Systeme zur automatisierten Insulinabgabe (engl. Automated Insulin Delivery, AID) führen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes nach einer Auswertung des kanadischen Registers BETTER zu einem niedrigeren medianen HbA1c und einer höheren Therapiezufriedenheit, gleichzeitig aber auch zu einer höheren mentalen Belastung, berichtete Professorin Dr. Beate Karges von der Sektion Endokrinologie und Diabetologie der Universitätsklinik der RWTH Aachen. Dieses Paradoxon ist nicht einfach zu erklären, sagte sie anlässlich des Diabetes-Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin. Registerdaten geben keinen Anhaltspunkt für die Ursachen. Wichtig ist, in Studien mit AID immer auch patientenberichtete Endpunkte mit zu erheben, betonte sie. Im Diabetes-Technologie-Report berichteten Erwachsene mit Typ-1-Diabetes beispielsweise, dass eine AID die Zeit, die sie mit ihrer Diabetestherapie beschäftigt sind, um im Mittel acht Minuten pro Tag verlängert.
Bessere Blutzuckerkontrolle
Im prospektiven Register Diabetes-Patienten-Verlaufsdokumentation (DPV) lassen sich die Ergebnisse zur verbesserten glykämischen Kontrolle mit AID nachvollziehen. Im pädiatrischen Bereich werden fast alle Kinder und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes in Deutschland erfasst. Die Ergebnisse zeigen, dass die glykämischen Ziele (HbA1c und Nüchternblutzucker) mit einem hybriden Closed-Loop-System mit Sensor und AID besser erreicht werden als mit einer Therapie mit Sensor plus Insulinpumpe, berichtete Karges. Dabei sind schwere Hypoglykämien und insbesondere Hypoglykämien mit Koma mit einem AID-System deutlich seltener.
Ketoazidoserisiko beachten
In der Auswertung mit 13.922 Menschen im Alter von zwei bis 20 Jahren zeigte sich aber auch, dass das Risiko für eine diabetische Ketoazidose bei AID-Nutzung signifikant ansteigt. Das betraf vorrangig Patienten, die weiter einen hohen HbA1c (≥8,5 %) aufwiesen. Viele der Patienten verwendeten im Register in dem betrachteten Zeitraum Systeme der ersten Generation, erläuterte Karges. Mit neueren Systemen sei die Zeit außerhalb des Auto-Modus geringer und damit auch das Risiko für eine schlechte Kontrolle. Unabhängig davon zeige die DPV-Auswertung vor allem den Bedarf an Schulung, gerade bei denjenigen mit hohem HbA1c, betonte sie. Gute Glukosewerte schließen eine hohe psychische Belastung (Distress) nicht aus, ergänzte Professor Dr. Dominic Ehrmann, Diplompsychologe vom Forschungsinstitut Diabetes Akademie Mergentheim (FIDAM) in Bad Mergentheim.
Diabetischer Distress
Zu einem gewissen Grad ist eine emotionale Reaktion auf die Anforderungen des Diabetes und der Therapie normal. Zu einem erhöhten Diabetes-Distress kommt es, wenn die psychosoziale Adaptation an die chronische Erkrankung nur ungenügend gelingt und es ein Ungleichgewicht zwischen diabetesbedingten Stressoren und individuellen Verarbeitungsstrategien gibt. Es wird geschätzt, dass 20–40 % der Patienten mit Typ-1-Diabetes einen Diabetes-Distress erleben, sagte Ehrmann.
Immer engere Blutzucker-Kontrolle
Distress kann durch einen Blutzuckeranstieg selbst hervorgerufen werden oder – viel häufiger – durch die subjektive Interpretation von Blutzuckerwerten. Die Angabe der Zeit im normalen Glukosebereich (engl. time in normal glucose, TING) in neueren AIDs befeuert die Belastung wahrscheinlich noch, denn dieses Therapieziel ist noch enger gesteckt als die Zeit im Zielbereich (TIR). Bei Adoleszenten mit Typ-1-Diabetes war die TING mit Distress assoziiert, die TIR nicht. Einige Betroffene oder Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes empfinden die TING aber auch motivierend, sagte Ehrmann.
Nach Distress fragen
Wichtig ist es in der Praxis, mit den Patienten nicht nur Zahlen zu besprechen. Bei regelmäßigen Kontrollen sollte auch nach der Belastung durch die AID-Therapie gefragt werden, empfahl Ehrmann. Bei erreichten Zielwerten und dennoch hoher Belastung durch die Therapie sollten die Quellen des Distress analysiert werden. Er nannte vier Distress-Profile.
Perfektionismus
Eine perfektionistische Haltung kann sich hinter einer sehr hohen TIR, vielen manuellen Eingriffen in die AID-Therapie und viel Verzicht im Alltag verbergen. Hilfreich kann sein, die Patienten neben der TIR auch nach der „Time in Happiness“ zu fragen, regte Ehrmann an. Was gute/schlechte Blutzuckerwerte sind, kann diskutiert werden, ebenso der Nutzen von mehr TIR.
Angst vor Hypoglykämien
Eine lange Zeit oberhalb des Zielbereichs, die Verringerung oder Unterbrechung der Bolusgaben und der Nutzung des manuellen Modus können auf eine große Hypoglykämie-Angst hinweisen. Hier kann helfen, die Patienten hinsichtlich Hypoglykämien zu schulen und die Zielwerte erst einmal langsam zu senken, um Vertrauen in den AID-Algorithmus aufzubauen.
Überforderung
Wenn wenig oder keine Mahlzeitenankündigungen erfolgen und starke Schwankungen im HbA1c zu erkennen sind, kann es sein, dass der Patient überfordert ist. Eine Schulung sollte zunächst die Information auf das Notwendigste beschränken und dann Schritt für Schritt weiter in die optimale Nutzung des Systems einführen.
Scham und Schuldgefühle
Entschuldigen sich Patienten häufig im Gespräch und möchten die Glukosewerte nicht mit dem Arzt teilen, können Scham- und Schuldgefühle im Vordergrund stehen. Dann ist es wichtig, zunächst am Beziehungsaufbau anzusetzen und den Fokus nicht zu sehr auf Glukosewerte zu legen, bis mehr Vertrauen geschaffen ist.












