PSA-Screening: Einfluss auf Morbidität und Mortalität bei Prostatakrebs
In den frühen 1990er Jahren starteten Forscher die European Randomized Study of Screening for Prostate Cancer (ERSPC). Ziel dieser Studie war es, detaillierte und langfristige Daten zu sammeln, um die Auswirkungen des PSA-basierten Screenings auf Prostatakrebs-Diagnosen, Tumoreigenschaften, Behandlungsansätze und die kumulative Inzidenz von Krankheitsprogressionen zu analysieren. Zudem beabsichtigten sie, die Entwicklung der Tumoreigenschaften und der angewandten Behandlungen über die Zeit zu verfolgen.
Für den niederländischen Abschnitt der ERSPC wurden 42.374 Männer zwischen 54 und 74 Jahren rekrutiert. Diese wurden entweder einem PSA-Screeningarm oder einem Kontrollarm zugewiesen. Zusätzlich wurde ein Studienarm eingeführt, der sich auf die aktive Überwachung von Patienten mit Niedrigrisiko-Prostatakarzinom (Stadium ≤cT2a, Gleason-Score 6, PSA <10 ng/ml) konzentrierte.
Neubewertung des PSA-Screenings und seiner Auswirkungen
Frühere Analysen, basierend auf elfjährigen Nachbeobachtungsdaten, deuteten darauf hin, dass durch ein alle vier Jahre durchgeführtes PSA-basiertes Screening bei Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren bis zu 73 zusätzliche Lebensjahre pro 1.000 Männern gewonnen werden könnten. Berücksichtigt man jedoch die potenziellen Nachteile des Screenings, reduziert sich dieser Vorteil um etwa 23% [1].
Für diese Schätzungen wurde das Mikrosimulations-Screening-Analyse-Modell (MISCAN) verwendet. Es basierte auf Annahmen aus Studien, die zu Beginn der 2000er Jahre mit einer vergleichsweise kurzen Beobachtungszeit veröffentlicht wurden, und simulierte Langzeitdaten.
Dr. Renée Hogenhout und ihr Team vom Department of Urology des Erasmus MC Cancer Institute in Rotterdam griffen auf umfangreichere, empirische Daten der ERSPC zurück, um eine tiefere Analyse durchzuführen. Sie berücksichtigten Daten von 34.831 Männern im Alter von 55 bis 69 Jahren über einen Zeitraum von 21 Jahren. Ihre Ergebnisse wurden im Journal "European Urology Oncology" veröffentlicht [2].
Vorteile des Screenings: Frühere Erkennung und reduzierte Behandlungen
Im Screeningarm der Studie wurden bei den Patienten signifikant weniger fortgeschrittene Tumorstadien (T3/T4) festgestellt – 12% im Vergleich zu 23% im Kontrollarm, was einem relativen Risiko (RR) von 0,50 entspricht.
Des Weiteren zeigte sich, dass die kumulative Inzidenz von Krankheitsprogressionen im Screeningarm zehn Jahre nach Diagnosestellung bei 28,3% lag, während sie im Kontrollarm 40,6% betrug. Interessanterweise traten im Screeningarm Progressionen durchschnittlich erst 3,0 Jahre nach der Diagnose auf, im Gegensatz zu 2,4 Jahren im Kontrollarm.
Ein weiterer Vorteil des Screenings: Es waren deutlich weniger Sekundärbehandlungen (30% vs. 48%; RR = 0,61; p < 0,001) und palliative Maßnahmen (21% vs. 55%; RR = 0,38) im Screeningarm erforderlich im Vergleich zum Kontrollarm.
Herausforderungen des Screenings: Zunahme von Überdiagnosen
Trotz der Vorteile des PSA-basierten Screenings stellten die Forscher fest, dass Überdiagnosen häufiger vorkamen. Dies führte zu einer erhöhten Rate lokaler Behandlungen, insbesondere der radikalen Prostatektomie (32% im Vergleich zu 14%; RR = 2,18).
Jedoch zeigte sich im Verlauf der Studie ein positiver Trend: Die Anzahl lokaler Behandlungen nahm ab, während abwartende Managementstrategien, die weniger invasiv sind, an Beliebtheit gewannen.
Zukunft der Risikostratifizierung: Potenzial der MRT
Die Publikationsautoren interpretieren den Trend hin zu konservativeren Behandlungsansätzen als Bemühung, Überbehandlungen zu minimieren. Sie unterstreichen die Notwendigkeit neuer Risikostratifizierungsinstrumente, um Überdiagnosen zu vermeiden und so die Lebensqualität von Männern, die sich einem Prostatakarzinom-Screening unterziehen, zu steigern.
Basierend auf den ERSPC-Ergebnissen empfahl der Europäische Rat einen schrittweisen Ansatz, der Pilotprojekte und weiterführende Forschung einschließt. Ziel ist es, die Effektivität und Qualität von systematischen Programmen zu überprüfen, die auf PSA-Tests bei Männern basieren und durch ergänzende MRT-Untersuchungen ergänzt werden [3].
Univ.-Prof. Dr. med. Maurice Stephan Michel, Generalsekretär und Vorstandssprecher der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU), betonte auf dem 75. DGU-Kongress in Leipzig die Bedeutung der Umsetzung dieser EU-Ratsempfehlung. Er präsentierte einen risikoadaptierten, PSA-basierten Screening-Algorithmus im Kontext eines organisierten Früherkennungsprogramms, das von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert werden sollte [4, 5]. Aktuell übernehmen diese in Deutschland lediglich die Kosten für die Tastuntersuchung.









