Übergeordnetes Tremor-Netzwerk im Gehirn entdeckt

Forscher konnten ein krankheitsunabhängiges Tremor-Netzwerk im Gehirn darstellen. Die Ergebnisse der Studie sind bedeutend für die Therapie von Bewegungsstörungen wie Morbus Parkinson und essentiellem Tremor.

Gehirn 3D

Tremor-Therapie: Symptomorientiert statt strukturzentriert

Der Tremor stellt eines der häufigsten Symptome bei Bewegungsstörungen dar und tritt bei verschiedensten Erkrankungen auf – am bekanntesten sind Morbus Parkinson und der essentielle Tremor (ET). Über 3 % der über 50-Jährigen leiden an ET, während Parkinson etwa 0,6 % der über 45-Jährigen betrifft. Die Behandlung gestaltet sich häufig schwierig: Medikamente sind nicht immer wirksam, und die tiefe Hirnstimulation (THS) ist zwar etabliert, bleibt aber in ihrer Wirkung uneinheitlich. Bei der THS ist die Wahl des optimalen Zielareals umstritten: Nucleus subthalamicus (STN), Nucleus ventralis intermedius des Thalamus (VIM) oder Globus pallidus internus (GPi) – alle kommen infrage, aber keiner ist universell überlegen.

Von Zielstrukturen zu Netzwerken: Der Paradigmenwechsel in der Tremor-Therapie

Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch, dass nicht ein einzelnes Hirnareal, sondern funktionelle Netzwerke für den Therapieerfolg entscheidend sind. Frühere Studien zeigten bereits, dass Läsionen, die den Tremor beseitigen, mit ähnlichen Hirnarealen funktionell verbunden sind wie effektive THS-Ziele. Diese Überlappungen deuten auf ein übergeordnetes Tremor-Netzwerk hin. Doch bislang fehlte eine umfassende Analyse, die Daten aus unterschiedlichen Bildgebungsmodalitäten integriert und in Beziehung zu klinischen Ergebnissen setzt.

Konvergente Definition eines Tremor-Therapienetzwerks

Eine aktuelle Studie zu übergeordneten Tremor-Netzwerken um Dr. Lukas Goede von der Charité – Universitätsmedizin Berlin verfolgte vier Ziele:

  1. Untersuchung, ob Läsions-, Atrophie- und kombinierte EMG (Elektromyographie)-fMRT (funktionelle MRT)-Netzwerke die THS-Ergebnisse bei Parkinson und ET erklären.
  2. Identifikation eines gemeinsamen THS-Tremor-Netzwerks.
  3. Integration dieser Ergebnisse mit bisherigen Netzwerkkarten.
  4. Test der Generalisierbarkeit anhand einer unabhängigen GPi-THS-Kohorte mit Parkinson.

Multimodales Netzwerk als Prädiktor für Therapieerfolg bei Tremor-Patienten

Daten aus 138 Hemisphären (STN-THS bei Parkinson: n=65, VIM-THS bei ET: n=72) wurden ausgewertet. In beiden THS-Kohorten führten ähnliche Netzwerkanbindungen – insbesondere zur primären motorischen Kortexregion und motorischen Kleinhirnarealen – zu besseren Ergebnissen. Interessanterweise konnte das durch VIM-THS abgeleitete Modell auch STN-THS-Ergebnisse vorhersagen – und umgekehrt.

Forscher testen Tremor-Netzwerk in weiterer Parkinson-Kohorte

Durch integratives Mapping zweier THS-Netze mit drei Karten (Läsion, Atrophie, EMG-fMRI) entstand eine multimodale Karte des Netzwerks. Zur Validierung des Netzwerks, analysierten die Forscher seine Vorhersagekraft für den Therapieerfolg in einer dritten Kohorte bei Parkinson-Patienten mit THS des Globus pallidus (n=31). Die Ergebnisse erwiesen sich als robust und die Konnektivität zu diesem Netzwerk korrelierte signifikant mit der klinischen Verbesserung.

Bedeutung der Ergebnisse für die Therapie von Parkinson und essentiellem Tremor

Die Studie liefert starke Evidenz für ein einheitliches Tremornetzwerk, das unabhängig von Erkrankung (Parkinson vs. ET) und THS-Ziel (STN, VIM, GPi) gültig ist. Diese Erkenntnis stützt die Entwicklung symptombasierter – statt krankheitsspezifischer – Neuromodulationsstrategien. 

Übergeordnetes Tremor-Netzwerk bei tiefer Hirnstimulation adressieren 

Die Studie unterstreicht das Potenzial konvergenter Netzwerkkarten zur Verbesserung von Therapieentscheidungen bei Tremor-Patienten. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) betont die Bedeutung der Studienergebnisse in einer Meldung. „Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass auch Regionen außerhalb der klassischen Kleinhirn-Thalamus-Cortex-Achse, etwa der Globus pallidus internus, zur Tremor-Suppression beitragen können. Entscheidend ist, Strukturen anzuvisieren, die zum Netzwerk gehören“, so das Fazit der Experten.

Autor:
Stand:
30.06.2025
Quelle:

Goede et al. (2025): Convergent mapping of a tremor treatment network. Nature Communications, DOI: 10.1038/s41467-025-60089-6.

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