Der durchschnittliche Patient mit Krebs ist bei Diagnose 70 Jahre alt. Der Altersgipfel der Krebsneuerkrankungen reicht bis in die 80. Lebensdekade hinein. Die Zahl der über 80-Jährigen, die eine Krebsdiagnose erhalten, hat sich allein von 2015 auf 2019 um etwa 10.000 erhöht – Tendenz steigend, wie Prof. Dr. Ulrich Wedding, Hämatoonkologe und Chefarzt der Abteilung Palliativmedizin des Uniklinikums Jena, anlässlich des Deutschen Krebskongresses berichtete [1, 2].
Wenig Evidenz für alte Patienten
Für die Therapieentscheidung fehlt allerdings häufig eine gute Evidenzgrundlage. Ältere Patienten wurden aus den meisten Studien entweder per se aufgrund ihres Alters oder aufgrund von Komorbiditäten und funktionellen Einschränkungen ausgeschlossen. Für die Prognose potenziell ungünstig ist zudem, dass ältere Menschen mit Krebs viel seltener in zertifizierten Zentren behandelt werden als jüngere, sagte Wedding.
Geriatrisches Assessment schon ab 65 Jahren
In der Routine ist ein geriatrisches Assessment (GA) zur Unterstützung der Therapieentscheidung wichtig, ist er überzeugt. Die amerikanische Krebsgesellschaft ASCO empfiehlt ein GA bei jedem über 65-Jährigen mit Krebs vor Therapieentscheidung und -beginn [3]. Berücksichtigt der Behandlungsplan die Ergebnisse eines GA, kann das die Toxizität der Krebstherapie reduzieren, ohne die Prognose zu verschlechtern, wie eine prospektive Studie belegte [4]. Die mindestens 70-jährigen Patienten mit einem fortgeschrittenen soliden Tumor oder Lymphom und mindestens einer Beeinträchtigung nach dem GA entwickelten signifikant weniger selbst berichtete Toxizitäten eines Grads ≥2 oder ≥3 als die Gruppe gleichaltriger Patienten, bei denen vor Therapie kein GA durchgeführt worden war. Die Arbeitsgemeinschaft Geriatrische Onkologie empfiehlt primär ein Screening mit dem Instrument G8 und bei Auffälligkeiten in diesem Screening ein ausführliches GA [5]. Im Tumorboard sollte dann das Ergebnis des GA mit berücksichtigt werden.
Medikamentencheck vor Therapiebeginn
Zusätzlich zum GA empfahl Prof. Dr. Ulrich Jaehde, Leiter der Abteilung Klinische Pharmazie der Universität Bonn, vor der Therapieentscheidung die Überprüfung der bisherigen Medikation [6]. Listen wie PRISCUS können helfen, potenziell für Ältere nicht geeignete und für die Toxizität der onkologischen Therapie bedeutsame Medikamente zu identifizieren, zu ersetzen oder abzusetzen [7]. Dass das möglich ist, zeigt die noch nicht publizierte Studie IrMA aus Bonn. 96 Krebskranke im Alter ab 70 Jahren wurden nach einem onkogeriatrischen Assessment mit Hilfe der Einteilung der Cancer Aging Research Group (CARG) in Gruppen mit erwarteter hoher Toxizität (n=39) und erwarteter niedriger Toxizität (n=57) eingeteilt. In Abhängigkeit von der Zahl der bisher eingenommen Medikamente erfolgte ein Medikamentenmanagement, ein eher auf zu erwartende Symptome ausgerichtetes Management oder – bei hohem Toxizitätsrisiko – beides.
Medikation lässt sich bei vielen optimieren
Bei den 45 Patienten mit Polypharmazie (im Durchschnitt 8,8 Medikamente) wurden 230 interventionsbedürftige arzneimittelbezogene Probleme identifiziert. 61 umfassten potentiell inadäquate Medikationen, 53 Interaktionen und 51 Indikationen ohne Arzneimittel. Fast drei Viertel dieser arzneimittelbezogenen Probleme (73,9%) konnten laut Jaehde gelöst werden. Wie sich das auf die Toxizität der onkologischen Therapie auswirkt, wird derzeit noch ausgewertet.
Praktische Hilfen
Vor acht Jahren wurde der Bundeseinheitliche Medikationsplan eingeführt. Er gibt einen guten Überblick über die aktuelle Medikation. Allerdings setzt sich dieser vom Hausarzt zu erstellende Plan erst langsam durch. Nicht selten enthält er auch Fehler, daher ist laut Jaehde ein kritischer Blick zu empfehlen. Bei der strukturierten Analyse der aktuellen Gesamtmedikation kann die Apotheke helfen. Teilweise ist das auch schon Kassenleistung: Seit Juni 2022 werden die Kosten für die pharmazeutische Betreuung im ersten halben Jahr einer ambulanten oralen Antitumortherapie von den Gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Allerdings gibt es laut Jaehde noch nicht viele Apotheken, die einen entsprechenden Service anbieten.








