Demenzprävalenz steigt – Prävention gewinnt weiter an Bedeutung
Demenz betrifft weltweit mehr als 55 Millionen Menschen, mit jährlich rund 10 Millionen Neuerkrankungen. Auch in Kanada ist aufgrund des demografischen Wandels mit einer deutlichen Zunahme der Krankheitslast zu rechnen. Trotz intensiver Forschung stehen bislang nur begrenzt wirksame krankheitsmodifizierende Therapien zur Verfügung. Daher rücken präventive Strategien zunehmend in den Fokus, insbesondere solche, die früh in krankheitsrelevante immunologische und inflammatorische Prozesse eingreifen.
Zoster-Impfung und Demenzrisiko: Evidenz aus Beobachtungsstudien verstärkt sich
Seit mehreren Jahren mehren sich Hinweise aus Beobachtungsstudien, dass Impfungen – darunter Influenza- und Herpes-zoster-Impfungen – mit einem verringerten Demenzrisiko assoziiert sind. Frühere Arbeiten aus Europa, zuletzt aus Wales, und Australien deuteten bereits auf einen möglichen kausalen Zusammenhang hin.
Allerdings waren viele dieser Studien methodisch limitiert, da geimpfte und ungeimpfte Personen sich systematisch hinsichtlich Gesundheitsverhalten, Bildung oder Inanspruchnahme präventiver Maßnahmen unterscheiden. Die Übertragbarkeit dieser Ergebnisse auf andere Gesundheitssysteme und Populationen blieb daher offen.
Impfprogramm in Ontario schafft robuste Bedingungen für kausale Analysen
Die nun publizierte kanadische Analyse greift diese offenen Fragen auf und prüft, ob die in früheren Studien beobachteten Effekte auch unter kanadischen Versorgungsbedingungen reproduzierbar sind.
Grundlage ist die Einführung eines öffentlich finanzierten Herpes-zoster-Impfprogramms in Ontario im Jahr 2016 mit dem attenuierten Lebendimpfstoff Zostavax. Altersabhängige Stichtage zur Impfberechtigung (1. Januar 1945 und 1. Januar 1946) ermöglichten ein quasi-natürliches Experiment. Personen unmittelbar vor und nach diesen Schwellen gelten als weitgehend vergleichbar, unterscheiden sich jedoch deutlich in der Wahrscheinlichkeit einer Impfung. Analysiert wurden elektronische Primärversorgungsdaten von mehr als 230.000 Personen ab 70 Jahren mit einer Nachbeobachtungszeit von 5,5 Jahren.
Kanadische Daten bestätigen schützenden Effekt der Herpes-zoster-Impfung
Die Ergebnisse bestätigen die in früheren internationalen Studien beobachteten Zusammenhänge nun auch für Kanada. Die Impfberechtigung war konsistent mit einer geringeren Demenzinzidenz verbunden:
- Primäre Analyse (Stichtag 1. Januar 1946):
Absolute Reduktion neuer Demenzdiagnosen um 2,0 Prozentpunkte
(95 %- Konfidenzintervall [KI] 0,4 bis 3,5; p = 0,012) - Sekundäre Analyse (Stichtag 1. Januar 1945):
Absolute Reduktion um 2,0 Prozentpunkte
(95 %-KI 0,2 bis 3,8; p = 0,025) - Vergleich mit früheren Studien:
Effektgrößen und Richtung entsprechen weitgehend den zuvor berichteten Ergebnissen aus Wales und Australien und stützen deren externe Validität. - Geschlechtsspezifische Analysen:
Signifikante Effekte bei Frauen, keine konsistenten Effekte bei Männern. - Vergleich mit anderen kanadischen Provinzen:
In Regionen ohne Impfprogramm zeigte sich kein Rückgang der Demenzinzidenz, was die kausale Interpretation zusätzlich untermauert.
Limitationen und Forschungsbedarf
Die absoluten Fallzahlen waren in dieser Studie relativ gering. Weiterhin fehlten Angaben zur tatsächlichen Impfrate unter den impfberechtigten Personen. Somit sind weitere Studien nötig, die zugrunde liegenden immunologischen Mechanismen, mögliche Unterschiede zwischen Impfstofftypen sowie die langfristigen Effekte über längere Beobachtungszeiträume klären sollten.
Replikation stärkt Plausibilität eines kausalen Zusammenhangs
Mit dieser Arbeit liegen erstmals Daten für Kanada vor, die frühere internationale Befunde zur potenziell demenzpräventiven Wirkung der Herpes-zoster-Impfung bestätigen. Die Replikation der Effekte in unterschiedlichen Gesundheitssystemen stärkt die Annahme eines kausalen Zusammenhangs. Für die klinische Praxis bestätigen die Ergebnisse einen möglichen zusätzlichen Nutzen etablierter Impfprogramme im höheren Lebensalter.



