Mehrfachmutationen erhöhen ALS-Risiko unabhängig von bekannten Genvarianten

Eine großangelegte Genom-Analyse belegt erstmals, dass seltene Mutationen in mehreren ALS-Genen das Erkrankungsrisiko verstärken. Die Erkenntnisse unterstreichen die Bedeutung umfassender Gentests und könnten künftig die Therapieauswahl beeinflussen.

DNA-Genomtest

Seltene Mehrfachmutationen erhöhen das Risiko für ALS

Eine internationale Forschergruppe des Project MinE Sequencing Consortium hat in der bislang größten genetischen Fall-Kontroll-Studie zur amyotrophen Lateralsklerose (ALS) gezeigt, dass seltene Mutationen in mehreren bekannten ALS-Genen das Erkrankungsrisiko signifikant erhöhen. Die Ergebnisse wurden im Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry veröffentlicht.

Großangelegte Genom-Analyse liefert erstmals statistisch robuste Belege

Für die Untersuchung wurden die vollständigen Genomdaten von 6.711 ALS-Patienten und 2.391 Kontrollpersonen ausgewertet. Patienten, die mehrere seltene Varianten in bekannten ALS-Genen trugen, wiesen ein deutlich höheres Erkrankungsrisiko auf als Träger nur einer einzelnen Variante. Dieses Muster zeigte sich sowohl bei Varianten in den bekannten Hauptgenen – wie C9orf72 und SOD1 – als auch bei anderen selteneren Genen.

Etwa 6 % der Patienten waren sogenannte „oligogene Träger“, also Träger mehrerer seltener Varianten. Damit bestätigt die Studie erstmals in großem Maßstab den lange vermuteten „oligogenen“ Vererbungsmodus bei einem Teil der ALS-Patienten.

Keine eindeutige Verbindung zu Krankheitsverlauf und Überleben

Im Gegensatz zum Erkrankungsrisiko zeigten die genetischen Mehrfachvarianten keinen klaren Zusammenhang mit klinischen Verlaufsparametern wie Erkrankungsbeginn oder Überlebensdauer. Einzelne schwache Assoziationen – etwa zwischen bestimmten Missense-Mutationen und dem Alter bei Krankheitsbeginn – erreichten keine statistische Signifikanz.

Die Autoren folgern daraus, dass die genetischen Mechanismen, die das Erkrankungsrisiko beeinflussen, offenbar von jenen der Krankheitsprogression getrennt sind.

Konsequenzen für genetische Diagnostik und Beratung

Die Studienergebnisse haben direkte Auswirkungen auf die klinische Praxis: Gentests bei ALS sollten stets auf umfassenden Gen-Panels basieren – auch dann, wenn bereits eine pathogene Mutation identifiziert wurde. Denn zusätzliche Varianten könnten das individuelle Risiko weiter erhöhen oder die Krankheitsausprägung modulieren.
Besonders relevant ist dies für die genetische Beratung von Familienmitgliedern, bei denen ein negatives Testergebnis nicht automatisch Entwarnung bedeutet, wenn nur ein einzelnes Gen untersucht wurde.

Bedeutung für personalisierte Therapien

Mit Blick auf neue, genetisch zielgerichtete Therapien unterstreicht die Arbeit die Notwendigkeit einer vollständigen genetischen Charakterisierung jedes Patienten. Nur auf Basis eines vollständigen genetischen Profils lassen sich individuelle Therapieansätze entwickeln und präzise Behandlungsentscheidungen treffen.

Die Autoren sehen in der Oligogenität einen wichtigen Faktor für zukünftige Therapiestrategien und empfehlen weitere funktionelle Studien, um die biologischen Wechselwirkungen zwischen den beteiligten Genen zu klären.

Autor:
Stand:
27.10.2025
Quelle:

Iacoangeli et al. (2024): Oligogenic structure of amyotrophic lateral sclerosis has genetic testing, counselling and therapeutic implications. Journal of Neurology, Neurosurgery & Psychiatry, DOI: 10.1136/jnnp-2024-335364.

  • Teilen
  • Teilen
  • Teilen
  • Drucken
  • Senden