Kognitive Funktionstherapie bei Rückenschmerzen

Bei der Wahrnehmung von Schmerzen spielen viele individuelle Faktoren eine Rolle. Die kognitive Funktionstherapie ist ein individualisierter Ansatz, der sich bei der Behandlung von Schmerzen des unteren Rückens als effektiver und effizienter als eine Standardtherapie erwies.

Verhaltenstherapie

Rückenschmerzen als häufiger Behinderungsgrund

Meistens bessern sich Schmerzen im unteren Rücken schnell, bei 20-30% der Betroffenen entwickeln sich jedoch chronische Beschwerden, die mit Behinderungen einhergehen. Tatsächlich sind Schmerzen im unteren Rücken einer der Hauptgründe für ein Leben mit Behinderung weltweit [1].  Die gesellschaftlichen Kosten der Schmerzen infolge von Arbeitsunfähigkeit und laufender Versorgung sind vergleichbar mit anderen schweren Erkrankungen wie z. B. kardiovaskuläre Krankheiten oder Krebs [2].

Viele Behandlungen haben nur kurzfristig, geringe bis moderate Effekte und verhindern häufig nicht, dass die Beschwerden im Laufe der Zeit schwerer werden. Schmerzen im unteren Rücken entstehen, laut weit verbreiteter Ansicht, infolge eines komplexen Zusammenspiels vielfältiger körperlicher und psychischer Faktoren. Daher wird bei ihrer Behandlung ein Ansatz empfohlen, der sowohl physische als auch psychische Faktoren berücksichtigt. In der Praxis wird dieser komplexe Ansatz aber meist nicht umgesetzt. 

Kognitive Funktionstherapie gegen Schonhaltungen

Die kognitive Funktionstherapie (cognitive functional therapy [CFT]) ist ein individualisierter Ansatz, der die Patienten befähigt, ihre Schmerzen zu bewältigen, indem sie lernen schmerzbezogene Gedanken, Emotionen und Verhaltensweisen zu steuern. Im Unterschied zu anderen kognitiven Verhaltenstherapien zielt die CFT direkt auf schmerzbedingte Schonhaltungen und Bewegungsvermeidung ab, die die Beschwerden auf Dauer verschlimmern. Ein kinematisches Biofeedback kann unterstützend zur CFT eingesetzt werden.

Ein Team um Prof. Dr. Peter Kent von der Curtin University in Australien verglich in der bis dato größten PHASE-III-Studie (RESTORE) die Effektivität und die Kosten-Effizienz der CFT mit und ohne zusätzliches kinematisches Biofeedback sowie mit der üblichen Versorgung [3].

Patienten mit leichten bis moderaten Einschränkungen

RESTORE wurde als kontrollierte dreiarmige Parallelgruppen Studie an 20 Physiotherapeutischen Klinken in Australien durchgeführt. Die Teilnehmer waren ≥18 Jahre alt und litten seit >3 Monaten an Schmerzen im unteren Rücken, die eine moderate Einschränkung der körperlichen Aktivität zur Folge hatten.

Die Teilnehmer wurden in drei Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt eine Standardtherapie (Kontrolle), eine Gruppe wurde nur mit CFT (CFT-only) behandelt und die dritte Gruppe mit CFT und Biofeedback (CFT-plus). Die Teilnehmer in beiden Interventionsgruppen erhielten bis zu 7 Behandlungssitzungen über 12 Wochen plus einer Booster Sitzung in Woche 26.

Der primäre klinische Endpunkt war die Bewegungseinschränkung in Woche 13, die per Selbstauskunft der Patienten über den 24 Punkte umfassenden Roland Morris Disability Questionnaire ermittelt wurde. Der primäre wirtschaftliche Endpunkt war die qualitätsadjustierten Lebensjahre (quality-adjusted life-years [QALYs]). Das Follow-up betrug 12 Monate.

Primäre Endpunkte erreicht

Insgesamt 492 Patienten erfüllten die Einschlusskriterien der Studie. Von ihnen wurden 164 (33%) in die CFT-only randomisiert, 163 (33%) in die CFT-plus und 165 (34%) in die Kontrollgruppe. Beide Interventionen waren effektiver als die übliche Versorgung. Beim primären Endpunkt „Einschränkung der Aktivität in Woche 13“ lag die durchschnittliche Differenz zur üblichen Versorgung bei CFT-only bei -4,6 (95%-KI -5,9 bis -3,4) und bei CFT-plus bei -4,6 (95%-KI -5,8 bis -3,3). In Woche 52 wurden ähnliche Effektgrößen erreicht.

Beide Interventionen führten gegenüber der Standardtherapie zu einem Anstieg der QALYs im Beobachtungszeitraum (CFT-only 0,12 [95%-KI 0,08 bis 0,16]; CFT-plus 0,13 [95%-KI 0,01 bis 0,17]. Sie verursachten darüber hinaus geringere gesellschaftliche Gesamtkosten pro Patienten (in australischen Dollar: CFT-only -5.276 [-10.529 bis -24]; CFT-plus -8.211 [-12.923 bis -3.500]).

Die CFT ist effektiv und kann Gesamtkosten senken

Die CFT kann bei Personen mit chronischem behinderndem Schmerz im unteren Rücken große und nachhaltige Verbesserungen bewirken und die gesellschaftlichen Kosten dieser Erkrankung in einem 12-Monats-Zeitraum gegenüber einer Standardtherapie senken. Die fehlende Verblindung und die Selbstauskunft als Methode der Datenerhebung schwächen die Aussagekraft der Studie. Auf der anderen Seite ist Schmerz ein in erster Linie subjektives Erlebnis und das Therapieziel beinhaltet die Verbesserung der subjektiven Schmerzwahrnehmung. Die Autoren regen weitere Studien, insbesondere auch in anderen Ethnien und Kulturkreisen, an.

Die Studie wurde gesponsort vom Australian National Health and Medical Research und der Curtin Universität, Australien und ist im Australian New Zealand Clinical Trials Registry unter der Nummer  ACTRN12618001396213 registriert.

Autor:
Stand:
22.05.2023
Quelle:
  1. Kongsted et al. (2016): What have we learned from ten years of trajectory research in low back pain?BMC Musculoskelet Disord 17: 220. DOI: 10.1186/s12891-016-1071-2
  2. Hartvigsen et al. (2018): What low back pain is and why we need to pay attention. Lancet 2018; 391: 2356–67. DOI: 10.1016/S0140-6736(18)30480-X
  3. Kent et al. (2023): Cognitive functional therapy with or without movement sensor biofeedback versus usual care for chronic, disabling low back pain (RESTORE): a randomised, controlled, three-arm, parallel group, phase 3, clinical trial. Lancet DOI: 10.1016/S0140-6736(23)00441-5
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