Die Prävalenz von Tätowierungen hat in Europa und den USA stark zugenommen. In Schweden sind rund 20 % der Bevölkerung tätowiert, bei jungen Erwachsenen deutlich mehr. Gleichzeitig steigt die Melanominzidenz seit Jahrzehnten, was die Frage nach zusätzlichen Umwelt- und Expositionsfaktoren über die UV-Strahlung hinaus verstärkt.
Tattoo-Tinten enthalten polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, aromatische Amine und Schwermetalle, von denen einige als karzinogen gelten. Eine im 'European Journal of Epidemiology' veröffentlichte und an der Lund University durchgeführte Studie hat mögliche Zusammenhänge auf Bevölkerungsniveau analysiert.
2.880 Melanomfälle ausgewertet
Für die bevölkerungsbasierte Fall-Kontroll-Studie identifizierten die Forschenden über das schwedische nationale Krebsregister 2.880 Melanomfälle im Alter von 20 bis 60 Jahren. Für jeden Fall wurden drei alters- und geschlechtsgleiche Kontrollen aus dem Total Population Register gezogen. 2021 erhielten alle Teilnehmer einen standardisierten Fragebogen zu Tattoo-Status, Tattoo-Merkmalen, Expositionsdauer sowie bekannten Risikofaktoren wie UV-Exposition, Hauttyp, Sonnenbränden und Nutzung von Solarien.
Die Auswertung erfolgte mittels multivariabler logistischer Regression; berechnet wurden Inzidenzratenverhältnisse (IRR).
Erhöhtes relatives Risiko für tätowierte Personen
Unter den 1.598 Melanomfällen hatten 22 % eine Tätowierung vor Diagnosedatum. In der Kontrollgruppe lag der Anteil bei 20 % (815/4.097).
Nach Adjustierung zentraler Einflussgrößen wie UV-Exposition, Hauttyp, Sonnenbränden und Solariennutzung war eine Tattoo-Exposition mit einem 29 % erhöhten relativen Risiko für ein kutanes Melanom verbunden (IRR 1,29; 95 %-Konfidenzintervall [KI]: 1,07–1,56).
Weitere Ergebnisse:
- Personen mit 10–15 Jahren Expositionsdauer hatten das höchste Risiko.
- Ein erhöhtes Risiko zeigte sich sowohl für in-situ- als auch invasive Melanome.
- Der Risikoanstieg betraf superfiziell spreitende Melanome und melanozytäre Nävi mit starker Atypie.
- Nur 30 % der Melanome lagen im tätowierten Körperareal.
- Bei Ausschluss immunsupprimierter Personen stieg das Risiko auf 32 %.
- Die Größe der tätowierten Fläche zeigte keinen linearen Zusammenhang.
Die Studie stellt eine der bislang methodisch stärksten Untersuchungen zu diesem Thema dar. Dennoch weisen die Forschenden darauf hin, dass die Ergebnisse eine mögliche Assoziation darstellen und keine Kausalität belegen.
Unterschiedliche Tumorentitäten und mögliche immunologische Einflussfaktoren
Tattoo-Pigmente werden vom Immunsystem als Fremdstoffe erkannt, durch Immunzellen aufgenommen und können in regionalen Lymphknoten gespeichert werden. Unter UV-Einwirkung können bestimmte Azo-Farbstoffe zudem in aromatische Amine zerfallen.
Vorarbeiten desselben Forschungsteams zeigten:
- erhöhte Risiken für Lymphome,
- keinen Risikoanstieg für kutane Plattenepithelkarzinome.
Diese Muster deuten darauf hin, dass die Rolle von Tattoo-Exposition je nach Tumorentität variieren kann.
Einordnung der Datenlage
Um die aktuelle Datenlage einzuordnen, lohnt der Blick auf weitere epidemiologische Studien. Eine erst kürzlich im 'Journal of the National Cancer Institute' veröffentlichte Studie aus Utah berichtete von einem abweichenden Risikomuster mit einem reduzierten Melanom-Risiko bei stark tätowierten Personen. Aufgrund deutlicher Unterschiede in Studiendesign, Studienpopulation und Adjustierung zentraler Einflussgrößen lassen sich beide Analysen jedoch nicht direkt vergleichen.
Wichtige Punkte für Anamnese und dermatoskopische Kontrolle
Die Ergebnisse der Untersuchung liefern zusätzliche Hinweise darauf, dass neben der UV-Exposition auch andere Faktoren zur Entstehung des kutanen Melanoms beitragen können. Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass tätowierte Hautareale sorgfältig beurteilt werden sollten, insbesondere wenn sich dort oder in unmittelbarer Umgebung atypische Nävi finden. Zudem kann die Erfassung der Dauer der Tattoo-Exposition im Rahmen der Anamnese hilfreich sein.
In der Publikation wird auf weiteren Forschungsbedarf zur chemischen Zusammensetzung und zum Verhalten von Tattoo-Pigmenten im Gewebe sowie zu möglichen immunologischen Effekten hingewiesen. Künftige Studien, insbesondere longitudinal angelegte Ansätze, könnten dazu beitragen, die beobachteten Zusammenhänge bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen präziser zu charakterisieren.








