Menschen, die an Multipler Sklerose (MS) erkrankt sind, leiden nicht selten unter sexueller Dysfunktion. Laut der Deutschen MS Gesellschaft (dmsg) waren 8% der MS-Patienten im Jahr 2018 davon betroffen, eine wesentlich höhere Dunkelziffer wird vermutet [1]. Manche Studien beziffern die Zahl von Sexualfunktionsstörungen bei MS-Patienten mit bis zu 90%. Die Problematik wird im Praxisalltag oft nicht thematisiert und viele Patienten sprechen gerade neurogene Blasentleerungsstörungen und Sexualfunktionsstörungen nicht von sich aus an.
Sexuelle Dysfunktion bei Multipler Sklerose
Die sexuelle Dysfunktion hat einen maßgeblichen Einfluss auf die Lebensqualität der Betroffenen und auf die Partnerschaft. Experten unterscheiden drei Formen von sexueller Dysfunktion bei MS. Bei der primären Form wirken sich MS-Symptome direkt auf die Sexualfunktion aus, beispielsweise durch ein beeinträchtigtes sexuelles Empfinden oder eine beeinträchtigte sexuelle Funktion. Bei der sekundären Form ist die Sexualfunktion indirekt durch MS-Symptome beeinträchtigt, etwa durch Fatigue. Tertiäre Formen betreffen psychosoziale Aspekte, beispielsweise wenn ein vermindertes Selbstwertgefühl der Betroffenen die Lust mindert.
Beeinflusst Hormonstatus die sexuelle Funktion bei MS?
Daten zum Einfluss des Hormonhaushaltes auf eine mögliche sexuelle Dysfunktion bei MS-Patienten sind rar. Eine Studie mit 55 MS-Patientinnen konnte keine Assoziation zwischen Hormonstatus und sexueller Funktion zeigen. Andererseits ist bekannt, dass Veränderungen im Hormonstatus im Laufe des natürlichen Alterungsprozesses und bei verschiedenen Erkrankungen Sexualfunktionsstörungen begünstigen. Hier spielen vor allem reduzierte Androgen-Spiegel eine Rolle.
Studie untersucht Risikofaktoren für sexuelle Dysfunktion und Hormonstatus bei MS
Ein Team um Dr. Franziska Di Pauli von der Universitätsklinik für Neurologie an der Medizinischen Universität Innsbruck, Österreich, evaluierte Risikofaktoren für eine sexuelle Dysfunktion bei MS-Patienten und prüfte, ob die Prävalenz mit Patienten-berichteten Parametern korrelierte [2]. Weiterhin analysierten die Neurologen den Hormonstatus der Patienten und suchten nach einer möglichen Assoziation mit der sexuellen Dysfunktion.
An der Studie nahmen 152 MS-Patienten teil. Eine mögliche sexuelle Dysfunktion wurde mittels eines speziellen Fragebogens (Multiple Sclerosis Intimacy and Sexuality Questionnaire 19) abgefragt. Risikofaktoren wurden mittels logistischer Regression bestimmt und aus der sexuellen Dysfunktion resultierende Folgeprobleme mittels Einfluss auf Lebensqualität (Multiple Sclerosis Impact Scale 29) und körperlicher Aktivität (Baecke-Questionnaire) eruiert.
Vier Risikofaktoren für sexuelle Dysfunktion bei MS
Die Prävalenz einer sexuellen Dysfunktion lag in der Studienpopulation bei 47%. Unabhängige Risikofaktoren für die Entwicklung einer Sexualfunktionsstörung bei MS-Patienten waren:
- Raucherstatus, aktuell und in der Vergangenheit: etwa dreifach höheres Risiko (Odds Ratio [OR] 3,4; p = 0,023)
- Behinderungsgrad (Expanded Disability Status Scale, EDSS): zweifach höheres Risiko (OR 2,0; p < 0,001)
- Depressionen: etwa vierfach höheres Risiko (OR 4,3; p = 0,047)
- Blasen- und Darmdysfunktion: fast neunfach höheres Risiko (OR 8,8; p < 0,001).
Patienten mit sexueller Dysfunktion hatten eine schlechtere Lebensqualität als MS-Patienten, die nicht davon betroffen waren (6,3 vs. 40,0 auf der Multiple Sclerosis Impact Scale 29; psychologischer Score 8,3 vs. 33,3; jeweils p < 0,001). Auch die Unterschiede in der körperlichen Aktivität waren statistisch signifikant. Die Behandlung mit krankheitsmodifzierenden Medikamenten reduzierte das Risiko einer sexuellen Dysfunktion bei MS-Patienten (OR 0,32; p = 0,043).
Zahlreiche Veränderungen im Hormonstatus, gerade bei Frauen
Im Hormonstatus zeigten sich signifikante Unterschiede zwischen MS-Patienten mit und ohne sexuelle Dysfunktion. Bei Frauen mit MS und sexueller Dysfunktion waren die Spiegel von luteinisierendem Hormon (LH) und Follikel-stimulierendem Hormon (FSH) erhöht, während die Level von 17-Beta-Östradiol, Androstenedion, Dehydroepiandrosteron-Sulfat, Oestron und Anti-Müller-Hormon erniedrigt waren. Bei Männern mit MS und sexueller Dysfunktion lagen reduzierte Inhibin-B-Spiegel vor.
MS-Patienten aktiv auf eine mögliche sexuelle Dysfunktion ansprechen
Die Studie zeigt verschiedene Risikofaktoren für eine sexuelle Dysfunktion bei MS-Patienten auf: Raucherstatus, Behinderungsgrad, Vorliegen von Depressionen sowie Blasen- und Darmdysfunktion. Fast die Hälfte der Studienteilnehmer war von sexueller Dysfunktion betroffen.
„Unsere Ergebnisse betonen die Notwendigkeit eines holistischen Vorgehens bei sexueller Dysfunktion und MS, welches physische, neurourologische und psychosoziale Faktoren beinhaltet. Ein aktives Screening auf eine sexuelle Dysfunktion, besonders bei Patienten mit Behinderung, Depression oder Blasen- und Darmdysfunktion, wird empfohlen“, so die Autoren.





