Neue Leitlinie: Neglect und andere Störungen der Raumkognition

Die S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition“ löst die vormalige S1-Leitlinie zur Rehabilitation bei Störungen der Raumkognition ab. Neuerungen umfassen den Einsatz von Augmented- und Virtual Reality-Verfahren und cTBS.

Neglect

Beim Neglect kommt es zur Vernachlässigung einer Raum- bzw. Körperhälfte (egozentrisch) und/oder von Objekthälften (allozentrisch). Den Patienten ist das Defizit meist nicht bewusst. Neglect und andere Störungen der Raumkognition treten nach größeren rechtshemisphärischen Läsionen auf, beispielsweise bei größeren rechtshemisphärischen Schlaganfällen oder Blutungen der Arteria cerebri media. Die Störung der Raumkognition hat für die Patienten schwerwiegende Folgen für die Selbstständigkeit im Alltag. Weiterhin beeinflussen diese Störungen Rehabilitationsergebnis und Genesungsverlauf negativ. Dementsprechend sind eine zielgerichtete Diagnostik und frühzeitig einsetzende Therapie sehr wichtig.

Neue Leitlinie liefert evidenzbasierte Grundlage zur Diagnostik und Therapie

Die neue S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition“ liefert hierzu eine evidenzbasierte Grundlage [1]. Die Leitlinie ist unter Mitwirkung zahlreicher Fachgesellschaften und Berufsverbände entstanden. Die federführenden Autoren sind Prof. Dr. Dr. Hans-Otto Karnath, Zentrum für Neurologie, Universität Tübingen, und Prof. Dr. Thomas Schenk, Ludwig-Maximilians-Universität München. Die S2k-Leitlinie ersetzt die S1-Leitlinie „Rehabilitation bei Störungen der Raumkognition“ aus dem Jahr 2017.

Änderung und Erweiterung des Explorationstrainings

In der S2k-Leitlinie gibt es gegenüber der vorhergehenden S1-Leitlinie mehrere Neurungen. Unter anderem werden Ergänzungen zum bewährten Explorationstraining bei der Therapie des Neglects vorgestellt. Eine Studie aus dem Jahr 2018 von Turgut et al. zeigte, dass das Explorationstraining durch den Einsatz von Hinweisreizen – angepasst an den Schweregrad des Neglects – effizienter ist [2]. Diese Hinweisreize können im Therapieverlauf systematisch ausgeschlichen werden.

Augmented Reality-Verfahren

Erweitert werden kann das Explorationstraining durch Verfahren mit Augmented und Virtual Reality. Unter Augmented Reality (AR) wird die computergenerierte Ergänzung der Realität durch virtuelle Elemente verstanden. Dadurch werden Neglect-Patienten ermutigt, ihre vernachlässigte Raumseite zu erkunden. AR wurde zur Erweiterung des Explorationstrainings bei Neglect allerdings erst bei einzelnen Patienten erprobt und müsse sich „erst noch in kontrollierten Studien bewähren“, heißt es in der Leitlinie.

Virtual Reality zur Ergänzung von Explorationstraining

Auch Virtual Reality (VR) kann das Explorationstraining ergänzen. Der Einsatz von VR-Brillen in diesem Rahmen wurde allerdings nur bei einzelnen Patienten untersucht, Gruppenstudien stehen noch aus. Nicht immersive VR-Verfahren, bei denen Patienten nicht mit einer Brille in ein virtuelle 3D-Umgebung eintauchen, sondern unter Nutzung eines Monitors interagieren, sind schon besser untersucht. Hierzu werden in der Leitlinie Studien zu verschiedenen Aufgaben, etwa fangen oder bewegen von Gegenständen oder Simulation einer Straßenüberquerung, vorgestellt. In den Studien kam es zur Verbesserung der kontralateralen Vernachlässigung und der Alltagsaktivitäten nach dem Training, Nachweise zur Nachhaltigkeit dieser Methoden stehen jedoch noch aus.

Nicht-invasive Hirnstimulation: cTBS

In der S2k-Leitlinie wird das kontinuierliche Theta-Burst Stimulation (cTBS)-Protokoll als eine Form der Non-Invasive Brain Stimulation (NIBS) als wirksame Methode vorgestellt. Die Leitlinienautoren haben die Studienlage zu verschiedenen NIBS-Verfahren gesichtet und kommen zu dem Schluss, dass das cTBS-Protokoll zusammen mit mindestens einem weiteren Trainingsverfahren aus der Neurorehabilitation, besonders wirksam in der Therapie von Neglect-Patienten zu sein scheint. Die Autoren berufen sich dabei unter anderem auf eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2021 von Houben et al. [3].

Randomisierte-kontrollierte Studien nötig

Die Evidenz für therapeutische Verfahren, gerade bei selteneren und heterogeneren Störungen der Raumkognition, ist bislang gering. Hier stammen Studiendaten meist aus Einzelfall- bzw. Kleingruppenstudien.

„Allgemein wünschenswert wären für alle Störungen der Raumkognition randomisierte, kontrollierte, multizentrische Studien mit höheren Fallzahlen. Ebenso sollte die Erfassung langfristiger Therapieeffekte, die auch eine Verbesserung von Alltagsleistungen beleuchtet, häufiger Anwendung finden“, so Karnath in einer Pressmeldung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie [4].

Quelle:
  1. Karnath H.-O., Schenk T. et al., Diagnostik und Therapie von Neglect und anderen Störungen der Raumkognition, 2023, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online (abgerufen am 29.03.2023)
  2. Turgut et al. (2018): Adaptive Cueing Treatment of Neglect in Stroke Patients Leads to Improvements in Activities of Daily Living: A Randomized Controlled, Crossover Trial. Neurorehabilitation and Neural Repair, DOI: https://doi.org/10.1177/15459683188070
  3. Houben et al. (2021): Theta-burst transcranial magnetic stimulation for the treatment of unilateral neglect in stroke patients: A systematic review and best evidence synthesis. Restorative Neurology and Neuroscience, DOI: 10.3233/RNN-211228
  4. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemeldung, 21.03.2023; abgerufen am 29.03.2023
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