Mobbing verstärkt psychische Erkrankungen bei Kindern

Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen oder neurologischen Entwicklungsstörungen werden in der Schule häufiger gemobbt. Gleichzeitig verstärkt das Mobbing die Erkrankung und nicht selten werden die Opfer auch zu Tätern, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Mobbing Kinder

Mobbing ist weit verbreitet unter Kindern und Jugendlichen. Der schwedisch-norwegische Psychologe Dan Olweus gilt als Pionier im Bereich Mobbing und Mobbing-Prävention. Bereits in den 1970er Jahren beschäftigte er sich mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung von Mobbing und Gewaltproblematiken an Schulen. Nach Olweus ist Mobbing gekennzeichnet durch:

  • Aggressives Verhalten oder absichtliche Schädigung.
  • Mobbing geschieht wiederholt und über einen längeren Zeitraum.
  • Ungleichgewicht der Kräfte zwischen Täter und Opfer.

Mobbing unter Kindern und Jugendlichen tritt hauptsächlich im schulischen Umfeld auf und zunehmend in Form von Cybermobbing.

Psychische Erkrankungen und Mobbing bei Kindern und Jugendlichen

Die Opfer haben ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen. Gleichzeitig kann eine bereits bestehende psychische Erkrankung oder eine neurologische Entwicklungsstörung bei Kindern und Jugendlichen durch das Anderssein dieser Kinder dazu führen, dass sie Ziel von Mobbing werden. Die Betroffenen sind aber nicht zwingend ausschließlich in der Opferrolle. Sie können auch selbst zu Mobbing-Tätern werden oder beide Rollen gleichzeitig ausfüllen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Studie untersucht Assoziation zwischen Mobbing und mentaler Gesundheit

In einer systematischen Übersichtsarbeit und Metaanalyse untersuchten Dr. Renzo Abregú-Crespo von der Universidad Complutense in Madrid und sein Team die Assoziation von Mobbing mit verschiedenen Parametern der mentalen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen.

Zur Literaturrecherche nutzten die Forscher die Datenbanken PubMed, ERIC, Psychology and Behavioural Sciences Collection, Web of Science Core Collection, PsycArticles und PsycInfo. Sie suchten nach Studien mit Daten zu Mobbing-Outcomes bei Kindern und Jugendlichen mit ärztlich diagnostizierten neurologischen Entwicklungsstörungen oder psychischen Erkrankungen. Die Teilnehmer waren 4-17 Jahre alt und innerhalb des letzten Jahres (vor Studienbeginn) in Mobbing involviert gewesen. Mobbing wurde in zwei Gruppen eingeteilt: Traditionelles Mobbing (psychisch, verbal, relational) und Cybermobbing. Die Beteiligung am Mobbing wurde in die Rollen Opfer, Täter und Täter-Opfer unterteilt.

Großer Datensatz zu Mobbing bei Kindern und Jugendlichen ausgewertet

In die Auswertungen gingen 212 Studien ein mit 126.717 Fällen (mittleres Alter 12,34 Jahre; 37,6% weibliches Geschlecht) und 504.806 Kontrollen (mittleres Alter 12,5 Jahre; 47,6% weibliches Geschlecht).

Die Forscher ermittelten folgende gepoolte Prävalenzen für Formen von traditionellem Mobbing:

  • Mobbing-Opfer: 42,2% (95%-Konfidenzintervall [KI] 39,6 bis 44,9)
  • Mobbing-Täter: 24,4% (95%-KI 22,6 bis 26,3)
  • Opfer- und Täterrolle: 14,0% (95%-KI 11,4 bis 17,1).

Die Verteilung für Cybermobbing zeigte sich wie folgt:

  • Mobbing-Opfer: 21,8% (95%-KI 16,0 bis 28,9)
  • Mobbing-Täter: 19,6% (95%-KI 13,4 bis 27,7)
  • Opfer- und Täterrolle: 20,7% (95%-KI 8,4 bis 42,6).

Psychische Erkrankungen und Entwicklungsstörungen mit höherem Mobbing-Risiko assoziiert

Im Vergleich zu den Kontrollen, hatten Kinder und Jugendliche mit neurologischen Entwicklungsstörungen oder psychischen Erkrankungen eine höhere Wahrscheinlichkeit, in traditionelles Mobbing oder Cybermobbing involviert zu sein:

  • Mobbing-Opfer: Odds Ratio [OR] traditionelles Mobbing 2,85 (95%-KI 2,62 bis 3,09) und Cybermobbing 2,07 (95%-KI 1,63 bis 2,61)
  • Mobbing-Täter: OR 2,42 (95%-KI 2,20 bis 2,66) bzw. 1,91 (95%-KI 1,60 bis 2,28)
  • Opfer- und Täterrolle: OR 3,66 (95%-KI 2,83 bis 4,74) bzw. 1,85 (95%-KI 1,05 bis 3,28).

Mobbing-Opfer waren vor allem Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen, Autismus und ADHS, Mobbing-Täter zeigten ebenfalls Verhaltensstörungen und ADHS, aber auch Angststörungen. Opfer und Täter gleichzeitig waren vor allem ADHS-Betroffene.

Die ohnehin schon angeschlagene mentale Gesundheit der betroffenen Kinder und Jugendlichen wurde durch die Involvierung in Mobbing zusätzlich nachteilig beeinflusst. Diese vulnerable Gruppe wies in allen untersuchten Kategorien (Internalisierung, Externalisierung, allgemeine Psychopathologie, Funktionalität und Suizidalität) signifikant schlechtere Werte auf.

Gezielte Unterstützung für betroffene Kinder und Jugendliche gefordert

Die Studienergebnisse zeigen Mobbing als Risikofaktor bei jungen Menschen mit neurologischen Entwicklungsstörungen oder psychischen Erkrankungen. Die Krankheitslast kann verstärkt werden und die mentale Gesundheit wird weiter negativ beeinflusst.

Die Autoren fordern angesichts dieser Ergebnisse gezielte Interventionen für diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen, um ihre mentale Gesundheit und ihre zukünftige soziale Integration zu verbessern.

Die Studie wurde vom Instituto de Salud Carlos III, dem Spanish Ministry of Science and Innovation und Consorcio Centro de Investigación Biomédica en Red finanziert und ist bei PROSPERO unter der Nummer CRD42021235043 registriert.

Autor:
Stand:
10.02.2024
Quelle:

Abregú-Crespo et al. (2023): School bullying in children and adolescents with neurodevelopmental and psychiatric conditions: a systematic review and meta-analysis. The Lancet Child & Adolescent Health, DOI: https://doi.org/10.1016/S2352-4642(23)00289-4

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