Die amyotrophe Lateralsklerose (ALS) weist eine ausgeprägte klinische Variabilität auf. Variationen in Motoneuron-Beteiligung, initial betroffener Körperregion und Symptomprogression erschweren eine konsistente phänotypische Zuordnung. Ein international einheitliches System zur Klassifikation motorischer ALS-Phänotypen stand lange aus, obwohl eine präzise Einordnung für klinische Studien, prognostische Einschätzungen und therapeutische Entscheidungen bedeutsam ist.
Ein Forschungsteam der Charité – Universitätsmedizin Berlin unter Leitung von Thomas Meyer entwickelte vor diesem Hintergrund eine neue Klassifikation, die in 'Neurological Research and Practice' publiziert und beim DGN-Kongress am 13. November 2025 in Berlin vorgestellt wurde. Dort wurden auch erste Ergebnisse aus dem internationalen Konsensus-Prozess sowie die geplante Weiterentwicklung diskutiert.
Dreidimensionale Struktur der OPM-Klassifikation für motorische ALS-Verläufe
Die OPM-Klassifikation ordnet motorische ALS-Phänotypen anhand dreier anatomischer Determinanten:
- O – Onset: Region des Erkrankungsbeginns, beispielsweise bulbär, Arm oder Bein.
- P – Propagation: Ausbreitungsgeschwindigkeit der motorischen Symptome auf vertikal benachbarte Körperregionen.
- M – Motoneuronen-Involvierung: Grad der Dysfunktion des ersten und/oder zweiten Motoneurons.
Die O-Achse bleibt über den gesamten Krankheitsverlauf hinweg konstant, wohingegen P- und M-Achsen dynamisch variieren können. Damit bildet das System den klinischen Verlauf realitätsnah ab und erlaubt regelmäßige Reeinstufungen. Die Einstufung kann im spezialisierten Umfeld innerhalb weniger Minuten erfolgen.
OPM – ein Instrument zur Prognosebewertung und differenzierten Therapieplanung
Die Klassifikation dient als unabhängiger prognostischer Faktor für Progressionsrate, Neurofilamentanstieg und Überleben. Durch die transparente Einordnung des individuellen Verlaufs erhalten Patienten eine verlässliche Einschätzung ihrer Erkrankung. Zudem lässt sich die therapeutische Planung differenzierter gestalten: Je nach Onset-Region und Motoneuron-Muster kann die Bedeutung spezifischer Maßnahmen – etwa der Atemunterstützung – früher oder später in den Vordergrund treten.
OPM-Klassifikation verbessert Qualität der ALS-Forschung
Für die Forschung bietet das System mehrere Vorteile. Die Reduktion klinischer Heterogenität erleichtert Studiendesign und Interpretation von Ergebnissen. Darüber hinaus ermöglicht die präzise Charakterisierung der Phänotypen eine gezieltere Auswahl von Studienteilnehmern, insbesondere wenn neue Therapieansätze spezifische Motoneuron-Ebenen betreffen. Im Rahmen eines multizentrischen Projekts mit rund 4.600 Betroffenen wird die Klassifikation derzeit in Zusammenhang mit der ALS-Funktionsskala und Neurofilamentwerten untersucht. Es liegen bereits über 11.000 NfL-Messungen vor.
OPM-Klassifikation jetzt auch als digitales Tool in der ALS-App verfügbar
Die neue OPM-Klassifikation ist inzwischen auch in der ALS-App verfügbar. Nach einem Update kann die Einstufung im Bereich „Meine Verlaufsformen“ eingesehen werden. Die Daten basieren auf der Studie zur Neurofilamentkonzentration bei ALS und werden automatisch übertragen. Dadurch erhalten Patienten fortlaufende Informationen zu ihrem OPM-Profil und zur Progressionsrate.
Fazit: OPM als strukturierendes Instrument für klinische Einordnung und Studienplanung
Die OPM-Klassifikation stellt ein klar strukturiertes, dreidimensionales System zur Beschreibung motorischer ALS-Phänotypen bereit. Die Erfassung des Krankheitsbeginns, der Motoneuronbeteiligung und der Symptomprogression verbessert die Vergleichbarkeit klinischer Verläufe, erleichtert die prognostische Einordnung und unterstützt die Planung therapeutischer Maßnahmen. Für die Forschung eröffnet sie die Möglichkeit einer gezielteren Auswahl von Studienpopulationen und einer präziseren Analyse phänotypischer Merkmale.





