DDG 2026: Ernährungsintervention muss Herkunft und Alltag berücksichtigen

Menschen mit Migrationshintergrund sind häufig von Adipositas und Diabetes betroffen. Lebensstilmaßnahmen sind immer schwierig umzusetzen. Bei ihnen kommen noch kulturspezifische Aspekte hinzu.

Ernährungsberatung

Häufig nehmen Migranten und Gesundheitsprofis die Probleme bei einer Ernährungsumstellung unterschiedlich wahr, berichtete Dr. Stephen Amoah, Mediziner mit Schwerpunkt Prävention von Typ-2-Diabetes vom Zentrum für Entwicklungswissenschaften der Universität Bonn. So berichtete ein Migrant aus Ghana, dass er den ganzen Tag arbeite und keine Essenspausen machen könne, berichtete der selbst aus Ghana stammende Wissenschaftler anlässlich des Diabetes-Kongresses der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) in Berlin. Daher koche er abends und esse spät die Hauptmahlzeit des Tages. Da sei es schwierig, die Hinweise der Ernährungsberatung umzusetzen. Beispielhaft zitierte er auf der anderen Seite eine Ärztin, die sich darüber beklagte, dass Migranten bei jedem Termin Ausreden hätten und immer wieder die Ernährungsberatung abgebrochen werden müsse, da offensichtlich keine Motivation für eine Ernährungsumstellung bestehe. Da gibt es eine Diskrepanz zwischen Lebensrealität und klinischer Interpretation, betonte Amoah.

Studie zu Sichtweisen von Migranten und Ernährungsberatern

Er führte 2025 in Fokusgruppen eine qualitative Befragung von 35 Migranten aus Ghana mit hohem Diabetes-Risiko (positive Familienanamnese eines Typ-2-Diabetes) und 7 Gesundheitsprofis (Diätassistenten und Ernährungswissenschaftler) durch. Die Migranten hatten überwiegend einen hohen Bildungsgrad, waren zu 86 % übergewichtig oder adipös und arbeiteten meistens im Bereich Service und Handwerk. Die Interviews wurden in der Muttersprache bzw. in Deutsch durchgeführt.

Ernährungsumstellung verhandeln

Die Ergebnisse fasste Amoah so zusammen: „Bei der Ernährungsumstellung geht es nicht um Compliance, es geht um ein Aushandeln.“ Es müssen die emotionalen und kulturellen Bezüge beachtet werden, das individuelle Wissen und die jeweiligen Überzeugungen müssen mit einfließen und auf Verhaltensebene ist es wichtig, nicht nur praktische Empfehlungen zur Umsetzung zu geben, sondern auch Hindernisse für die Umsetzung zu berücksichtigen.

Nahrung ist Identität

Als Beispiel für den Einfluss von Emotionen und Kultur berichtete Amoah, dass für Menschen aus Ghana Fufu Identität, Zugehörigkeit und Wohlbefinden bedeutet. Fufu ist in der west- und zentralafrikanischen Küche ein stärkehaltiger Brei oder Kloß aus Maniok oder Yams und Kochbananen, das zu jeder Mahlzeit gehört. Wird die emotionale Komponente, die damit verbunden ist, in der Ernährungsberatung nicht berücksichtigt, wird die Ernährungsberatung wahrscheinlich wenig erfolgreich sein. Essen ist nicht nur Ernährung, es ist Teil des Selbst, der eigenen Kultur und Herkunft. Deshalb müssen Ernährungsberatungen nicht einfach Wissensvermittlung sein, wie die Lebensmittel ausgewählt und zubereitet werden sollen. Es muss kultursensibel und unter Berücksichtigung der emotionalen Komponente zu Ernährung beraten werden. Fufu als Teil der westafrikanischen Küche kann nicht einfach mit Vollkornprodukten ersetzt werden.

Alltag berücksichtigen

Viele Migranten leben einen Alltag mit vielen Einschränkungen und Zwängen, sei es in Bezug auf Zeit, Kosten, die Familie oder die Umgebung und Arbeitsbedingungen. Es ist wichtig, diese Einschränkungen nicht als fehlende Motivation zu deuten und den Menschen eine persönliche Verantwortung für eine fehlende Verhaltensänderung zuzuschreiben. Eine Interviewte berichtete, dass ihr Alltag nicht zulasse, sich irgendwo in Ruhe hinzusetzen und zu essen oder gar selbst etwas zu kochen. Daher ernähre sie sich von dem, was ohne Aufwand verfügbar ist – von Fastfood und Brot. Da hilft eine pauschale Ernährungsberatung wenig.

Vorhandenes Wissen aufgreifen

Migranten berichteten über vorhandenes Wissen über Ernährung, auch über praktische Ansätze, die Ernährung zu verbessern. Die interviewten Gesundheitsprofis berichteten allerdings, das Wissen sei bei den Migranten begrenzt, fragmentiert und unzureichend. Migranten, die Empfehlungen theoretisch verstanden hätten, setzten sie nicht in praktisches Handeln um. Die Ernährungsempfehlungen entsprächen nicht der Ernährung, die sie kennen, daher seien sie nicht für sie umsetzbar, berichtete eine Diätassistentin.

Faktoren miteinander verknüpft

Kulturelle Identität, Alltagseinschränkungen und Wissen interagieren miteinander, betonte Amoah. Emotionen gehen vor Wissen, Alltagseinschränkungen stehen der Umsetzung von Vorsätzen entgegen und Motivation und Wissen können allein nicht zu einer Veränderung führen. Amoah plädierte für die Entwicklung kulturell angepasster Leitlinien. Gesundheitsprofis benötigen für ihren Alltag mehr interkulturelle Kompetenz. Materialien zur Unterstützung von Ernährungs- und Lebensstilberatung sollten kulturelle Aspekte stärker berücksichtigen, sagte er.

Autor:
Stand:
27.05.2026
Quelle:

Dr. Stephan Amoah: „Attitudes toward dietary change amng migrants: findings from a qualitative study with migrants and health professionals“, 14. Mai 2026, 60. Diabetes Kongress vom 13.–16. Mai 2026 in Berlin/hybrid.

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