Wie ApoE4 das Alzheimer-Risiko erhöht

Eine aktuelle Studie zeigt, dass Sortilin in Zusammenarbeit mit Apolipoprotein E3 die Aufnahme und Nutzung langkettiger Fettsäuren durch Neuronen steuert. Dieser Mechanismus versagt bei ApoE4 – mit Relevanz für Alzheimer und andere Demenz-Formen.

Alzheimer Genetik

Lipidstoffwechsel als Schlüsselfaktor neuronaler Energieversorgung

Das Gehirn zählt zu den energieintensivsten Organen des Körpers; unter physiologischen Bedingungen ist Glukose der primäre Energieträger. Mit zunehmendem Alter und bei neurodegenerativen Erkrankungen, insbesondere bei Demenz vom Alzheimer-Typ, ist die zerebrale Glukoseverwertung jedoch eingeschränkt. Alternative Energieträger wie Fettsäuren könnten unter diesen Bedingungen eine Schlüsselrolle übernehmen. Trotz ihrer potenziellen Bedeutung war bislang unklar, wie Neuronen langkettige Fettsäuren (LCFA) aufnehmen und metabolisch nutzen können.

Die Rolle von Sortilin und Apolipoprotein E im Fettsäuremetabolismus 

Sortilin (SORT1) ist ein multifunktionaler Lipoproteinrezeptor, der nicht nur den Lipidtransport in der Leber, sondern auch die Lipidhomöostase im Gehirn reguliert. Genetische Studien zeigen eine Assoziation von SORT1 mit kardiovaskulären Erkrankungen und Demenzen. Apolipoprotein E (ApoE) – insbesondere das Isoformverhältnis von ApoE3 zu ApoE4 – gilt als entscheidender Risikofaktor für die Entstehung der Alzheimer-Krankheit. Während ApoE3 physiologische Lipidtransporte unterstützt, beeinträchtigt ApoE4 die Funktion von Sortilin, wodurch der neuronale Lipidimport gestört wird. 

Die aktuelle Studie von Greda et al. (Max Delbrück Center Berlin und Universität Aarhus, Dänemark) untersucht den Einfluss dieser Interaktion auf den neuronalen Energiestoffwechsel.

Forscher untersuchen neuronalen Fettsäuremetabolismus im Tier- und Zell-Modell

Ziel der Arbeit war es, den Mechanismus zu identifizieren, durch den Sortilin und ApoE3 die neuronale Nutzung von Fettsäuren steuern, und zu prüfen, inwiefern ApoE4 diesen Prozess stört. Die Forschenden verwendeten humanisierte Mausmodelle sowie induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen), um physiologisch relevante Modelle des menschlichen Gehirnstoffwechsels nachzubilden.

Fettsäuren werden von Sortilin-defizienten oder ApoE4-Neuronen nicht aufgenommen

Die Ergebnisse zeigen sowohl im Tiermodell als auch bei den iPS-Zellen, dass Sortilin in Neuronen die Aufnahme von ApoE3-gebundenen mehrfach ungesättigten Fettsäuren vermittelt. Diese werden intrazellulär in Liganden des Transkriptionsfaktors Peroxisome Proliferator-Activated Receptor α (PPARα) umgewandelt, der die Expression von Enzymen zur β-Oxidation langkettiger Fettsäuren induziert. In Sortilin-defizienten oder ApoE4-exprimierenden Neuronen war diese Funktion aufgehoben.

Bemerkenswert ist, dass die Aktivierung von PPARα durch den Agonisten Bezafibrat den gestörten Fettsäuremetabolismus in Sortilin-defizienten Neuronen teilweise wiederherstellen konnte.

Mechanistische Verbindung zwischen Lipidtransport und neuronaler Energiekrise

Die Studie beschreibt erstmals einen klaren Mechanismus, über den Sortilin und ApoE3 gemeinsam den neuronalen Energiestoffwechsel regulieren. In Situationen eingeschränkter Glukoseverfügbarkeit – wie sie im alternden Gehirn oder bei Alzheimer häufig auftreten – ermöglicht diese Achse den Wechsel zu Fettsäuren als alternativer Energiequelle. ApoE4 unterbricht diesen Mechanismus, was zur metabolischen Vulnerabilität und potenziell zur neuronalen Degeneration beitragen könnte.

Studie liefert neue Perspektive zur Rolle von ApoE4 bei Alzheimer

Die Studie eröffnet eine neue Perspektive auf die pathophysiologische Rolle von ApoE4 im Zusammenhang mit dem Alzheimer-Risiko. Therapeutische Strategien, die die Sortilin-Funktion stabilisieren oder PPARα aktivieren, könnten die neuronale Energieversorgung verbessern und neurodegenerativen Prozessen entgegenwirken.

Ausblick auf mögliche Ansatzpunkte für neue Alzheimer-Therapien

„Unsere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Gehirn mit zunehmendem Alter in hohem Maße darauf angewiesen ist, für die Energiegewinnung von Glukose auf Lipide umschalten zu können“, so Dr. Jemila Gomes, eine der Erstautorinnen der Studie, in einer Meldung des Max Delbrück Centers. 

„Menschen, die das ApoE4-Gen besitzen, sind dazu offenbar nicht in der Lage – was ihr Risiko für eine Unterversorgung und den Tod von Nervenzellen im Alter erhöht.“ Die Studie eröffnet neue Ansätze für Interventionen, die die Lipidnutzung als Energiequelle bei ApoE4-Trägern verbessern könnte, so Gomes.

Autor:
Stand:
24.11.2025
Quelle:

Greda et al. (2025): Interaction of sortilin with apolipoprotein E3 enables neurons to use long-chain fatty acids as alternative metabolic fuel. Nature Metabolism, DOI: 10.1038/s42255-025-01389-5.

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