Befunde der klinisch-neurologischen Untersuchung bei Alzheimer

Forscher untersuchten die Voraussagetauglichkeit der klinisch-neurologischen Untersuchung bei der familiären Alzheimer-Erkrankung. Aufgrund des frühen Auftretens dieser Demenz-Form sind die Befunde der Untersuchung meist nicht durch andere Komorbiditäten beeinflusst.

Älterer Patient Neurologe

Hintergrund

Genetische Faktoren sind wesentlich an der Entwicklung von Alzheimer und anderen Formen von Demenz beteiligt. Aber nur in 3% der Fälle sind genetische Faktoren der alleinige Auslöser der Erkrankung. Bei den autosomal-dominanten Formen der Alzheimer-Demenz sind drei Gene bekannt, deren Mutation die Krankheit auslösen können: Präsenilin 1, Präsenilin 2 und das auf Chromosom 21 gelegene Gen für das Amyloid-Vorläufer-Protein. Patienten mit der autosomal-dominanten Form von Alzheimer erkranken in der Regel bereits vor dem 60. Lebensjahr. Dadurch sind altersbedingte Komorbiditäten wie periphere Neuropathien oder orthopädische Probleme, die viele ältere Alzheimer-Patienten aufweisen, seltener. Das bedeutet gleichzeitig, dass Befunde der klinisch-neurologischen Untersuchung bei Personen mit familiärer Alzheimer-Erkrankung mit einer größeren Wahrscheinlichkeit auf die Neurodegeneration zurückzuführen sind und nicht auf andere Komorbiditäten.

Familiäre und sporadische Alzheimer-Erkrankung

Die klinischen und neuropathologischen Anzeichen sind bei der autosomal-dominanten Form von Alzheimer und bei der sporadischen Form überwiegend vergleichbar. Damit kann man Forschungsergebnisse von Patienten, die unter der familiären Form mit genetischer Prädisposition leiden, auf Patienten mit der sporadischen Form übertragen. Dies haben Forscher nun für eine sehr wichtigen Baustein der neurologischen Diagnostik getan: die klinisch-neurologische Untersuchung.

Klinisch-neurologische Untersuchung als wichtiger Baustein der Neurodiagnostik

Die klinisch-neurologische Untersuchung bildet schon lange die Basis zur Evaluierung von Patienten mit neurologischen Symptomen, in deren Folge werden weitere diagnostische Maßnahmen geplant. Zusammen mit der Anamnese führt die klinische Untersuchung bei 40% der Patienten im ambulanten Setting zu einer Verdachtsdiagnose, welche durch folgende Untersuchungen bestätigt wird.

Korrelieren Befunde der klinisch-neurologischen Untersuchung mit Alzheimer-Verlauf?

Ein Team um Dr. Jonathan Vöglein, Ludwig-Maximilians-Universität München und Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), hat die Befunde der klinisch-neurologischen Untersuchung von Patienten mit familiärer Alzheimer-Erkrankung mit den Befunden weiterer diagnostischer Untersuchungen verglichen, um die Aussagekraft der klinischen Untersuchung hinsichtlich der Schwere der Erkrankung zu beurteilen [1]. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal der Alzheimer’s Association „Alzheimer’s & Dementia“ publiziert.

Vergleich der Befunde zwischen familiärer und sporadischer Alzheimer-Demenz

Vöglein und sein Team verglichen die Häufigkeit von Befunden in der klinisch-neurologischen Untersuchung zwischen Personen mit familiärer und sporadischer Alzheimer-Erkrankung. Die Teilnehmer mit der familiären Form hatten Mutationen in einem der drei folgenden Gene: Präsenilin 1 (PSEN1), dem Gen für das Amyloid-Precursor-Protein (APP) oder Präsenilin 2 (PSEN2). Die Daten stammen aus der weltweiten Beobachtungsstudie DIAN (Dominantly Inherited Alzheimer Network). Darin werden Menschen untersucht, die an familiärer Alzheimer erkrankt sind oder ein stark erhöhtes Risiko für die Erkrankung aufweisen.

Die Befunde der klinisch-neurologischen Untersuchung wurden hinsichtlich Frequenz und Voraussagetauglichkeit bezüglich dem Abbau/Verlust kognitiver Fähigkeiten sowie der Assoziation mit der Gehirnatrophie bei symptomatischen Mutationsträgern analysiert.

Vorhersage des Krankheitsverlaufes

Befunde in der klinisch-neurologischen Untersuchung bei Alzheimer-Patienten waren gesteigerte Muskeleigenreflexe, Gangstörungen, pathologische Reflexantworten bei Untersuchung der Kopfnerven, Tremor und ein abnormer Finger-Nase-Versuch sowie Knie-Hacken-Versuch. „Circa zwei Drittel der untersuchten Alzheimer-Patienten wiesen Auffälligkeiten in der klinisch-neurologischen Untersuchung im nicht-kognitiven Bereich auf“, so Vöglein [2].

„Es zeigte sich, dass Auffälligkeiten in der klinisch-neurologischen Untersuchung von schlechteren kognitiven Leistungen begleitet werden und sogar hilfreich sein können, einen schwereren Erkrankungsverlauf vorherzusagen“, so Prof. Johannes Levin, korrespondierender Autor der Studie [2]. In der Studie verschlechterte sich die kognitive Leistung bei Patienten mit der familiären Form und mit Auffälligkeiten in der klinisch-neurologischen Untersuchung mehr als doppelt so schnell wie bei jenen ohne auffällige Untersuchungsbefunde.

Individuell angepasster Therapieplan

Die Ergebnisse der Studie zeigen die klinisch-neurologische Untersuchung als hilfreichen Parameter für die Vorhersage des Krankheitsverlaufes bei Alzheimer. Denn bislang gibt es kaum Indikatoren, die einen Ausblick auf den weiteren Verlauf von Alzheimer ermöglichen. Gerade zur individuellen Therapieplanung ist die Prognose ein wichtiger Parameter.

Quelle:
  1. Vöglein et al. (2022): Pattern and implications of neurological examination findings in autosomal dominant Alzheimer disease. Alzheimer’s & Dementia, DOI: https://doi.org/10.1002/alz.12684
  2. Deutsches Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen, Pressemeldung, 2023; abgerufen am 26.02.2023
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