Personalisierte MS-Therapie: Drei neue Endophänotypen gefunden

Ein internationales Forscherteam hat drei unterschiedliche Multiple-Sklerose-Endophänotypen identifiziert, was neue Möglichkeiten für personalisierte Behandlungsansätze in der MS-Therapie eröffnet.

Gehirn Genetik

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Universität Münster und der Abteilung für Neurologie des Universitätsklinikums Münster in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Kompetenznetzwerk Multiple Sklerose (KKNMS) hat einen bedeutenden Durchbruch beim Verständnis und der möglichen Behandlung von Multipler Sklerose (MS) erzielt. Die Wissenschaftler haben drei immunologische Endophänotypen von MS identifiziert, die durch unterschiedliche zelluläre Signaturen und möglicherweise auch durch eine unterschiedliche Pathogenese charakterisiert sind. Diese Entdeckung eröffnet neue Wege für personalisierte Behandlungsstrategien in der MS-Therapie. Die Ergebnisse der Studie wurden in der Fachzeitschrift 'Science Translational Medicine' veröffentlicht.

Vielfältige Gesichter einer Krankheit: Die Komplexität von Multipler Sklerose

Multiple Sklerose ist eine komplexe und unberechenbare Krankheit, von der weltweit mehr als 2,8 Millionen Menschen betroffen sind. Sie ist seit langem für ihre unterschiedlichen klinischen Erscheinungsformen und Verläufe bekannt, was eine wirksame Behandlung zu einer großen Herausforderung macht. Herkömmliche Behandlungsansätze waren oft eine Einheitslösung, die die zugrundeliegende unterschiedliche Immunpathologie der einzelnen Patienten unberücksichtigt ließ.

In Deutschland leben etwa 250.000–280.000 Menschen mit Multipler Sklerose, wovon fast 190.000 die schubförmige Form haben. Doch auch innerhalb dieser Gruppe gibt es eine große Heterogenität. Bei einigen bilden sich die Symptome nach den Schüben vollständig zurück, bei anderen bleiben sie ganz oder teilweise bestehen. „Bei der MS handelt es sich um die Krankheit mit tausend Gesichtern, die Symptome und Verläufe können sich ganz unterschiedlich darstellen.

Kein Wunder also, dass auch die Therapien oft ganz unterschiedlich anschlagen“, erklärte Prof. Heinz Wiendl, Direktor der Klinik für Allgemeine Neurologie am Universitätsklinikum Münster (UKM) und einer der Hauptautoren der Studie. Seine Arbeitsgruppe vermutete daher, dass es auf Zellebene verschiedene MS-Endophänotypen gibt.

Drei Immunendophänotypen bei MS identifiziert

Aus einer prospektiven, multizentrischen Kohorte von mehr als 1.200 therapienaiven Patienten mit früher MS (≤2 Jahre nach Krankheitsbeginn) wurden bei 309 Betroffenen periphere Blutmonozyten (PBMCs) und Serumproben analysiert. Mithilfe hochdimensionaler multiparametrischer Durchflusszytometrie und Serumproteomik wurde die Komplexität des Immunsystems in bisher nicht dagewesener Ausführlichkeit dargestellt.

Das Team identifizierte drei verschiedene immunologische Endophänotypen der frühen MS, die jeweils mit bestimmten Krankheitsverläufen und dem Ansprechen auf die Behandlung in Verbindung stehen. Jeder dieser Subtypen zeigte spezifische Merkmale der Immunzell-Kompartimente sowie ein unterschiedliches Muster zellulärer Signaturen.

Charakterisierung der drei immunologischen Endophänotypen

Endophänotyp 1 wurde mit erhöhten Anteilen von CD4-Gedächtniszellen assoziiert, die TH17-assoziierte Zytokine produzieren. Dieser wurde als degenerativ bezeichnet, da er mit Anzeichen früher struktureller Schäden und Behinderungsprogression verbunden war.

Endophänotyp 3 wies Veränderungen in den CD8 T-Zellen und eine hohe entzündliche Aktivität auf, was ihn als entzündlichen Endophänotyp klassifizierte.

Endophänotyp 2 zeigte nur geringe Anzeichen von strukturellen Schädigungen oder Neuroinflammationen, jedoch waren Veränderungen im NK-Zell-Kompartiment ausgeprägter. Um diesen Endophänotyp detaillierter zu beschreiben, ist noch weitere Forschung erforderlich, so die Studienautoren.

Die Existenz dieser drei immunologischen Endophänotypen wurde in einer unabhängigen Validierungskohorte von 232 MS-Patienten bestätigt. „Diese Ergebnisse stellen einen entscheidenden Schritt in Richtung Präzisionsmedizin bei MS dar“, erklärt Wiendl. „Indem wir die individuellen Variationen des Immunsystems von Patienten verstehen, können wir uns personalisierten Behandlungsplänen nähern, die effektiver sind und weniger Nebenwirkungen haben.“

Personalisierte Therapieansätze: Ein neuer Weg im Umgang mit Multipler Sklerose

„Wir konnten zeigen, dass die frühe MS drei verschiedene immunologische Endophänotypen umfasst, die durch unterschiedliche zelluläre Signaturen charakterisiert sind und möglicherweise eine unterschiedliche Pathogenese haben“, fasst Wiendl die Studienergebnisse zusammen. Zudem ergab die Studie, dass MS-Standard-Immuntherapien in ihrer Fähigkeit variieren können, Immunsignaturen zu verändern, die mit jedem der drei Endophänotypen assoziiert sind. Dies liefert ein praktisches Werkzeug, um den Krankheitsverlauf und das Ansprechen auf Therapien vorherzusagen.

„Unsere Studie stellt nicht nur das derzeitige Behandlungsparadigma in Frage, sondern trägt auch dazu bei, Klinikern ein praktisches Instrument zur Vorhersage des Krankheitsverlaufs und des Ansprechens auf die Behandlung an die Hand zu geben“, fügte Prof. Luisa Klotz, Mitautorin der Studie, hinzu. „Dies könnte die Lebensqualität von Menschen mit MS erheblich verbessern“.

Autor:
Stand:
27.05.2024
Quelle:

Gross, C. C. et al. (2024): Multiple sclerosis endophenotypes identified by high-dimensional blood signatures are associated with distinct disease trajectories. Science Translational Medicine, DOI: 10.1126/scitranslmed.ade8560.

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