilitation bekommen, findet Dörr. Inzwischen gibt es erste zertifizierte Rehabilitationskliniken mit Gefäßexpertise.








