Zervikale Radikulopathie: Wann Operation, wann konservative Therapie?

Die Therapie der zervikalen Radikulopathie richtet sich zunehmend nach der zugrunde liegenden Ursache. Neue Studiendaten zeigen, wie sich operative und konservative Therapien bei Bandscheibenvorfall und Spondylose hinsichtlich Wirksamkeit und Sicherheit unterscheiden.

Nackenschmerzen Untersuchung

Zervikale Radikulopathien sind eine häufige Ursache für Schmerzen und Funktionseinschränkungen im Nacken- und Armbereich. Sie sind weltweit eine der Hauptursachen für Behinderungen, wobei die Inzidenz der zervikalen Radikulopathie bei etwa 83 Fällen pro 100.000 Personen pro Jahr liegt

Klinisch manifestiert sich die Erkrankung als radikulärer Schmerz entlang des Nervenwurzelverlaufs, häufig begleitet von neurologischen Ausfällen wie Sensibilitätsstörungen oder motorischen Ausfällen. Als typischer Untersuchungsbefund gilt ein positives Ergebnis im Spurling-Test. Die Diagnosesicherung erfolgt in der Regel durch bildgebende Verfahren, insbesondere durch eine Magnetresonanztomografie der Halswirbelsäule.

Einfluss der Ätiologie auf Verlauf und Therapie

Die häufigsten Ursachen der zervikalen Radikulopathie sind Bandscheibenvorfälle und degenerative Veränderungen im Rahmen einer Spondylose. Ein Bandscheibenvorfall führt typischerweise zu einem plötzlichen Symptombeginn, während sich Beschwerden bei einer Spondylose meist langsam und progressiv entwickeln.

Die zugrunde liegende Ätiologie beeinflusst sowohl den klinischen Verlauf als auch das therapeutische Ansprechen und ist entscheidend für die Wahl der Behandlungsstrategie. Frühere Studien konnten keinen eindeutigen Vorteil einer operativen Therapie gegenüber konservativen Maßnahmen nachweisen und unterschieden selten zwischen den Ursachen. Trotz insgesamt günstiger Prognose nimmt die Zahl operativer Eingriffe weiterhin zu.

Untersuchungsdesign und Studienpopulation

Vor diesem Hintergrund wurden erstmals zwei separate randomisierte Studien durchgeführt, die die Wirksamkeit operativer und konservativer Therapien bei zervikaler Radikulopathie differenziert nach Ätiologie untersuchten. Eingeschlossen wurden Erwachsene zwischen 20 und 65 Jahren mit einer Symptomdauer von mindestens drei Monaten, einem Neck Disability Index (NDI) über 30 und ausgeprägten radikulären Armschmerzen.

Vergleich zwischen operativer und konservativer Therapie

Die Patienten wurden randomisiert einer operativen oder konservativen Behandlung zugeteilt. In der operativen Gruppe wurde eine anteriore zervikale Diskektomie und Fusion (ACDF) mit Implantation eines selbsttragenden Titan-Cages durchgeführt. Je nach Befund wurde ein Segment bei Bandscheibenvorfall oder ein bis zwei Segmente bei Spondylose operiert.

Die konservative Therapie bestand aus sechs strukturierten interdisziplinären Sitzungen mit Fachärzten für Physikalische und Rehabilitative Medizin und Physiotherapeuten und verfolgte einen funktionellen, kognitiv-behavioralen Ansatz zur Förderung von Schmerzmanagement, Funktionsverbesserung und Bewältigungsstrategien.

Primärer Endpunkt war die Veränderung des NDI nach 12 Monaten. Zu den sekundären Endpunkten gehörten Schmerzintensität, psychische Belastung, Funktions- und Arbeitsfähigkeit sowie von den Patienten berichtete Gesundheitsveränderungen.

Operative Therapie bei Bandscheibenvorfall mit Vorteil, kein Unterschied bei Spondylose

Insgesamt wurden 180 Patienten in die Studien eingeschlossen, davon 89 in die Studie zum Bandscheibenvorfall und 91 in die Studie zur Spondylose. Die Ausgangscharakteristika waren zwischen den Gruppen weitgehend vergleichbar. Die Mehrzahl der Teilnehmenden hatte sensible Ausfälle und einen positiven Spurling-Test. Die Nachbeobachtungsrate nach zwölf Monaten lag bei über 95 %.

Bei Patienten mit Bandscheibenvorfall zeigte sich eine signifikant stärkere Reduktion der NDI-Werte in der operativen Gruppe im Vergleich zur konservativen Therapie. Der durchschnittliche Vorteil betrug 7,4 Punkte, blieb damit aber unter dem klinisch definierten Schwellenwert von 15 Punkten.

In der Spondylose-Studie zeigte sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Behandlungsgruppen. Beide Therapieansätze führten im Verlauf zu einer signifikanten Verbesserung der funktionellen Einschränkungen.

Operation bei Bandscheibenvorfall reduziert Schmerzen stärker

In der Studie zum Bandscheibenvorfall war die chirurgische Therapie zusätzlich mit einer stärkeren Reduktion von Arm- und Nackenschmerzen verbunden. In der Spondylose-Studie unterschieden sich die Gruppen nur geringfügig. Lediglich eine leichte Verbesserung der emotionalen Belastung zugunsten der Operation und eine bessere Griffkraft in der konservativen Gruppe wurden beobachtet. Sensitivitätsanalysen bestätigten die Hauptanalysen.

Komplikationen und Sicherheitsbewertung der Therapien

Die chirurgische Behandlung zeigte insgesamt ein günstiges Sicherheitsprofil. Vereinzelt traten Komplikationen wie Pseudarthrose, permanente Läsion des Nervus recurrens mit Dysphonie und allergische Hautreaktion auf. In der konservativen Gruppe wurden keine schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse dokumentiert.

Individuelle Therapieentscheidung erforderlich

Die Ergebnisse zeigen, dass eine operative Therapie bei zervikaler Radikulopathie nach Bandscheibenvorfall einen moderaten funktionellen Vorteil bringen kann. Allerdings wurden auch unter konservativer Therapie signifikante Verbesserungen erzielt, sodass eine differenzierte Therapieentscheidung erforderlich ist. Bei der degenerativen Spondylose zeigte sich kein Vorteil der operativen Therapie, was die Bedeutung konservativer Ansätze unterstreicht und das Konzept der obligaten mechanischen Dekompression infrage stellt. Die Wahl der Therapie sollte individuell erfolgen und sowohl die Ätiologie als auch die Erwartungen und das Risikoprofil der Patienten berücksichtigen.

Autor:
Stand:
19.05.2025
Quelle:

Taso et al. (2025): Surgical versus Nonsurgical Treatment for Cervical Radiculopathy. NEJM Evidence 2025, DOI: 10.1056/EVIDoa2400404

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