Die Zahl der Menschen mit Parkinson-Krankheit (PD), Multipler Sklerose (MS) und Motoneuronerkrankungen (MND) hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Eine Analyse von Bevölkerungsdaten aus Frankreich und Schweden zeigt nun, dass die steigende Prävalenz der drei neurologischen Erkrankungen auf unterschiedliche Ursachen zurückzuführen ist.
Die Ergebnisse wurden auf dem EAN Kongress 2026 vorgestellt und parallel in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht.
Unterschiedliche Entwicklungen trotz gleicher Tendenz
Für die Untersuchung analysierten Forscher Gesundheitsdaten der gesamten Bevölkerung Frankreichs und Schwedens zwischen 2003 und 2022. Ziel war es, Veränderungen bei Prävalenz, Inzidenz und Lebenserwartung von Patienten mit PD, MS und MND zu erfassen.
Obwohl die Prävalenz aller drei Erkrankungen anstieg, unterschieden sich die zugrunde liegenden Mechanismen deutlich. Nach Angaben der Autoren nahm insbesondere die Zahl der Menschen mit MS stark zu. Die Daten sprechen jedoch nicht für ein steigendes Erkrankungsrisiko. Vielmehr überleben Patienten heute deutlich länger als noch vor zwei Jahrzehnten.
Mehr MS-Patienten durch längeres Überleben
Die Analyse ergab für MS eine weitgehend stabile Inzidenz. Gleichzeitig stieg die Lebenserwartung der Patienten im Untersuchungszeitraum an.
Studienleiter Dr. Thomas Nedelec von der Sorbonne Université und dem Paris Brain Institute sieht darin einen Hinweis auf therapeutische Fortschritte. Insbesondere moderne immunmodulatorische und immunsuppressive Therapien könnten die Krankheitsaktivität senken und langfristig bessere Behandlungsergebnisse ermöglichen. Die steigende Prävalenz von MS scheint daher vor allem auf verbesserte Überlebenschancen zurückzugehen.
Motoneuronerkrankungen zeigen steigende Inzidenz
Ein anderes Bild zeigte sich bei den MND. Als einzige der drei untersuchten Erkrankungsgruppen nahm sowohl die rohe als auch die altersstandardisierte Inzidenz im Studienzeitraum zu.
Ein Teil dieser Entwicklung lässt sich durch die alternde Bevölkerung erklären. Nach Einschätzung der Autoren reicht dieser Faktor jedoch nicht aus, um den gesamten Anstieg zu begründen.
Als weitere mögliche Ursachen nennen die Forscher eine höhere Aufmerksamkeit für die Erkrankungen sowie Fortschritte in der Diagnostik. Auch Veränderungen von Umwelt- oder Lebensstilfaktoren könnten eine Rolle spielen, sind bislang jedoch nicht belegt.
Zugleich stieg die Lebenserwartung von Patienten mit MND, was zusätzlich zur wachsenden Inzidenz beiträgt.
Parkinson: Weniger Neuerkrankungen nach Altersanpassung
Bei der PD zeigte sich ein komplexeres Muster. Während die rohe Inzidenz über die Jahre weitgehend stabil blieb, nahm die altersadjustierte Inzidenz ab.
Nach Berücksichtigung der Bevölkerungsalterung wurden somit im Verlauf der zwei Jahrzehnte weniger Neuerkrankungen registriert. Die Autoren vermuten, dass Verbesserungen in der allgemeinen medizinischen Versorgung hierzu beigetragen haben könnten. Dazu zählt insbesondere die bessere Behandlung kardiovaskulärer Begleiterkrankungen.
Die Lebenserwartung von PD-Patienten stieg zunächst zwischen 2003 und 2013 an, sank in den folgenden Jahren jedoch wieder leicht.
Konsequenzen für die Gesundheitsversorgung
Nach Ansicht der Autoren liefert die Studie eine wichtige Botschaft für Gesundheitspolitik und Versorgungssysteme: Eine steigende Prävalenz neurologischer Erkrankungen bedeutet nicht zwangsläufig, dass das Erkrankungsrisiko in der Bevölkerung zunimmt.
Vielmehr können verbesserte Überlebenschancen dazu führen, dass mehr Menschen über längere Zeit mit einer chronischen Erkrankung leben. Dies hat andere Konsequenzen für die Versorgungsplanung als ein tatsächlicher Anstieg der Inzidenz.
Nedelec betont, dass die Ergebnisse insgesamt eher beruhigend seien. Die wachsende Zahl von Patienten mit neurologischen Erkrankungen sei nicht primär Ausdruck eines stark steigenden Erkrankungsrisikos in der Bevölkerung.
Europäische Analysen gefordert
Die Forscher sprechen sich für eine koordinierte europäische Initiative aus, um langfristige Trends neurologischer Erkrankungen länderübergreifend zu untersuchen. Vergleichbare Analysen könnten helfen, Unterschiede zwischen einzelnen Ländern besser zu verstehen und mögliche Einflussfaktoren auf die Krankheitsentwicklung zu identifizieren.
Nach Ansicht der Autoren sind solche Daten entscheidend, um zukünftige Präventionsstrategien zu entwickeln und den steigenden Versorgungsbedarf bei neurologischen Erkrankungen frühzeitig zu adressieren.












