Etwa ein Drittel aller Überlebenden nach einem Schlaganfall erleidet eine Form der Gesichtsfeldeinschränkung. Eine besonders belastende Variante ist die homonyme Hemianopsie (HH), bei der die betroffene Person die Hälfte des Gesichtsfelds auf beiden Augen verliert – typischerweise infolge einer Schädigung der visuellen Bahnen im Gehirn. Diese Einschränkung wirkt sich drastisch auf die Mobilität und Lebensqualität aus, denn selbst alltägliche Aktivitäten wie Gehen, Lesen oder Autofahren werden zur Herausforderung.
Konventionelle Rehabilitationsansätze wie Prismenbrillen oder kompensatorisches Blicktraining zeigen nur begrenzte Wirksamkeit und erweisen sich in der klinischen Praxis häufig als unzureichend. Entsprechend groß ist der Bedarf an innovativen Technologien, die die Alltagsnavigation für Betroffene verbessern können.
Neue technologische Ansätze durch Mixed-Reality-Brillen
Vor diesem Hintergrund wurde im 'Journal of Neuro-Ophthalmology' eine Studie veröffentlicht, die den Einsatz einer Mixed-Reality-Brille (MRG) mit Bild-in-Bild-Navigation zur Unterstützung der Orientierung bei homonymer Hemianopsie untersucht. Diese Form des Gesichtsfeldausfalls tritt häufig infolge ischämischer oder hämorrhagischer Schlaganfälle auf.
Ein interdisziplinäres Forschungsteam der University of Alberta in Kanada, entwickelte auf der Plattform Unity eine Software für die Microsoft HoloLens 2, die die Bild-in-Bild-Navigation (Picture-in-Picture Navigation, PIPN) realisiert. Dabei wird ein verkleinertes Abbild des vollständigen visuellen Umfelds in das intakte Gesichtsfeld eingeblendet. Ziel ist es, durch diese Überlagerung betroffene Patienten bei der Orientierung und Hindernisvermeidung zu unterstützen.
Testung im Hindernisparcours
In einer kontrollierten Crossover-Studie absolvierten fünf Patienten mit homonymer Hemianopsie jeweils mit und ohne Mixed-Reality-Brille einen standardisierten Hindernisparcours. Die MRG projizierte einen diagonalen Sichtwinkel von 52 Grad in das intakte Gesichtsfeld. Die individuell empfundene Unterstützung der Bild-in-Bild-Funktion wurde auf einer linearen Analogskala erfasst.
Verbesserte subjektive Mobilität
Die Patienten bewerteten die Brille im Mittel als 19,7 % hilfreicher für die Fortbewegung (p = 0,028). Die mittlere Gehzeit war mit MRG um sechs Sekunden länger, jedoch ohne statistische Signifikanz. Einzelbeobachtungen deuten auf eine bessere Hindernisvermeidung hin, wurden jedoch nicht quantitativ ausgewertet.
Mixed-Reality als ergänzender Rehabilitationsansatz bei Hemianopsie
Die Studie zeigt, dass eine Bild-in-Bild-Darstellung über Mixed-Reality-Brillen eine vielversprechende Option zur visuellen Rehabilitation bei homonymer Hemianopsie darstellen kann. Der Einsatz frei zugänglicher Software auf kommerziell verfügbarer Hardware senkt dabei die Einstiegshürde für klinische Anwendung und Weiterentwicklung.
Trotz der geringen Fallzahl liefert die Untersuchung einen relevanten Beitrag zur technologiebasierten Rehabilitation. Die Autoren weisen darauf hin, dass mit fortschreitender Hardware- und Softwareentwicklung eine Steigerung der Wirksamkeit möglich ist. Um die klinische Relevanz fundiert zu belegen, sind jedoch Studien mit größeren Patientenkohorten und validierten Endpunkten erforderlich.
Die PIPN-Software eröffnet einen praktikablen Weg, Einschränkungen im Mobilitätsverhalten von Patienten mit homonymer Hemianopsie zu kompensieren – ein Schritt in Richtung alltagsnaher, technologiegestützter Rehabilitationskonzepte.




