SynNeurGe: Biologische Klassifikation von Parkinson

Die neue Klassifikation nach biologischen Kriterien entstand basierend auf dem zunehmenden Wissen zur Pathogenese von Parkinson. Die biologische Klassifizierung mit SynNeurGe soll die Entwicklung krankheitsmodifizierender und kausaler Therapien unterstützen.

Parkinson Neuron

Die Fortschritte in der Forschung, gerade im Bereich der Molekularpathologie, ermöglichen uns ein zunehmend besseres Verständnis der Pathomechanismen hinter neurodegenerativen Erkrankungen wie Demenz, Multiple Sklerose oder Parkinson. Um die neuen Erkenntnisse in Wissenschaft und Versorgungsalltag zu implementieren, braucht es teils neue Klassifikationen der jeweiligen Erkrankung.

Neue Parkinson-Klassifikation nach biologischen Kriterien

Für Morbus Parkinson wurde nun solch eine neue Klassifikation anhand biologischer Kriterien entwickelt, da die bisherige klinische Klassifikation den aktuellen Wissensstand über die komplexen Pathomechanismen und die biologische Heterogenität der Erkrankung nicht mehr ausreichend abbildet. Forscher aus den USA, Großbritannien, Kanada und Deutschland unter Erstautor Prof. Dr. Günter Höglinger von der Ludwig-Maximilians-Universität München haben die neue Klassifikation in der renommierten Fachzeitschrift ‚Lancet Neurology‘ publiziert [1].

SynNeurGe: alpha-Synuclein, Bildgebung und Genetik

Die Forscher hoffen, mit der neuen Klassifikation zur Entwicklung krankheitsmodifizierender Therapien beizutragen, welche im besten Fall schon in der Prodromalphase eingesetzt werden können. Die neue Klassifikation heißt SynNeurGe und soll helfen, Parkinson schon in der Prodromalphase zu erkennen. Hinter dem Akronym verbirgt sich die dreiteilige Klassifikation:

  • Anwesenheit oder Abwesenheit von pathologischem alpha-Synuclein in Gewebe oder Liquor (Syn)
  • Evidenz einer zugrundeliegenden Neurodegeneration in der Neurobildgebung (Neur)
  • Dokumentation einer pathologischen Genvariante, welche Parkinson verursacht oder eine starke Prädisposition für die Erkrankung bedingt (Ge).

Diese drei Komponenten stehen in Verbindung mit einer klinischen Komponente, welche definiert ist als ein hochspezifisches Merkmal oder mehrere weniger spezifische Merkmale.

„Der aktuelle Forschungsvorschlag ist der erste Schritt in einem entscheidenden Prozess, um die Parkinson-Forschung von einem rein klinischen Ansatz hin zu einem biologischen Ansatz zu bewegen – was die Hoffnung auf die Entwicklung von krankheitsmodifizierenden Therapien weiter stärkt“, erläutert Prof. Höglinger in einer Pressemeldung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

Muss Parkinson neu definiert werden?

Neben SynNeurGe hat ein zweite Forschungsgruppe um Dr. Tanya Simuni von der Northwestern University Feinberg School of Medicine in Chicago ebenfalls eine neue Klassifikation der Erkrankung vorgeschlagen [3]. NSD-ISS (neuronal α-synuclein disease integrated staging system) basiert ebenfalls auf einer biologischen Einteilung der Erkrankung. In Anbetracht dieser beiden neuen Klassifikationen stellt sich die Frage, ob damit die klassischen diagnostischen Kriterien nicht mehr zählen? Höglinger betont, dass die SynNeurGe-Klassifikation vorerst ausschließlich für die Forschung gelten sollte und nicht als diagnostische Kriterien in der klinischen Praxis. Gleiches gilt für NSD-ISS.

Klinische Parkinson-Einteilung bleibt weiter bestehen

Die beiden neuen Systeme zur biologischen Klassifikation werden die bisherige klinische Einteilung demnach nicht ersetzen. Führende Neurologen raten davon in einem Kommentar, ebenfalls in Lancet Neurology veröffentlicht, auch dringend ab [4]. Prof. Dr. Jose Obeso und Prof. Dr. Paolo Calabressi kritisieren unter anderem die starke Wichtung von alpha-Synuclein in beiden Klassifikationen. Hier wisse man noch zu wenig über andere, ebenfalls toxische Proteine, die an der Pathogenese der Erkrankung beteiligt sind. 

Obeso und Calabressi begrüßen die SynNerGe- und NSD-ISS-Klassifikationen dennoch, da sie die notwendige Diskussion um Pathomechanismen und therapeutische Ansätze bei Parkinson und anderen Synucleinopathien wie Lewy-Körper-Demenz und Multisystematrophie triggern.

Autor:
Stand:
18.02.2024
Quelle:
  1. Höglinger et al. (2024): A biological classification of Parkinson's disease: the SynNeurGe research diagnostic criteria. Lancet Neurology, DOI: https://doi.org/10.1016/S1474-4422(23)00404-0
  2. Deutsche Gesellschaft für Neurologie, Pressemeldung, 23.01.2024; abgerufen am 31.01.2024
  3. Simuni et al. (2024): A biological definition of neuronal α-synuclein disease: towards an integrated staging system for research. Lancet Neurology, DOI: https://doi.org/10.1016/S1474-4422(23)00405-2
  4. Obeso und Calabressi (2024): Parkinson's disease is a recognisable and useful diagnostic entity. Lancet Neurology, DOI: https://doi.org/10.1016/S1474-4422(23)00512-4
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