Kombinierte sNfL- und Troponin-Bestimmung verbessert ALS-Diagnostik

Die Diagnose der Amyotrophen Lateralsklerose bleibt trotz moderner Verfahren herausfordernd. Aktuelle Daten belegen, dass die Kombination der Serum-Biomarker sNfL und cTnT die diagnostische Genauigkeit signifikant erhöht.

Blutuntersuchung

Bedeutung von Biomarkern in der ALS-Diagnostik 

Die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine progrediente Motoneuronerkrankung. Trotz intensiver Forschung bestehen weiterhin diagnostische Verzögerungen – nicht zuletzt aufgrund der heterogenen klinischen Manifestationen und der symptomatischen Überschneidungen mit anderen neurodegenerativen Erkrankungen. Serum-Biomarker gelten als bedeutende Ergänzung zur klinischen Diagnostik, insbesondere in frühen Krankheitsstadien.

Serum-Neurofilament light chain (sNfL) hat sich in den letzten Jahren als Marker für neuroaxonalen Schaden etabliert. Hohe Werte korrelieren mit rascher Progression, sind jedoch nicht krankheitsspezifisch. Parallel dazu rückt kardiales Troponin T (cTnT) zunehmend in den Fokus, da es bei neuromuskulären Erkrankungen – einschließlich ALS – aufgrund der Expression in der Skelettmuskulatur chronisch erhöht sein kann. Die vorliegende Studie geht der zentralen Frage nach, ob die kombinierte Nutzung beider Marker diagnostische Grenzen überwindet.

Validierung von Biomarker-Kombination bei ALS

Die Autoren um Paula Lindenborn vom Universitätsklinikum Bonn untersuchten retrospektiv eine ALS-Kohorte (n = 293) sowie Personen mit anderen neurodegenerativen Erkrankungen (n = 85) und gesunde Kontrollen (n = 29). Eine Validierung erfolgte anhand eines unabhängigen Kollektivs von 501 ALS-Patienten. Analysiert wurden die diagnostische Genauigkeit von sNfL, cTnT und deren Kombination mittels ROC-Analysen sowie die Identifikation prognostisch relevanter Subgruppen. 

Einordnung von sNfL

sNfL zeigte erwartungsgemäß eine hohe Sensitivität für die Unterscheidung von ALS gegenüber gesunden Kontrollen (Area under the Curve [AUC] 0,94). Gegenüber neurodegenerativen Kontrollen sank die Genauigkeit jedoch deutlich (AUC 0,82). Dieses Muster bestätigt bekannte Limitationen der Spezifität von Neurofilamenten. 

Rolle von cTnT

Der Biomarker cTnT wies ebenfalls eine diagnostische Relevanz auf (AUC 0,77). Zentrale Neuerung der Studie ist die Bestimmung eines ALS-spezifischen Grenzwerts von 8,35 ng/L, errechnet über den Youden-Index. Dieser Wert lag deutlich unterhalb des klassischen kardialen Cut-offs von 14 ng/L und ermöglichte die Identifikation zusätzlicher ALS-Patienten mit biomarkerbasierten Hinweisen auf Muskelbeteiligung. 

Verbesserte diagnostische Genauigkeit durch Biomarker-Kombination

Die Kombination der beiden Marker führte zu einem deutlichen diagnostischen Gewinn. Insbesondere gegenüber neurodegenerativen Kontrollen erreichte der kombinierte Score einen AUC-Wert von 0,90 und übertraf damit die Einzelleistungen beider Marker klar. Dieser Effekt wurde in der Validierungskohorte reproduziert, was die Robustheit der Befunde unterstreicht. 

Die Ergebnisse sprechen dafür, dass sNfL primär neuroaxonale Schädigung und cTnT muskuläre Sekundärprozesse widerspiegelt. Ihre Kombination bietet damit einen ganzheitlich diagnostischen Ansatz zu ALS-typischen Pathomechanismen.

Identifikation langsam progredienter ALS-Subgruppen

Ein kleiner Anteil der Patienten zeigte weder erhöhte sNfL- noch cTnT-Werte. Diese Biomarker-negative Gruppe zeichnete sich durch längere Erkrankungsdauer und deutlich langsamere Progression aus. Damit deutet sich eine mögliche ALS-Subform mit langsamerem Fortschreiten der Erkrankung an. 

Kombination von sNfL und kardialem Troponin verbessert Diagnostik der ALS

Die Studie zeigt, dass die kombinierte Bestimmung von sNfL und cTnT die diagnostische Präzision bei ALS verbessert und gleichzeitig prognostisch bedeutsame Subgruppen sichtbar macht. In der klinischen Praxis könnte dieses zweistufige Biomarkerprofil helfen, diagnostische Unsicherheiten zu reduzieren – insbesondere bei der differenzialdiagnostischen Abgrenzung zu anderen neurodegenerativen Erkrankungen.

Biomarker bei ALS: So kann es weiter gehen

Basierend auf den Ergebnissen, ergeben sich für zukünftige Studien mehrere Ansatzpunkte:

  • Validierung des ALS-spezifischen cTnT-Cut-offs in prospektiven Kohorten
  • Untersuchung longitudinaler Biomarkerverläufe im Hinblick auf Therapieansprechen
  • Integration weiterer Marker zur Charakterisierung von Muskelschädigung und Neurodegeneration
  • Analyse genetischer oder klinischer Merkmale biomarker-negativer Subgruppen.

Die Ergebnisse markieren einen wichtigen Schritt hin zu präziseren diagnostischen Werkzeugen und einer individualisierten Versorgung von ALS-Patienten.

Autor:
Stand:
08.12.2025
Quelle:

Lindenborn et al. (2025): Combination of Serum Neurofilament Light Chain and Serum Cardiac Troponin T as Biomarkers Improves Diagnostic Accuracy in Amyotrophic Lateral Sclerosis. Annals of Neurology, DOI: https://doi.org/10.1002/ana.78066.

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