Hohe Krankheitslast durch funktionelle neurologische Störungen
Funktionelle neurologische Störungen (FND) umfassen Symptome wie nicht-epileptische Anfälle, motorische Ausfälle, Bewegungsstörungen, Sprach- und Schluckstörungen, Schwindel und kognitive Beeinträchtigungen. Sie treten bei 5–15 % der Patienten in neurologischen Kliniken auf und sind häufig mit weiteren Erkrankungen wie chronischen Schmerzsyndromen, Fatigue oder affektiven Störungen assoziiert.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit von Finkelstein et al. liefert nun eine umfassende Analyse der bisherigen Datenlage zu Inzidenz und Prävalenz. Ziel war es, eine belastbare Grundlage für Versorgungsplanung und Ressourcenallokation zu schaffen.
Inzidenz zwischen 10 und 22 pro 100.000 Einwohner
Die Analyse umfasste 39 Studien, von denen 19 die Inzidenz und 21 die Prävalenz untersuchten. Aufgrund methodischer Heterogenität war ein direkter Vergleich schwierig. Konservativ geschätzt liegt die jährliche Inzidenz funktioneller neurologischer Störungen bei 10 bis 22 Fällen pro 100.000 Einwohner.
Bei Kindern reicht die Inzidenz von 1 bis 18 pro 100.000. Neuere Daten deuten darauf hin, dass die Inzidenz in den letzten Jahren gestiegen ist, möglicherweise aufgrund besserer Diagnostik und gestiegene Aufmerksamkeit.
Prävalenz: konservativ 80–140 pro 100.000
Die Prävalenzschätzungen variieren erheblich, zwischen 50 und 1.600 Fällen pro 100.000 Einwohner. Viele Studien basierten auf Community-Surveys; nicht alle bestätigten die Diagnose durch neurologische Untersuchung, was zu Überschätzungen führen könnte. Die Autoren berechneten daher eine konservative Mindestprävalenz von 80 bis 140 pro 100.000. Zum Vergleich: Die Prävalenz der Multiplen Sklerose liegt bei rund 30 pro 100.000.
Einzelne Untersuchungen, die auf Selbstauskünften beruhten, kamen auf Werte über 1.000 pro 100.000, was auf eine mögliche Dunkelziffer hinweist.
Stark variierende Studiendefinitionen und Bias
Ein methodisches Problem bestand darin, dass die Definition von FND in den Studien sehr uneinheitlich war – von „hysterischer Neurose“ bis zu modernen DSM-5-Kriterien. Nur eine Minderheit nutzte eine neurologische Untersuchung zur Bestätigung. Studien mit reinem Patientenselbstbericht oder ohne Fachdiagnostik hatten ein hohes Risiko für Bias.
Implikationen für Forschung und Versorgung
Die Autoren betonen, dass FND im Vergleich zu anderen neurologischen Erkrankungen trotz hoher Prävalenz in Forschung und Versorgung unterrepräsentiert sind. Die Datenlage verdeutlicht den Bedarf an mehr klinischen Programmen, Forschungsförderung und einer verbesserten interdisziplinären Versorgung.





