Viele Patienten leiden nach einem Schlaganfall an Gehstörungen. Von den Betroffenen, welche die Gehfähigkeit wieder erlangen, erreichen etwa 70% keine adäquate Gehgeschwindigkeit und sind somit vor allem außer Haus, beispielsweise beim Überqueren von Ampelanlagen, gefährdet. Dadurch sind die Patienten in ihren Partizipationsmöglichkeiten eingeschränkt, was die Lebensqualität negativ beeinflusst.
Frühzeitige Bewegung fördert Neuroplastizität
Das Wiedererlangen der Gehfähigkeit wird möglich durch die Neuroplastizität. Die durch den Schlaganfall geschädigten Areale können ihre Aufgabe mitunter nicht mehr aufnehmen, doch Funktionen, die vom geschädigten Gehirnareal bedient wurden, können von anderen Bereichen übernommen werden. Während man noch bis in die 1990er Jahre glaubte, eine zu frühe Rehabilitation schade den Patienten, weiß man heute, dass die beste Rehabilitation die frühe Mobilisation der Patienten ist. So wird die Neuroplastizität positiv gefordert und gefördert. Doch wie sieht es aus bei Patienten, deren Gehfähigkeit für längere Zeit nach dem Schlaganfall beeinträchtigt bleibt?
Suche nach optimaler Trainingsintensität und Dauer der Gangrehabilitation
Ein Team um Dr. Pierce Boyne vom College of Medicine der University of Cincinnati, USA, untersuchte, wie die Gangrehabilitation bei Patienten im besten Fall gestaltet werden sollte, um die Gehfähigkeit von Patienten zu verbessern, deren Schlaganfall mindestens sechs Monate zurücklag. Die Studie wurde im renommierten Fachjournal „JAMA Neurology“ publiziert [1].
Vergleich von Intervalltraining und Ausdauertraining
In der multizentrischen randomisierten Studie wurden die Teilnehmer 1:1 randomisiert. Eine Gruppe übte ein hochintensives Intervalltraining (high-intensity interval training, HIIT), die andere Gruppe ein Ausdauertraining mit moderater Intensität (moderate-intensity aerobic training, MAT). In beiden Gruppen erfolgt ein Gangtraining von 45 Minuten dreimal pro Woche über einen Zeitraum von 12 Wochen. Der Unterschied zwischen Gruppen lag in der Durchführung des Gangtrainings (Intervall vs. kontinuierlich) und der Intensität:
- HIIT: Wechsel von 30 Sekunden laufen bei maximal möglicher Geschwindigkeit und Pausen von 30-60 Sekunden; mittlere aerobe Intensität > 60% Herzfrequenzreseve (heart rate reserve, HRR)
- MAT: kontinuierliches Gehen mit einer Geschwindigkeit, welche die HRR > 40% hält; Steigerung bis zu 60% HRR, wenn möglich.
Höhere Trainingsintensität steigert Gehstrecke über die Zeit deutlich
Die 55 Studienteilnehmer waren zwischen 40 und 80 Jahren alt (mittleres Alter: 63 Jahre) und hatten einmalig einen Schlaganfall erlitten, der mindestens sechs Monate zurücklag und im Mittel 2,5 Jahre (Standardabweichung [SD]: 1,3 Jahre). Die beiden Formen des Trainings wurden mittels 6-Minuten-Gehtest (6MGT) als primärem Endpunkt verglichen. Messzeitpunkte waren zu Studienbeginn sowie 4, 8 und 12 Wochen nach Trainingsbeginn.
Die mittlere Gehstrecke, welche die Teilnehmer zu Studienbeginn bewältigen konnten, lag bei 239 m (SD: 132 m). Die Verbesserung im 6MGT war 4 Wochen nach Trainingsbeginn für beide Gruppen gleich (HIIT: 27 m; 95%-Konfidenzintervall [KI]: 6 bis 48 m; MAT: 12 m; 95%-KI, −9 bis 33 m; mittlere Differenz: 15 m; 95%-KI: −13 bis 42 m; p = 0,28). Doch über die Zeit zeichneten sich größere Unterschiede zwischen beiden Gruppen ab:
- 8. Trainingswoche: HIIT: 58 m; 95%-KI: 39 bis 76 m; MAT: 29 m; 95%-KI: 9 bis 48 m; mittlere Differenz: 29 m; 95%-KI: 5 bis 54 m; p = 0,02
- 12. Trainingswoche: HIIT: 71 m; 95%-KI: 49 bis 94 m; MAT: 27 m; 95%-KI: 3 bis 50 m; mittlere Differenz: 44 m; 95%-KI: 14 bis 74 m; p = 0,005.
Damit konnten die Teilnehmer der HIIT-Gruppe ihrer Gehstrecke gegenüber der MAT-Gruppe in einem Zeitraum von 12 Wochen um bis zu 44 m verbessern.
Schnell und wach: HIIT verbessert auch Ganggeschwindigkeit und Fatigue
Neben dem 6MGT verbesserten sich durch das HIIT auch sekundäre Endpunkte, etwa Ganggeschwindigkeit und Fatigue (PROMIS Fatigue Scale T Score nach 8 Wochen Training: -3,0 vs. 1,0; p = 0,02). Bei beiden Gruppen kam es auch zu signifikanten Verbesserungen der selbst gewählten Ganggeschwindigkeit, der Höchstgeschwindigkeit und der Ausdauer. Das Training führte bei keinem der Teilnehmer zu schweren Nebeneffekten.
Fazit für die Praxis
Die Ergebnisse dieser randomisierten placebokontrollierten Studie zeigen, dass eine Gangrehabilitation auch längere Zeit nach einem Schlaganfall positive Effekte für die Patienten haben kann. Dabei sind eine höhere Trainingsintensität und das Trainieren über einen längeren Zeitraum (mindestens 8 Wochen) besonders förderlich für Gehfähigkeit, zurückgelegte Gehstrecke und Ganggeschwindigkeit der Patienten.
Maßnahmen zur Gangrehabilitation zu wenig im Fokus
„Die heutige Realität ist, dass die meisten Schlaganfall-Patienten nur 20% der Zeit in der Physiotherapie mit Aktivitäten zur Wiedererlangung der Gehfähigkeit verbringen“, so Dr. David Lin and Dr. Joel Stein in einem Editorial zur Studie [2, 3]. Das sei eine deutliche Unterdosierung in der Rehabilitation von Schlaganfall-Patienten, so die Experten weiter.
Die Autoren um Boyne regen zukünftige Studien an, in denen die beiden Trainingsmethoden bereits früher nach dem Schlaganfall verglichen werden sollen. Weitere Studien sind auch im Hinblick auf die geringe Teilnehmerzahl sinnvoll – eine der Limitationen der Studie. Daneben sollten weitere Untersuchungen auf den Effekt des Trainings zu Hause und im Gruppensetting angestoßen werden, so die Autoren.
Die Studie ist unter der Nummer NCT03760016 bei ClinicalTrails.gov registriert.




