Die Brustrekonstruktion mit Implantaten ist ein etablierter Bestandteil der chirurgischen Therapie nach Mastektomie. In den vergangenen Jahren rückten jedoch implantatassoziierte Malignome, insbesondere das anaplastisch-großzellige Lymphom (ALCL), in den Fokus. Diese unerwünschten Ereignisse führten zu einer Black-Box-Warnung der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) für alle Brustimplantate. 2022 folgte eine erweiterte Sicherheitsmitteilung, in der auch andere Non-Hodgkin-Lymphome (NHL) erwähnt wurden. Bisher lagen jedoch fast ausschließlich Fallberichte vor.
Columbia-Studie analysiert Lymphomrisiko nach Brustrekonstruktion mit Implantaten
In einer aktuell in 'JAMA Network Open' veröffentlichten Studie untersuchte eine Forschungsgruppe von der Columbia University in New York das Risiko für Brustlymphome bei Frauen nach implantatbasierter Rekonstruktion. Dafür werteten sie das SEER-17-Datenbankregister (Surveillance, Epidemiology, and End Results) im Zeitraum von 2000 bis 2020 aus. Eingeschlossen wurden Frauen mit mindestens zwölf Monaten Nachbeobachtung nach einer krebsbedingten Mastektomie und anschließender Implantatrekonstruktion.
Die Auswertung erfolgte anhand standardisierter Inzidenzraten (SIR), die die beobachteten Fälle mit der erwarteten Inzidenz in der US-amerikanischen weiblichen Bevölkerung verglichen.
Daten von mehr als 61.000 Frauen ausgewertet
Insgesamt wurden 61.043 Patientinnen identifiziert, mit einem medianen Alter von 51 Jahren (IQR 44–60). Die mediane Nachbeobachtungszeit betrug 86 Monate (IQR 49–133), was 478.864 Personenjahren entspricht. Die Kohorte war ethnisch divers zusammengesetzt: 73,6 % waren weiß, 10,2 % hispanisch, 8,1 % schwarz, 7,5 % asiatisch oder pazifischer Herkunft sowie kleinere Anteile weiterer Gruppen.
Fünffach erhöhtes Risiko für Non-Hodgkin-Lymphome, über 40-fach für ALCL
Während des Beobachtungszeitraums traten insgesamt 15 Non-Hodgkin-Lymphome der Brust auf (SIR 5,03; 95 %-KI 2,82–8,30). Darunter befanden sich:
- 7 anaplastische großzellige Lymphome (SIR 41,6; 95 %-KI 16,7–85,8)
- 5 diffuse großzellige B-Zell-Lymphome (SIR 5,26; 95 %-KI 1,71–12,3)
- 2 kleinzellige lymphozytische Lymphome (SIR 16,7; 95 %-KI 2,02–60,2)
- 1 peripheres T-Zell-Lymphom, nicht näher bezeichnet (SIR 11,8; 95 %-KI 0,30–65,7)
Das mediane Intervall zwischen Implantation und Lymphomdiagnose betrug 83 Monate für ALCL und 82,5 Monate für andere NHL-Typen.
Exzessrisiken im niedrigen Bereich, keine Zunahme außerhalb der Brust
Das zusätzliche Risiko pro 1.000.000 Personenjahre betrug:
- 14,3 für ALCL
- 10,8 für andere NHL insgesamt
- 8,5 für diffuse großzellige B-Zell-Lymphome
- 3,9 für kleinzellige lymphozytische Lymphome
- 1,9 für periphere T-Zell-Lymphome
Bemerkenswert ist, dass fünf Fälle in der kontralateralen Brust auftraten. Ein erhöhtes Risiko für NHL außerhalb der Brust oder für Hodgkin-Lymphome wurde nicht festgestellt. Ebenso zeigte sich kein erhöhtes Risiko bei Frauen nach Mastektomie ohne Implantatrekonstruktion oder nach brusterhaltender Operation mit oder ohne Radiotherapie.
Fazit: Implantatassoziierte B- und T-Zell-Lymphome erstmals epidemiologisch belegt
Die Analyse liefert erstmals epidemiologische Evidenz für ein erhöhtes Risiko implantatassoziierter B- und T-Zell-Lymphome über das ALCL hinaus. Die Autoren verweisen auf chronische Entzündungsprozesse im Implantatumfeld als möglichen pathophysiologischen Mechanismus. Trotz der relativen Risikoerhöhung bleibt die absolute Inzidenz jedoch sehr niedrig.
Die Studie ist dadurch limitiert, dass keine Angaben zu kosmetischen Implantationen und zu implantatspezifischen Merkmalen wie Hersteller oder Oberflächenbeschaffenheit vorlagen. Die Autoren sehen weiteren Forschungsbedarf in der Aufklärung von Risikokonstellationen, klinischer Präsentation und optimalen Behandlungsstrategien.









