
Über den Nutzen einer Mund-Nasen-Maske im Kampf gegen Covid-19 wird schon länger heftig debattiert. Masken-Gegner sehen sich jetzt durch eine Überblicksstudie des renommierten Forschungsnetzwerks Cochrane bestätigt. Diese soll beweisen, dass Masken wenig bis gar nicht vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 schützen. Einen solchen Schluss lässt die Arbeit aber nicht zu.
Unterschiedliche Maßnahmen untersucht
Die vierte Aktualisierung des Cochrane-Reviews „Physikalische Interventionen zur Unterbrechung oder Verringerung der Ausbreitung von Atemwegsviren“ bestätigt im Wesentlichen die Ergebnisse der letzten Fassung vom November 2020. In der Arbeit bündeln die AutorInnen Ergebnisse randomisierter Studien zur Wirksamkeit von nicht pharmakologischen Schutzmaßnahmen, etwa Quarantäne, Isolation, Handhygiene, Abstandsregeln, Gurgeln, Einreisekontrollen und Gesichtsmasken. Insgesamt flossen in die Arbeit 78 Studien ein, darunter Untersuchungen zum Influenza-Virus, zum Covid-19-Erreger SARS-CoV-2 und zum schweren akuten respiratorischen Syndrom (SARS) [1].
Mehrzahl der Daten stammt aus den Jahren bis 2016
Die meisten Erhebungen sind älteren Datums und betreffen klassische Hochsaisons für Atemwegsviren vor Beginn der Covid-19-Pandemie. Einige wurden während der H1N1-Influenzapandemie 2009 durchgeführt, andere in epidemischen Grippesaisons bis 2016. Sechs der neuen Studien stammen aus der Zeit während der Covid-19-Pandemie, zwei aus Mexiko und je eine aus Dänemark, Bangladesch, England und Norwegen. „Zum Nutzen von Gesichtsmasken kamen zu den neun Studien der letzten Version (November 2020) lediglich drei weitere Studien hinzu“, schreibt Cochrane Deutschland in einer aktuellen Stellungnahme [2].
Eindeutige Schlüsse kaum möglich
Die StudienautorInnen kamen zu dem Ergebnis, dass das Tragen von Masken in der Bevölkerung wahrscheinlich einen geringen oder keinen Einfluss auf das Auftreten von Erkrankungen wie Grippe und Covid-19 hat – grenzen aber selbst die Aussagekraft der Ergebnisse ein. „Das hohe Risiko von Verzerrungen, die Unterschiede bei der Messung der Ergebnisse und das relativ geringe Befolgen der Maßnahmen während der Untersuchungszeiträume machen es schwer, eindeutige Schlüsse zu ziehen“, betonen sie. Wie gut Masken tatsächlich vor einer Übertragung des Coronavirus schützen, ist unsicher und müsse dringend weiter untersucht werden. Die Autoren sprechen von „Forschungslücken“ [1].
Einschränkungen und Fehlerquellen
Auch Cochrane Deutschland erklärt, dass bei der Interpretation der Ergebnisse mögliche „Einschränkungen und Fehlerquellen der zugrundeliegenden Studien“ einbezogen werden müssen. Dazu zählen etwa „Mängel im Studiendesign“ oder eine „unzureichende Aussagekraft einiger Studien, weil diese während Zeiten mit einer geringen Viruszirkulation durchgeführt wurden“. Bei den Studien zum Maskentragen seien die „nur schwer überprüfbare und vermutlich oft geringe Adhärenz beim Maskentragen, also die Frage, ob die Studienteilnehmenden ihre Masken wirklich regelmäßig und korrekt trugen," zu berücksichtigen [2].
Cochrane-Studie wenig aussagekräftig
Die Cochrane-Studie sei wenig aussagekräftig, sagte Prof. Eberhard Bodenschatz, Direktor und Wissenschaftliches Mitglied am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Ein großes Problem der Studie sei, dass sie verschiedene Atemwegserkrankungen wie etwa Corona und normale Grippe zusammenführe. „Unsere Studien haben eindeutig gezeigt, dass Masken physikalisch ein wunderbarer Schutz sind“, so Bodenschatz. Sie verbesserten den Infektionsschutz mindestens um den Faktor zehn bis hundert. Die verschiedenen Einzelstudien seien nicht vergleichbar [3].
Eine Ende 2021 im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichte Untersuchung, an der Bodenschatz maßgeblich beteiligt war, ergab beispielsweise, dass Masken das Infektionsrisiko erheblich senken können: Tragen eine nicht-infizierte und eine infizierte Person gutsitzende FFP2-Masken, beträgt das maximale Ansteckungsrisiko nach 20 Minuten selbst auf kürzeste Distanz in einem Raum kaum mehr als ein Promille [4].
Weiter kritisierte Bodenschatz die AutorInnen für die Form der Informationsübermittlung. „In einem Satz schreiben sie, Masken wirken nicht, und einen Absatz später räumen sie ein, dass sie es eigentlich nicht sagen können.“ Diese Art der Kommunikation sei unglücklich [3].
Minderheitenmeinung in der Forscher-Community
Auch Prof. Mathias Pletz, Leiter des Instituts für Infektiologie und Krankenhaushygiene an der Uniklinik Jena, sieht die Studie kritisch. „Es gibt einige andere Metastudien, die zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen“, etwa in den Fachzeitschriften Frontiers in Public Health oder The BMJ, sagte er tagesschau.de. Die jetzige Cochrane-Untersuchung sei eine Minderheitenmeinung in der Forscher-Community. „Aus Krankenhäusern ist beispielsweise sehr gut belegt, dass Masken dort vor Infektionen schützen.“ [3]
Problematisch sei, dass Menschen Masken – speziell im privaten Umfeld – nicht durchgängig tragen. Ein Beweis für die sehr gute Schutzwirkung von Masken wäre zum Beispiel, dass es während der pandemiebedingten Maskenpflicht nahezu keine Influenza und RSV-Fälle gegeben hat, erklärt der Infektiologe.
Außerdem sei der Hauptautor der Cochrane-Studie bekannt dafür, bestimmte Schutzmaßnahmen sehr kritisch zu sehen. „Er hat aus seiner Ablehnung der Masken nie einen Hehl gemacht“, so Pletz. Von daher überrasche ihn das Ergebnis auch nicht [3].