Hintergrund
In den letzten vier Jahrzehnten hat die Schlaganfallinzidenz in den Hocheinkommensländern um 42% abgenommen. Doch es gibt Studien, die berichten, dass die Schlaganfallinzidenz bei jüngeren Menschen (<55 Jahre) in den USA und vergleichbaren Ländern gleichzeitig ansteigt. Ähnliche Verschiebungen der Inzidenzraten hin zu einem jüngeren Erkrankungsalter wurden auch beim kolorektalen Karzinom und der allgemeinen Sterberate in einigen Hocheinkommensländer beobachtet.
Sind Verzerrungen verantwortlich?
Zu diesem beobachteten Inzidenzanstieg bzw. dem „Trend zum früheren Erkrankungsalter“ kann es theoretisch jedoch auch durch Verzerrungen der epidemiologischen Daten gekommen sein. Bei Schlaganfällen könnten solche Verzerrungen beispielsweise durch eine verbesserte Diagnostik verursacht worden sein, weil dadurch leichte Schlaganfälle in die Statistiken aufgenommen wurden, die früher nicht erkannt worden wären.
Review soll Klarheit bringen
Die Heterogenität der epidemiologischen Studien zur altersspezifischen Schlaganfallinzidenz und ihrer Entwicklung im Laufe der Zeit hat Unsicherheiten in Bezug auf die tatsächlichen Trends bei der Schlaganfallinzidenz jüngerer im Vergleich zu älteren Menschen hinterlassen. Ein Team von Forschern um Catherine A. Scott vom Wolfson Centre for Prevention of Stroke and Dementia am Nuffield Department of Clinical Neuroscience, Universität Oxford, eine Metaanalyse mit systematischem Review konzipiert, die trotz der bestehenden Unsicherheiten beim vorhandenen Datenmaterial verlässliche Trends bei der altersspezifischen Schlaganfallinzidenz in Hocheinkommensländern herausarbeiten sollte [1].
Datenbankrecherche
Am Anfang des Reviews stand eine umfangreiche Datenbankrecherche in PubMed und EMBASE nach Studien, die über die Inzidenz von Schlaganfällen bei jüngeren Menschen in Hocheinkommensländern berichteten. Gezielt suchten die Wissenschaftler nach Studien, die sich mit den Trends der Schlaganfallinzidenz bei jüngeren Patienten während mindestens zweiter Zeitperioden befassten. Eingeschlossen wurden Studien von der ersten Erfassung in den Datenbanken bis hin zum Februar 2022.
Ermittlung der Schlaganfalltrends nach Alter
Ein Einschlusskriterium für die Einbeziehung einer Studie war, dass sie einzigartige quantitative Daten zur Inzidenz von Schlaganfällen bei Jüngeren lieferte, die mindestens eine Zeitperiode umfasste und sich mindestens bis ins Jahr 2000 erstreckte. Der Hauptendpunkt waren die altersspezifischen Unterschiede (<55 vs. ≥55 Jahren) in den zeitlichen Trends der Schlaganfallinzidenzen (relative temporal rate ratio [RTTR]). Für jede Studie wurde der RTTR berechnet. Die Ergebnisse wurden anschließend mit einer Random-Effects-Metaanalyse unter Stratifikation der Studienmethode, Geschlecht, Schlaganfalltyp und geographischer Region gepoolt.
Allgemeiner Trend zu Ungunsten der Jüngeren
Von den 29.221 Datenbanktreffer wurden 463 möglicherweise relevante Artikel im Volltext extrahiert. Hiervon erfüllten insgesamt 26 Studien alle Einschlusskriterien für die Metaanalyse. Darüber hinaus wurde eine populationsbasierte Studie von Li et al. (2022, [2]) in die Analyse mit einbezogen. Die Ergebnisse zur absoluten Schlaganfallinzidenz bei Jüngeren waren heterogen. Generell wiesen die Studien in Bezug auf die relative Häufigkeit der Schlaganfallinzidenzen der <55jährigen vs. den ≥55jährigen insgesamt jedoch eine ungünstige Entwicklung für die jüngeren auf (pooled RTTR=1,57: 95% Konfidenzintervall [KI] 1,42 bis 1,74) [1].
Trends nach Subgruppen
Je nach Schlaganfalltyp wurden folgende Trends jung vs. alt ermittelt:
- Ischämischer Schlaganfall RTTR 1,62; 95% KI 1,44 bis 1,83
- Intrazerebrale Blutung RTTR 1,32; 95% KI 0,91 bis 1,92
- Subarachnoidalblutung RTTR 1,54; 95% KI 1,00 bis 2,35
Bei Männern (RTTR 1,46 [95% KI 1,34 bis 1,60]) und Frauen (RTTR 1,41 [95% KI 1,28 bis1,55]) ähnelten sich die Trends. Große Unterschiede zeigten sich jedoch bei den Trends nach (RTTR 1,51 [95% KI 1,30 bis 1,70]) und vor 2000 (RTTR 1,18 [95% KI 1,12 bis 1,24]) und waren am höchsten in den aktuellen Perioden, die nach 2010 starteten (RTTR 1,87 [95% KI 1,55 bis 2,27]).
Fazit
Die Metaanalyse verdeutlicht, dass die relative Häufigkeit von Schlaganfällen bei jüngeren gegenüber älteren Patienten in Hocheinkommensländern seit Jahren ansteigt. Dieses Ergebnis weist daraufhin, dass Ätiologie und der Prävention von Schlaganfällen bei jüngeren Patienten intensiver erforscht werden muss.




