Kognitive Beeinträchtigungen als zentrales Problem bei Long-COVID
Postakute Folgen einer SARS-CoV-2-Infektion betreffen schätzungsweise rund 7 % der erwachsenen Bevölkerung in den USA. Neben Fatigue und Belastungsintoleranz berichten viele Betroffene über persistierende kognitive Symptome wie Aufmerksamkeitsstörungen, verlangsamtes Denken und Gedächtnisprobleme. Diese Einschränkungen können über Jahre anhalten und haben relevante Auswirkungen auf Arbeitsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen. Trotz der hohen Prävalenz fehlen bislang evidenzbasierte Therapien, die gezielt die kognitive Symptomatik adressieren.
Sind etablierte Therapie-Methoden des kognitiven Trainings auch bei Long-COVID wirksam?
Rehabilitative Verfahren wie computergestütztes kognitives Training, strukturierte kognitive Verhaltenstherapie oder transkranielle Gleichstromstimulation (transcranial direct current stimulation, tDCS) werden in anderen neurologischen Indikationen erfolgreich eingesetzt. Ob diese Ansätze auch bei kognitivem Long-COVID wirksam sind, ist jedoch unklar. Vor diesem Hintergrund initiierte das US-amerikanische National Institute of Health (NIH) die RECOVER (Researching COVID to Enhance Recovery)-NEURO-Studie, um mehrere interventionelle Strategien parallel und unter kontrollierten Bedingungen zu evaluieren.
Multizentrische randomisierte Studie untersucht verschiedene kognitive Trainingsmethoden
Die multizentrische, randomisierte Phase-II-Studie umfasste 328 Patienten mit subjektiven kognitiven Beschwerden ≥ 12 Wochen nach COVID-19. Getestet wurden drei aktive, vollständig telemedizinisch durchgeführte Interventionen über zehn Wochen:
- adaptives computergestütztes kognitives Training „Brain HG“ (fünf Trainingseinheiten pro Woche → 30 Minuten für 10 Wochen),
- ein strukturiertes kognitives Rehabilitationsprogramm kombiniert mit Training (PASC-CoRE; neun virtuelle Gruppensitzungen → 90 Minuten und drei virtuelle Einzelsitzungen → 30 Minuten),
- tDCS kombiniert mit Training.
Als Vergleich dienten ein aktiver Kontrollarm mit nichtadaptiven Denkspielen (Puzzles, nichtadaptive Computerspiele) sowie eine Schein-tDCS-Gruppe. Primärer Endpunkt war die Veränderung der modifizierten Everyday Cognition Scale (ECog2).
Zentrale Ergebnisse: Kognitive Reha ohne signifikante Effekte bei Long-COVID
Keine der aktiven Interventionen zeigte im primären Endpunkt eine statistisch signifikante Überlegenheit gegenüber den jeweiligen Kontrollbedingungen. Auch sekundäre patientenberichtete Endpunkte und neuropsychologische Tests ergaben keine differenziellen Effekte.
Bemerkenswert war jedoch, dass sich die kognitive Selbsteinschätzung in allen Studienarmen im Zeitverlauf moderat verbesserte. Dies spricht für unspezifische Effekte wie Spontanverlauf, erhöhte Selbstaufmerksamkeit oder Placebo-ähnliche Wirkungen bei strukturierter Teilnahme. Die Interventionen wurden insgesamt gut vertragen, schwerwiegende therapiebedingte Nebenwirkungen traten nicht auf.
Etablierte Reha-Verfahren nicht einfach auf kognitives Long-COVID übertragbar
Die Ergebnisse zeigen, dass selbst evidenzbasierte rehabilitative Verfahren aus anderen neurologischen Kontexten nicht ohne Weiteres auf kognitives Long-COVID übertragbar sind. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass derzeit keine der getesteten Interventionen als spezifisch wirksam empfohlen werden kann. Gleichzeitig unterstreicht die beobachtete allgemeine Verbesserung den potenziellen Nutzen von strukturierter Betreuung und Verlaufskontrollen.
Studie als Ausgangspunkt für Weiterentwicklung von Therapien bei kognitivem Long-COVID
Für zukünftige Forschung ergibt sich der Bedarf, Patientenkollektive stärker zu stratifizieren, etwa nach objektiv messbaren kognitiven Defiziten oder Krankheitsdauer. Zudem sind pathophysiologisch gezieltere Therapieansätze bei größeren Studiengruppen erforderlich.
Die RECOVER-NEURO-Studie stellt damit keinen therapeutischen Durchbruch dar, liefert aber einen wichtigen Referenzpunkt für die Weiterentwicklung evidenzbasierter Behandlungsstrategien bei kognitivem Long-COVID.
Die Studie ist bei ClinicalTrials.gov unter der Nummer NCT05965739 registriert.




